Videotrash

Vermutlich muss man sich das momentan so vorstellen: Irgenjemand in einer Onlineredaktion hat gelesen, dass Videos hip seien, irgendwie. The next big thing, sozusagen. Dann beschließt man im mittlgroßen Kreis, dass man dieses „spannende“ Medium auch mal ausprobieren müsste. Was man dann auch tut und bei der anschließenden Manöverkritik in ein interessantes Fahrwasser kommt: Man beschließt nämlich kurzerhand, jeden noch so offensichtlichen handwerklichen Fehler damit zu entschuldigen, dass das ja „nur fürs Internet“ war. Und weil man bei der Produktion von Videos und Filmen ganz erstaunlich viele Fehler machen kann, hört man den Satz, es sei ja nur fürs Web, ebenso erstaunlich oft.

Und was man das nicht alles sieht: verwackelte, ungeschnittene Bildchen, Vertonungen, dass es einem die Löffel weghaut, gewagte Kameraeinstellungen, kurzum: fröhliches Dillettieren, manchmal auch ohne fröhlich. Man mag dem Ganzen bei YouTube ja stellenweise noch einen gewissen Charme zubilligen und die Videos als ein eher anarchisches Medium betrachten, aber auf Dauer würde man dann doch gerne Videos von Leuten sehen, die ihr Handwerk einigermaßen beherrschen. Sogar im Web.

Gleichzeitig würde man sich auch über jemanden freuen, der sich mit der ernsthaften Weiterentwicklung von Videos im Netz ein paar Gedanken macht. Weil umgekehrt ja auch die pure Transformation des konventionellen TV-Videos ins Netz nicht so richtig spannend ist, davon abgesehen, dass es ein paar gute technische und inhaltliche Gründe gibt, warum bestimmte Sachen aus dem „großen“ Fernsehen auf einem kleinen Flashplayer oder dem iPod nicht so wirklich gut funktionieren. Solche Formate (weiter-)zu entwickeln, das wäre mal eine echte Perspektive. Mag aber keiner so recht, was vermutlich mal wieder auch dem Schmarrn der IVW-Zählung geschuldet ist: Ein noch so gutes Video (und wer schon mal gedreht hat weiß, welchen zeitlichen Aufwand das in der Regel erfordert) bringt eben nur einen einzigen Pageview. Da ist die Bildergalerie schneller gemacht, bei ungleich mehr PI´s.

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7 Kommentare

  1. Was ich daran so schlimm finde: Alle versuchen dem dollen Fernsehen nachzuahmen (hat auch was mit IVW und vermarktbaren Klicks zu tun). Anstatt neue Dinge auszuprobieren, neue Wege zu gehen. Und irgendwann – schwupps – haben die dollen Fernsehsender das professionelle Web-TV für sich vereinnahmt. Das Ende einer Bewegung.

  2. Peng, erwischt 🙂 Die Kollegen liefern uns das Material, welches (noch!) beim Durchschnitts-User blendend ankommt. Wir kümmern uns dann noch verstärkter um Video abseits der Norm.

    @Mathias: Vielleicht wird es diesen Königsweg nie geben. Und wir experimentieren ein ganzes Berufsleben lang. Vielleicht ist dies sogar der richtige Weg: Immer weiter ausprobieren, immer neu erfinden, immer am Ball bleiben.

  3. Volle Zustimmung. Vor allem zu der unseligen Page-View-Zählung. Natürlich kosten z.B. ein Quiz nur den Bruchteil einer Videoproduktion und erzeugt PIs im Dutzend, während ein noch so gutes und langes Video genau einen PI produziert. Höchste Zeit dass IVW und AGOF endlich eine Reform der Zählweise angehen. Die derzeitige Erfolgsmessung torpediert in der Regel jeden Ansatz, in hochwertige Video-Angebote zu investieren.

  4. Und wer zahlt die toll geschnittenen und produzierten Videos? Billig soll es sein, am besten gratis und werbefinanziert. Qualität? Inhalt? Ist doch egal, Hauptsache, es flimmert und „trailert“ vor sich hin.
    Wo sind denn die Kunden, die ordentlich produzierte Videos bezahlen können/wollen?

  5. Hmm. Noch gibt es kaum Werbung in Videos, leider. Zum anderen verwundert es kaum: Redaktionen, die schlechte Texte online stellten mit der Begrueundung, es sei ja nur fuers Internet, werden das bei Videos nicht anders machen. Aber: Man darf sehr wohl Kompromisse machen bei der Qualitaet. Das Medium Internet verlangt ein anderes Format, weniger Totalen, mehr Closeups. vor allem aber einen guten Ton. Und genau da wird gespart: Man kauft HD-Kameras, aber ohne externen Mic-Eingang oder wenn, dann irgend eine 10 Euro Gurke

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