Universalcode – die nächsten Stimmen

Fast 600 Seiten – die muss man erst mal gelesen bekommen. Deshalb wundert es mich nicht so sehr, dass die ersten besprechungen und Meinungen zu „Universalcode“ erst jetzt, rund vier Wochen nach dem Ausliefern der ersten Bücher, eintrudeln. Dafür sind wir alle, ohne Schummeln, mit den bisherigen Resonanzen und Reaktionen sehr zufrieden. Eine ausgiebige Rezension hat Jörg Eschenfelder geschrieben, sie lautet so:

Journalismus findet seit einigen Jahren eine rege Debatte über die Zukunft der Zunft statt. Hintergrund sind sinkende Anzeigenerlöse, Renditeerwartungen seitens der Verleger und Sender, die Gratiskultur des Internets sowie die neuen technischen Möglichkeiten. Die Journalisten stehen inmitten einer medialen Revolution und sind – ratlos. Mit «Universalcode» haben sich einmal mehr Christian Jakubetz, Ulrike Langer und Ralf Hohlfeld in diese Debatte eingebracht.

Der Titel ist ambitioniert: «Universalcode». So heißt das Buch, das nichts Geringeres behandelt als den «Journalismus im digitalen Zeitalter». Die Herausgeber Christian Jakubetz, Ulrike Langer und Ralf Hohlfeld haben dazu 17 Autoren eingeladen – Journalisten, Praktiker und Vordenker -, um über nahezu alle Aspekte des Journalismus im digitalen Zeitalter zu schreiben.

Dabei wird deutlich: Die Revolution im Journalismus ist eine Revolution der Produktions- und Publikationsbedingungen. Diese kann zu einer inhaltlichen führen, da nun mehr und andere Themen veröffentlicht werden können als bisher. Doch die Aufgaben, die Kompetenzen und Qualifikationen, die einen Journalisten definieren, werden sich auch in Zukunft nicht verändern: Geschichten zu erzählen, die das Leben schrieb. Geschichten, die auf überprüfbaren, verifizierten Fakten beruhen. Geschichten, die helfen, im Dickicht des Lebens ein klein wenig Orientierung zu finden.

Das wird bleiben. Ändern wird sich die Art und Weise, wie die Geschichten künftig erzählt und publiziert werden, sowie welche Geschichten künftig erzählt werden. Um diese Geschichten zu erzählen, stehen dem Journalisten stehen künftig im Grunde genommen alle Mittel und Wege offen: Text, Bild, Ton, Video – getrennt oder kombiniert. Am besten so, wie es die Geschichte erfordert.

Die neuen Möglichkeiten nutzen!

Ok, das ist nicht neu. Das gibt es schon länger: Aber erstmals sind die Hürden so niedrig (Smartphones reichen schon aus – so die Autoren von Universalcode), um alle Mittel zu nutzen. Oder anders ausgedrückt: Aus dem Spezialisten für Malerei, Druckgrafik oder Bildhauerei – wird der Allround-Künstler, der alle Werkzeuge einsetzt, um seine künstlerische (oder journalistische) Energie in Form zu bringen. Er muss nicht alle Formen nutzen, aber er kann. Es wird auch künftig Spezialisten geben.

Und: Der Journalist ist, um zu publizieren, nicht mehr von einem Verleger oder einer Sendeanstalt abhängig. Der Journalist kann im digitalen Zeitalter seine Geschichten traditionell oder vollkommen neu erzählen – und sie selber der Welt präsentieren.

Doch das journalistische Handwerk bleibt: Auswahl, Recherche, Erzählen. Die traditionellen Maßstäbe und Regeln für Qualität bleiben – auch im digitalen Zeitalter, ABER es kommen neue Möglichkeiten hinzu und die gilt es zu nutzen, mit denen gilt es zu spielen.

Das machen die Autoren im «Universalcode» deutlich. Die Lektüre macht Lust und Freude auf dieses Experimentieren. Sie gibt die Freiheit wieder, Geschichte doch einfach zu erzählen. Wie? Mit den Mitteln, die am besten geeignet und verfügbar sind. Das ist das große Plus von «Universalcode»: Die Lektüre macht den Blick frei – in einer oft quälenden, teils larmoyanten, teils sich im Kreis drehenden Medien-Debatte.

Feuer für den Beruf

Besonders wohltuend und inspirierend sind die Artikel von Christian Lindner («Macht Content, kein Layout – über den Wandel des Lokaljournalismus») und das Schlusswort von Richard Gutjahr («Nichts um seiner selbst willen»). Sie räumen das Gerümpel beiseite, zeigen, warum es einst schön war, Journalist zu werden: Rausgehen, Zeit haben, mit den Menschen reden und dann Geschichten erzählen. Sie zeigen, dass dies immer noch der Kern von gutem Journalismus ist. Sie zeigen, warum es immer noch wichtig und richtig und gerade mit den neuen technischen Möglichkeiten schön und spannend ist, Journalist zu sein. Das befeuert, macht Lust – und ist wohl die größte Hilfe für den Journalismus im digitalen Zeitalter. Denn ohne Feuer für den Beruf ist alles andere nichts.

Allerdings gibt es auch Schwachstellen. «Universalcode» liefert keine – wie sollte er auch – Antwort auf die Krise des Journalismus, die eine Krise seiner Finanzierbarkeit beziehungsweise eine Krise der Renditeerwartungen ist. Wie können, sollen Journalisten recherchieren, Geschichten erzählen, wenn die Verlage Honorare kürzen, alle Rechte einfordern, wenn der Wert guter Arbeit nicht mehr honoriert, aber dessen Qualität eingefordert wird? Der Verweis auf Unternehmerjournalismus und die Positionierung des (freien) Journalisten als «Marke» reicht da alleine nicht. Das ist ein alter Hut und wurde andernorts schon abgehandelt.

Unterm Strich bleibt: Der «Universalcode» ist lesenswert. Er fasst eine breite Debatte in einem Buch zusammen. Er zeigt die Probleme auf, weist in manchen Bereichen den Weg und macht bei anderen offenkundig, wie ratlos alle sind.

«Universalcode» ist nicht der goldene Weg in die Zukunft des Journalismus. Aber es ist der lobenswerte Versuch, im Dickicht gangbare Wege zu finden und zu weisen. Ob diese zum Ziel führen? Dafür gibt es keine Gewähr. Also, weg vom Schreibtisch und raus auf die Straße. Für Letzteres macht Universalcode auf jeden Fall Mut. Danke.

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