Scheißebombe, Mr. Jarvis!

Jeff Jarvis hat sich mal wieder geäußert und (fast) alle finden es toll. Dabei ist eine digitale Welt nach den Vorstellungen des Gurus für irgendwas weitaus unerträglicher als vieles andere.

Ab und an schreibt der „Spiegel“ Titelgeschichten, die sich mit der Digitalisierung der Welt auseinander setzen. Weil der Journalismus im Allgemeinen und der „Spiegel“ im besonderen den Dingen gerne mal etwas skeptisch gegenüberstehen, sind die Geschichten des „Spiegel“ über die Digitalisierung keine reinen Jubelarien, sondern von einer gewissen Grundskepsis geprägt, Überraschung aber auch. Dass der „Spiegel“ gerne auch seiner Rolle als Zentralorgan der Apokalyptiker gerecht wird, kommt erschwerend hinzu, so dass am Ende Geschichten über das Silicon Valley stehen, die dann so aussehen:

 

spiegel eurotechnopanic

Liest man diese Geschichte durch, muss man der dortigen Grundhaltung, die Jungs aus dem Valley würden nichts anderes tun als uns vorzuschreiben, wie wir zu leben haben, nicht zwingend teilen. Trotzdem gibt es einige Punkte, die man durchaus bedenken kann, so wie man auch als überzeugter Digital-Publizist nicht schlecht beraten ist, nicht jede digitalisierungskritische Stimme sofort als mindestens grenzdebil zu bezeichnen. Weil tatsächlich das vermutlich am häufigsten auftretende Gefühl bei diesem Thema das der Ambivalenz ist. Zu jedem „Ja“ bei diesem Thema lässt sich mühelos auch ein „Aber“ finden. Und eigentlich dachte ich, dass das spätestens seit dem Auffliegen der NSA eine Erkenntnis ist die man als common sense bezeichnen könnte.

Kommen wir damit zu einem Herrn namens Jeff Jarvis, der nicht nur von Branchendiensten wie „Meedia“ gerne als „Internet-Guru“ bezeichnet wird. So ein Guru ist eine feine Sache, weil er schon in der Stellenbeschreibung als Guru eine papstähnliche Unfehlbarkeit attestiert bekommt. Bei Jarvis gleicht auch die Verehrung zumindest in Deutschland der des Papstes (in anderen Ländern hört man lustigerweise gar nicht so viel von ihm). Jarvis findet ungefähr alles, was im Netz passiert, ziemlich großartig, schreibt schon mal Bücher mit dem Titel „What would Google do?“ und echauffiert sich sofort, wenn jemand irgendwas, was gerade im Netz passiert, nicht so toll findet, wie Jarvis es tun würde. Dafür ist er ja schließlich Guru, mit der Konsequenz, dass Jarvis auch mal einfach nur reflexgesteuert loskrähen kann und damit Schlagzeilen produziert.

Die jüngste Spiegel-Geschichte hat der Professoren-Guru auch gelesen und sie hat, wie zu erwarten war, sein Missfallen erregt. Deswegen hat er wieder tief in seiner Kiste mit den verbalen Keulen gegriffen, irgendwas von „Nazinerds“ oder „Nerdnazis“, in jedem Fall aber was mit Nazis krakeelt und zudem noch das zweifelsohne hübsche Wort „Scheißebombe“ kreiert. Das reicht im medialdigitalen Deutschland des Jahres 2015 immer noch für einen Aufmacher bei Meedia, etliche Tweets und erstaunlich viel Aufmerksamkeit dafür, dass man mit Begriffen wie „Scheißebombe“ und „Nazis“ hantiert. Die Zwischentöne mag Jarvis nicht so sehr (vielleicht ist das ja auch ein Grund für seine Popularität, die einfachen Lösungen sind schließlich immer gut). Und deswegen schreibt Jarvis über den „Spiegel“-Titel u.a.

Germany has outdone itself. In its latest issue, Der Spiegel all but portrays Silicon Valley as a nest of nerdnazis.

Outdone itself! Scheißebombe! Nerdnazis!

Man könnte, müsste, sollte über Jarvis lachen, wenn er krakeelt wie ein kleiner Junge auf dem Bolzplatz, den keiner mitspielen lässt. Wenn es nicht so traurig wäre – es reicht leider in einer vermeintlich aufgeklärten digitalen Szene völlig aus, dass einer irgendwas sagt, Hauptsache, es ist der Richtige. Jarvis, Guru = gut. Spiegel, Old Media = böse. Die Gleichung ist anscheinend für viele so verlockend, dass man Jarvis jeden hanebüchenen Quatsch durchgehen lässt, der irgendwann mal in der „prewar Propaganda“ endet.

Nein, ich teile beim besten Willen nicht jede Ansicht, die der „Spiegel“ in diesem Titel vertritt. Noch weniger teile ich aber die Absichten eines Professors und seiner Anhängerschaft, die unreflektiert jedem digitalen Irrsinn nachläuft, alles, wo „Netz“ drauf steht irgendwie toll findet, gelegentlich beim Thema „Big Data“ ins Sinnieren kommt, dann aber dann doch dem Scheißebombe-Vokabular folgt und einem Weltbild huldigt, das sich in erster Linie daraus ergibt, dass man am besten einfach das tut, was Google in einer solchen Situation täte.

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