Die öffentlich-rechtliche WAZ

Wenn es ums Internet geht, benehmen sich Verlage und Verbände momentan ausgesprochen, nunja — eigenartig. WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus beispielsweise hat jetzt eine besonders originelle Idee: Wenn denn schon öffentlich-rechtliches Internet als „Rundfunk“ deklariert werde, dann müsse man allen, die „journalistisch hochwertige Angebote“ produzieren, etwas von der Rundfunkgebühr abgeben. Sprich (wer sonst könnte gemeint sein): hochwertiger Journalismus, wie ihn Zeitungsverlage eben so anbieten.

Das ist in der momentan leicht kriegslüsternen Argumentation der Verlage der vielleicht bizarrste Vorstoß. Bizarr vor allem, weil er der bisherigen Argumentation der Verbände völlig zuwider läuft. Die nämlich waren es bisher, die dem Gutachten zur Onlinepräsenz der öffentlich-rechtlichen Sender vorwarfen, eine „bestellte Wahrheit“ (FAZ) zu sein. Weil es sich bei Internetangeboten eben explizit nicht um Rundfunk handle, sondern um so genannte Telemedien. Jetzt macht Nienhaus einen interessanten Spagat: Entweder sei es kein Rundfunk, den man im Netz betreibe, dann bekommt niemand was (bzw. müssen die Sender raus aus dem Web). Oder aber es ist doch Rundfunk, dann machen Zeitungen jetzt auch Rundfunk und wollen dementsprechend Rundfunkgebühr. Interessante Idee: Ein Fernsehzuschauer in München bezahlt künftig auch für die Onlinepräsenz der WAZ oder der Kieler Nachrichten.

Man darf dann auch gespannt sein, wie Herr Nienhaus und die Verbände definieren wollen, was genau „hochwertig“ ist. Ist „bild.de“ hochwertig?  Oder doch erst faz.net? Nachdem die Hochwertigkeit allerdings vermutlich schon bei „derwesten.de“ beginnt, bekommen demnach auch RP Online oder pnp.de nach den Vorstellungen des WAZ-Mannes künftig Anteile aus Geldern, die ja eigentlich explizit erhoben werden, um öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu finanzieren. Einen anderen Zweck haben Rundfunkgebühren nie gehabt, auch SAT 1 erhält ja (aus guten Gründen) keinen Cent Rundfunkgebühren. Denen müsste man übrigens dann nach Niehaus Logik auch was abgeben. Eine Rundfunkgebühr für alle, was für eine groteske Idee.

Aber vielleicht genügt es ja fürs Erste, wenn jemand mal Nienhaus erklärt, was es genau auf sich hat mit einem dualen Rundfunksystem. Wie das so ist mit einem bewusst gebührenfinanziertem Sendersystem und einer privatwirtschaftlich organisierten Presse. Und dass es übrigens auch gar kein Schaden ist, wenn Zeitungen und Rundfunk völlig staatsfern und finanzierungsunabhängig sind. Letztlich fordert Nienhaus nichts anderes als verkappte staatliche Subventionen für Zeitungen — und wenn es mal soweit ist, muss die Verzweiflung schon verflixt groß sein.

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2 Kommentare

  1. wenn es mal soweit ist, muss die Verzweiflung schon verflixt groß sein

    Nö. Jedes Mittel, die Gewinner der Eigentümer zu erhöhen, ist denen [das wären die betriebswirtschaftlichen Anzugträger] jederzeit recht. Laut deren eigenen Pressemeldungen und PKs im Zusammenhang mit Jahresabschlüssen, geht es den Verlagen ausnehmend prächtig – habe ich so gehört. Wenn man aber durch lächerliche Panikmache die Masse der Hinter- und Vorderbänkler im Bundestag überzeugen kann, auch noch Steuergelder an die Verlage zu verschwenden … Tja, dann versuchen sie’s halt. Bei Banken und Autoindustrie klappt es ja auch.

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