Potentaten gründen keine Hauptabteilung Twitter

Richard Gutjahr hat sich heute beim Medienforum NRW an afrikanische Potentaten erinnert gefühlt. Nicht, weil man dort neuerdings auch über Globalpolitisches spricht, sondern weil ihm die Sendergewaltigen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk so vorkommen. Gutjahr kritisierte damit insbesondere den öffentlich-rechtlichen Umgang mit sozialen Netzen. Und weil das mit den Potentaten kein wirklich netter Vergleich ist, zeigte sich WDR-Intendantin Monika Piel angemessen entrüstet und fragte Gutjahr, woher er das denn alles so genau wissen wollte. Schlechter Konter, weil Gutjahr antworten konnte, er arbeite schließlich ja selbst für die ARD resp. den Bayerischen Rundfunk. Nicht gut, wenn man nur hört: “Blogger” – und damit per se ausschließt, der “Blogger” könne ja auch noch was Ordentliches machen. Frau Piel schaut sich vielleicht mal in Zukunft die “Rundschau Nacht” des BR an, die von einem Anchor namens Richard Gutjahr moderiert wird.

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Kurze Abschweifung: Das mit den Bloggern und den Journalisten bleibt ja weiterhin lustig. Dass die deutsche “Wired” von Thomas Knüwer gemacht wird, hat einige erstaunt, weil der doch eigentlich…richtig, Blogger! Über mich selbst durfte ich unlängst in einer Studie lesen, dass “the Jakubetzes of this world” (die Studie ist in Englisch”) “former freelancer” seien, die jetzt irgendwie bloggen. Lustig: Ich habe den weitaus größten Teil meines Lebens in Festanstellung verbracht und blogge auch nicht (wie diese Aussage impliziert), weil mir als “Freelancer” irgendwie die Arbeit ausgegangen ist. Kollege Knüwer hat irgendwie das halbe Leben beim “Handelsblatt” verbracht. Und Gutjahr, wie erwähnt – ist nicht nur früher Radio-und TV-Mann gewesen, sondern ist es immer noch. Wahrgenommen werden wir alle drei trotzdem als “Blogger” und es gibt tatsächlich eine ganze Reihe Menschen in dieser alten, analogen Welt, die dann ganz erstaunt sind, wenn man ihnen das sagt. Gerne wird dann nochmal gefragt: Aber wieso bist du Blogger geworden, wenn du vorher Journalist warst? Ach Kinners. Immerhin, in der “Drehscheibe” bin ich jetzt mal als “Großblogger” bezeichnet worden. Sollte vermutlich heißen, dass noch journalistische Spurenelemente in mir enthalten sind.

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Aber das wird sowieso in diesem Leben nichts mehr mit den alten und den neuen Medien. Nein, halt, falsche Formulierung. Es sind nicht die Medien, mit denen das nichts mehr wird. Eher handelt es sich dabei um Kulturen, die in etwa so verträglich sind wie Jogi Löw und Michael Ballack. Der eine versteht den anderen nicht. Jürgen Doetz beispielsweise, ein altes Schlachtross der Privatsender, hält die “re:publica” für “faschistoid”. Schöner könnte man das Dilemma nicht schildern: Nordafrikanische Potentaten vs. faschistoide Onliner. Könnte schwierig werden, dass sich diese beiden Kulturen jemals nochmal verstehen.

