Die unheimliche Macht: Wie der „Spiegel“ Medienpolitik macht

Der „Spiegel“ hat in seiner aktuellen Ausgabe eine „Unheimliche Macht“ entdeckt: ARD und ZDF. Und schickt gleich hinterher: „Wie ARD und ZDF Politik betreiben“. Danach kommt ein bisschen Generalkritik. An Anstalten, denen „im Netz Hass entgegenschlägt“. Dass ausgerechnet der „Spiegel“ eine derart populistenfreundliche Titelgeschichte bringt, hätte man sich bis vor kurzem auch noch nicht vorstellen können. “Read

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Mit dieser Anzeige ist das ZDF gerade auf der Suche nach neuen Volontären. Als Voraussetzungen sind u.a. willkommen: Studienabschlüsse in Jura, Medienmanagement, Informatik, irgendwelche Naturwissenschaften. Offensichtlich nicht willkommen sind: Journalismus,  Kommunikationswissenschaften, Geisteswissenschaften.

Was zumindest eine Frage aufwirft: Was machen sie eigentlich so in diesen Studiengängen, die mit Journalismus und Kommunikationswissenschaft zu tun haben? Oder andersrum: Welchen Grund wird das ZDF wohl haben, diese Studiengänge plus die Geisteswissenschaften mehr oder weniger für unerwünscht zu erklären?

Noch Fragen zu Thema Netz-Hysterie?

Drüben bei Cicero habe ich gestern einen kleinen Kommentar zur Lanz-Peition geschrieben. Ich habe mir – kurz zusammengefasst – die Meinung erlaubt, dass diese Petition und die ganze Aufregung rund um ein missratenes Interview zum einen ein Missbrauch bzw. eine Trivialisierung des Instruments einer Petition seien. Und dass diese hysterische Rumgekeife so bezeichnend wie auch furchtbar nervig seien.

Und am liebsten würde ich ja ganz generell gerne bei gefühlten 99 Prozent der Debatten im Netz sagen: Jetzt beruhigen wir uns erst mal alle wieder. Kommt mal langsam wieder runter, wischt euch den Schaum vom Mund ab und schlaft mal eine Nacht drüber.

cicero

Bis dato stehen drüben bei Cicero jetzt 18 Kommentare. Davon abgesehen, dass mir natürlich niemand recht gibt, wird mir unter anderem ein Sprachgebrauch aus dem dritten Reich, eine Argumentation, mit der man auch Vergewaltigungen rechtfertigen könne sowie eine ungebührliche Nähe zum ZDF vorgeworfen.

Hat jemand noch Fragen zum Thema Hysterie?

Das Medienjahr 2013: Immer noch auf Antwortsuche

Es ist ja unbestritten ganz praktisch, wenn man sich gerade Gedanken über so etwas Ähnliches wie einen Jahresrückblick macht – und dann kommen andere daher und nehmen einem den einen oder anderen Denkanstoß ab und greifen dabei auch noch auf ein wohl sortiertes Audioarchiv zurück. So geschehen am Donnerstag Abend, als Daniel Fiene und der Herr Pähler ihren Jahresrückblick bei DRadio Wissen rausgehauen haben und mir freundlicherweise erlaubt haben, geschlagene 90 Minuten meinen Senf dazu zu geben, was man übrigens hier nachhören kann.

