Notizblog (8): Und über was reden wir jetzt?

Ich habe nie verstanden, warum es Menschen gibt, die drei oder vier Handys haben. Die meisten können das zwar mehr oder weniger plausibel erklären, aber man muss das ja nicht verstehen. Reden kann man eh nur mit einem und wenn man nicht gerade ein Hyperprominenter ist, der tatsächlich sein sehr eigenes Handy mit einer sehr geheimen Nummer braucht, dann kommt man, glaube ich, mit einem Gerät ganz gut aus. Ist man keiner der Zweithandy-Bedürftigen, stünde man wahrscheinlich, bekäme man ein zweites, schnell vor der Frage: Und was mache ich jetzt damit? Ein bisschen so kommt mir momentan die Kommunikation bei Googles Plus vor. Wenn man da jetzt dasselbe erzählt wie bei Facebook – hätte man dann nicht auch gleich bei Facebook bleiben können? Und wenn man was anderes erzählen will, was denn dann? Jedenfalls bringen mich die momentanen Timelines bei G+ immer ein wenig ins Schmunzeln, sie wirken irgendwie so rührend bemüht: Nein, wir sind hier nicht bei Facebook! Netizens diskutieren über das Netz als solches, das ist hübsch, irgendwie momentan aber auch ein bisschen fad. Muss ja nicht gleich die volle Prolldröhnung sein, aber hallo, den ganzen Tag nur Netz??

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Eine Studie hat jetzt herausgefunden, dass rund ein Drittel der in Deutschland arbeitenden Journalisten die Segnungen des crossmedialen Arbeitens rundheraus ablehnt. Der ganz große Entrüstungsaufschrei ist ausgeblieben, vermutlich auch deswegen, weil niemand wirklich verblüfft darüber ist, im Gegenteil, beinahe wäre man ja geneigt zu fragen: nur ein Drittel? Gut, ein weiteres Drittel ist ebenfalls nicht begeistert von Crossmedia, akzeptiert das Ganze aber wenigstens. Wenn man ein bisschen den Alltag in deutschen Redaktionen kennt, wundert man sich über diese Zahlen nicht – und mag sich auch nicht darüber aufregen: Wer es bis heute nicht kapiert hat, ruiniert seine eigene Zukunft. Das ist alles.

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5 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Jakubetz,
    wenn ein Lehrer zwei oder drei Klassen parallel unterrichten soll, in unterschiedlichen Fächern, wie, glauben Sie, wird dann die Qualität des Unterrichts sein? Wenn Sie nun statt des Lehrers den Journalisten nehmen, der crossmedial arbeitet, also für mehrere Medienebenen, und zwar ebenfalls parallel, wie, glauben Sie ist , ist dann die Qualität seiner Arbeit? Die Supermänner finden Sie nur im Netz, aber nicht in der realen Medienwelt.

  2. Sehr geehrtes Echo,

    Ihr Kommentar zeigt m.E. die Problematik ganz schön: Sie haben recht, müsste ein Lehrer parallel unterrichten, hätte er ein Problem. Niemand verlangt allerdings (oder besser: sollte von uns nicht verlangen), dass wir die Dinge gleichzeitig machen. Dass wir aber mehr als ein Fach beherrschen sollten, scheint mir keine unmögliche Forderung zu sein. Jeder Lehrer, um in Ihren Bild zu bleiben, muss schließlich mehrere Fächer unterrichten. Nur nicht gleichzeitig. Im Übrigen könnte ich Ihnen mühelos eine ganze Reihe von Kollegen nennen, die in der Lage sind, auf mehreren Kanälen zu arbeiten und das auch noch sehr gut machen. Von denen würde sich allerdings jeder gegen die Vermutung wehren, er sei Superman.