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Natürlich ist das auch ordentlich Ballyhoo, was da veranstaltet wird, mit den Fascho- und Potentatenvergleichen wird man viel eher mal bei den Turis und Kressens und Meedias zitiert, als wenn man einfach nur festhalten würde, dass das Alte und das Neue schlichtweg nicht kompatibel sind. Wenn RTL-Chefin Anke Schäferkordt beispielsweise festhält, entscheidend sei ja nicht, ob man dort twittere, sondern was der TV-Sender RTL mache, dann zeigt das den Unterschied. Im Übrigen hat Frau Schäferkordt damit nicht mal unrecht. Ich glaube nicht daran, dass deutsches Privatfernsehen den Sprung in dieses digitale Zeitalter schaffen wird, öffentlich-rechtliches in seinem aktuellen Zustand als etwas seriösere Kopie des privaten TV übrigens auch nicht. Ich glaube, dass sich speziell beim Thema Fernsehen die digitale Trennung manifestieren wird. Fernsehen, so wie wir es kennen, ist ein per se analoges und nicht-interaktives Medium und wird auch in Zukunft von genau diesem Publikum genutzt werden. Von Menschen, die eben nicht interagieren wollen, die einfach nur mal eben was schauen mögen und die froh sind, wenn man ihnen diese Entscheidung abnimmt. Will irgendjemand einen Tweet von Monika Piel lesen? Notabene: Der Durchschnittszuschauer des BR, für den Richard Gutjahr moderiert, ist über 60 und wird keine Ahnung haben, dass der nette junge Mann auf dem Bildschirm irgendwas im Internet macht. Wenn man so will, ist Richard Gutjahr also die menschgewordene digitale Teilung: Die Analogen wissen nicht, was er im Netz macht — und die Onliner staunen, wenn man ihnen sagt, Gutjahr gebe es auch im Anzug mit Krawatte beim Rentnersender BR.

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Digitale Teilung gibt es ja nicht nur im Publikum, sondern auch und vor allem bei uns Medienmenschen. Es haben sich zwei Kulturen entwickelt, eine analog, eine digital. Der Punkt ist also gar nicht, dass ARD und RTL jetzt twittern müssen. Die Kultur in der analogen Welt ist viel zu weit entfernt, als dass man den Gedanken begreifen würde, was so ein Tweed überhaupt bringen soll. Oder eine Facebook-Seite. Oder überhaupt irgendwas von dem ganzen neuen Kram. Bei den öffentlich-rechtlichen müsste dazu ja auch vermutlich erst mal eine umfangreiche Verordnung mit genau definierten Handlungsanweisungen in Kraft treten. Deren Verabschiedung würde frühestens im Jahr 2015 möglich sein, zumal speziell im ZDF ja auch noch debattiert würde, ob die Besetzungen der neuen Hauptabteilungen “HA Twitter” und “HA Facebook” auch mit der politischen Farbenlehre vereinbar sind. Davon abgesehen müsste zudem verhandelt werden, wie hoch die tariflichen Zuschläge für twittern ab 22 Uhr und facebooken am Wochenende sind. Alles nicht so einfach.

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Heute also haben es zur Abwechslung mal die TV-Sender abbekommen, ansonsten stürzt sich die Netzgemeinde ja bevorzugt auf Verlage, wenn man mal wieder belegen will, wie rückständig alles Analoge ist. Trotzdem glaube ich nicht daran, dass wir alle künftig goldene Zeiten vor uns haben, weil wir jetzt alle eigene Marken und Unternehmerjournalisten und volldigitale Kleinpublizisten werden, die Tag und Nacht fröhlich mit den lieben Followern und Freunden kommunizieren und interagieren. Wenn ich mir heute so angesehen habe, wer bei Medienforum in Köln die digitale Seite vertreten hat, ich würde das dann doch überschaubar nennen. Es sind nicht so rasend viele, die mir einfielen, die als digitale Alleinpublizisten überlebensfähig sind. Und ein Teil von denen hat zumindest als Brotjob oder Backup noch einen analogen Auftraggeber in der Hinterhand. Das ist legitim, aber eben auch: Fakt.

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Wie also weiter? Es wird keine digital-analoge Fusion geben. Es wird beides weiterhin geben, aber das Pendel schlägt ganz eindeutig in die digitale Richtung aus. Digitales Publizieren wird bald eher die Regel denn die Ausnahme sein, die Mediensaurier von heute nehmen dafür zunehmend die Nischenplätze ein. So ist das mit der Evolution. Auch durch fleißiges Twittern wird der Saurier eben doch nichts anderes – als ein Saurier.