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Aber natürlich sind auch 90 Minuten Sendezeit etwas kurz, man bringt nicht alles rein, was man gerne hätte und man hat natürlich auch noch den einen oder anderen weiterführenden Gedanken. Einen, der im Jahresrückblick gar keinen Platz gefunden hat — ist einer, für den ich wahrscheinlich wenigstens verwunderte Blicke bekomme. Weil — Kollegen schelten und gleichzeitig Politiker wenigstens vorsichtig verteidigen, das geht gar nicht, will man nicht dem Verdacht ausgesetzt sein, man  sei wahlweise Parteigänger, Lobbyist oder schlichtweg nicht ganz bei Trost. Trotzdem oder gerade deswegen: Ich bin gerade 2013 den Eindruck nicht losgeworden, dass nicht nur unsere Außenwirkung ein wenig gelitten hat, sondern dass Journalisten immer häufiger den Versuchung erliegen, in einer für aufgeheizten Stimmungen sehr empfänglichen Öffentlichkeit immer öfter mal jegliches Maß und Ziel verlieren.  Wenn man beispielsweise in diesen Tagen erlebt, wie an strafrechtlich relevanten Vorwürfen gegen Christian Wulff ein beschämend lächerliches Maß übrig bleibt und wenn man sich gleichzeitig vor Augen führt, wie Wulff wie ein Verbrecher niedergeschrieben wurde — dann kann man sich zwar fragen, ob nicht die Justiz gerade maßlos übertreibt. Aber man muss sich dann eben auch die Frage stellen, ob nicht die mediale Berichterstattung auch dazu geführt hat, dass eine Staatsanwaltschaft sich möglicherweise erst so richtig ermutigt oder vielleicht auch unter Druck gesetzt gefühlt hat, Wulff ordentlich auseinander zu nehmen.

Damit wir uns nicht missverstehen: dass Wulff sich in seinen Ämtern unmöglich gemacht hatte, steht außer Zweifel. Aber unter dem Strich wird folgende Bilanz bleiben: Ein Mann verliert sein komplettes Ansehen, seine Ehe und seine Ehre, er wird einmal komplett öffentlich durchleuchtet einschließlich aller Kontoauszüge, Freundschaften und seiner Hauseinrichtung. Das alles wegen eines Vorwurfs, der sich irgendwo im dreistelligen Eurobereich bewegt. Und der, so viel lässt sich prophezeien, demnächst wegen Geringfügigkeit nicht mehr weiter verfolgt wird.

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Natürlich ist der Fall Wulff der extremste seiner Gattung. Aber auch andere Geschichten haben gezeigt, dass wir mal wieder über unser Selbstverständnis nachdenken sollten. Beispielsweise dieses ominöse Slomka-Gabriel-Interview. Da war eine Journalistin nicht nur schlecht vorbereitet, sondern beharrte auch quengelig wie ein Kleinkind auf einem Randaspekt des Themas. Ein Aspekt, von dem man heute weiß, dass er tatsächlich irrelevant war. Und einer, zu dem Gabriel eine klare Antwort gegeben hatte; es war ja nicht so, dass er sich vor einer Antwort gedrückt hätte. Ganz ehrlich: Wäre ich an Gabriels Stelle gewesen, hätte ich Frau Slomka auch irgendwann mal gefragt, was der Unsinn soll.

Was daran besonders nervt: Zunehmend öfter erlebt man Totschlagargumente, ist sofort die Pressefreiheit bedroht und am besten gleich noch der ganze Staat, wenn die Menschen auf der anderen Seite des Schreibtisches irgendwann mal sagen, dass es so nicht geht. Spätestens dann, wenn sich Michael Konken und der DJV melden, ahnt man, dass die Debatte zu Tode geritten ist. Es ist nur einfach nicht so, dass an einem missratenen Interview grundsätzlich der Interviewte schuld ist und dass jede Berichterstattung auch durch ihren Hintergrund gerechtfertigt ist. Im Fall Wulff und auch bei der Debatte um Gabriel und Slomka habe ich mich jedenfalls dabei ertappt, dass mein inneres Zustimmungspendel ungewollt gegen die Journalisten-Seite ausschlug. Dass das ZDF in der „heute-show“ noch eine dünne Satire brachte und eine „Horst-Seehofer-Journalistenschule“ parodierte, machte die Sache auch nicht wirklich besser. Natürlich sind Politikeranrufe bei Sendern immer so eine Sache, aber trotzdem: Sowohl im Fall Wulff als auch bei Gabriel gäbe es schon ein paar Gründe, die dafür sprächen, dass Journalisten mal ein bisschen in sich gehen und über den Unterschied zwischen hartnäckiger Recherche bzw. hartnäckigem Nachfragen und Maßlosigkeit und Oberflächlichkeit nachdenken.