  3. Sehr geehrter Herr Jakubetz,

    ich habe schon verstanden, was Sie sagen wollten. Sie sind zwar selbst ein erfahrener Journalist, aber lange raus aus dem operativen Geschäft. Es scheint, dass die Realität Sie überholt hat.
    Warum wird die sinkende Qualität im Journalismus beklagt? Weil die Leute auf zu vielen Hochzeiten, sprich: auf mehreren Medienebenen, tanzen müssen, und zwar nicht nur langsamen Walzer, sondern Rock ’n‘ Roll. Dalli dalli. Dass manche das perfekt hinkriegen, bezweifle ich nicht , ich kann ja auch beobachten – nur: Das perfekte Handling führt im Ergebnis nicht automatisch zu guter Qualität. Die Wirklichkeit widerspricht jedenfalls eindeutig Ihrer These.
    Oder glauben Sie ernsthaft, dass ein Crossmedia-Journalist, der, ausgerüstet mit Block und Stift, Aufnahmegerät, Fotoapparat, Videokamera, von einem Ereignis für die Printausgabe berichtet, einen exklusiven Online-Beitrag samt Bildergalerie erstellt, zusätzlich ein Filmchen mit O-Tönen dreht, und womöglich das Ereignis auch noch kommentieren soll, tatsächlich gleiche Qualität abliefern kann oder gar eine bessere als sein Kollege, der exklusiv für ein Medium berichtet? Gut möglich, dass Sie das mit ja beantworten, aber dann sind Sie ein Fantast.

  4. Liebes Echo,

    Ihre Argumentation vom Theoretiker, den die Zeit überholt hat, weil schon lange raus aus dem operativen Geschäft – die klingt knackig, hat aber einen kleinen Denkfehler: Sie stimmt nicht, wenn Sie bitte selber nachlesen mögen.

    http://www.wired.de/2011/06/22/wired-christian-jakubetz/

    Ich dachte, Sie würden gründlicher recherchieren.

    Und um ganz ehrlich zu sein, ich glaube, dass ich mehr an Redaktionen sehe als Sie und insofern schon ganz gut weiß, was da passiert. Nicht falsch verstehen: Ich sehe die Problematik und negiere sie auch nicht. Ich denke aber auch, dass sowas mit guter und intensiver Ausbildung kompensiert werden kann. Genau das findet allerdings nach meiner Erkenntnis in vielen Häusern nicht statt. Sie gestatten mir die Anmerkung: Ich glaube, in Ihrem auch nicht. Zumindest lässt der äußere Eindruck Ihrer Angebote nicht darauf schließen, dass sich Ihr Haus wirklich ernsthaft mit den neuen journalistischen Darstellungsformen auseinandergesetzt hat, wenn ich das mal in dieser Deutlichkeit anmerken darf. Und nein, dafür können Sie persönlich nichts – und es spricht für Sie, sich dieser Diskussion zu stellen.

  5. Lieber Herr Jakubetz,

    Sie nötigen mich doch nochmals zu einer Erwiderung, aber dann muss es gut sein. Was Sie zu den Ausbildungsdefiziten sagen, da stimme ich Ihnen zu. Ich stimme Ihnen auch zu, dass in modernen Medienhäusern crossmedial gedacht und gearbeitet werden muss, das bedeutet: Vernetzung der einzelnen Medienebenen mit dem Ergebnis eines optimalen journalistischen Gesamtangebots.
    Heftig widersprechen muss ich, wenn crossmedial bedeutet, ständig in und für verschiedene Medienebenen zu arbeiten – Print, Online, Radio, TV – dann bedeutet das neben der enormen persönlichen Belastung der journalistischen Klasse vor allem Oberflächlichkeit , Verflachung, Seichtheit der Berichterstattung – rapider Verlust an Qualität. Daran kann es ja wohl keinen Zweifel geben und dagegen richten sich die Bedenken erfahrener Journalisten. Das hat mit Bequemlichkeit und Phlegma oder dem Beharrren auf Besitzständen nullkommanull zu tun, wie auch in Ihrem Blog und in einigen anderen immer wieder mal etwas süffisant vorgebracht wird, sondern mit Erfahrung – und letztlich auch Sorge.
    Ich grüße und verbleibe

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