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Wenn man denn unbedingt das Medienjahr 2013 bilanzieren will, dann ist das ungleich schwieriger als 2012. 2012 schien die Sache eindeutig: Die FTD machte dicht, die FR stand kurz davor. Man redete vom Zeitungssterben und davon, dass es wohl doch schneller gehen könnte mit dem Siechtum analoger Medien. In diesem Jahr ist das Bild ambivalenter. Das hat kein Deal klarer gezeigt als der zwischen Springer und Funke. Da gibt es auf der einen Seite den Verkäufer, der offenbar dauerhaft nicht mehr an dieses Kerngeschäft der gedruckten Regionalzeitung glaubt und sich stattdessen radikal an einer digitalen Neuausrichtung des Hauses versucht. Dass er dieses Kerngeschäft nicht verramschen musste, sondern stattdessen einen sehr anständigen Preis erzielte, lag daran, dass auf der anderen Seite jemand stand mit genau gegenteiliger Auffassung: Bei Funkes glauben sie anscheinend noch sehr an die gedruckte (Regional-)Zeitung. Obwohl, sogar innerhalb der Funke-Handlungen kann man jede Menge Widersprüche entdecken. Man hat auf der einen Seite fast eine Milliarde für die Springer-Blätter ausgegeben, auf der anderen Seite aber weiter Personal abgebaut, Redaktionen geschlossen und ab 2014 als Sparmaßnahme auch noch alle Agenturen außer dpa gekündigt. Wie das alles zusammen gehen soll, wissen sie vermutlich nur bei Funke selber.

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Es war ansonsten übrigens ein Super-Super-Wahljahr (frei nach Pep Guardiola) in Deutschland. Das wäre eine gute Gelegenheit zu bilanzieren, wie sehr sich neue Formen des Journalismus etabliert haben und was sich seit 2009 geändert haben könnte. Leider muss man, durchaus überrascht, feststellen, dass das so rasend viel gar nicht wahr. Die üblichen Verdächtigen bei süddeutsche.de und bei „Zeit Online“ haben sich wohltuend abgehoben von der Routine der anderen. Bei den meisten muss man allerdings feststellen: alles wie gehabt. Die ganz großen, aufregenden Neuerungen sind 2013 ausgeblieben, auch bei denen, die sie eigentlich angekündigt hatten und von denen man sie vielleicht sich hätte erwarten dürfen. Die „Huffington Post“ jedenfalls — als wohl größte und spektakulärste Neugründung des Jahres — ist nicht unbedingt das, was man in Deutschland noch unbedingt zu seinem Medienglück gebraucht hätte.

Aber vielleicht ist das ja auch die Quintessenz des Medienjahres: Dass es irgendwann nicht mehr so weitergehen kann wie jetzt, das ahnen wir alle ja schon etwas länger. Die richtigen Antworten auf die vielen Fragen werden wir aber womöglich noch einige weitere Jahre suchen müssen.

Jugendsender, Facebook-Seiten und andere Innovations-Attrappen

Manchmal sind es ja die ganz simplen Anlässe, die dann zu längeren Überlegungen führen. Beispielsweise das automatisierte Abbuchen des Rundfunkbeitrags, bei dem man für ein Quartal mal eben gute 50 Euro los wird. Der Gedanke ist zwar weder neu noch originell, drängte sich aber auf: Für was eigentlich? Das öffentlich-rechtliche System würde mir jetzt antworten: Für über 60 Hörfunkwellen, für ARD und ZDF und die Dritten und den Deutschlandfunk und für jede Menge herausragender journalistischer Qualität (und aus Transparenzgründen der Hinweis: auch für mich selbst, ich bin auch schon von Gebührengeldern bezahlt worden). Selbst wenn ich dem uneingeschränkt zustimmen würde, was ich keineswegs tue, dann würde ich mir denken: stimmt, und für Rundfunkorchester, Fernsehballette, unfassbar riesige und intransparente Verwaltungskosten, für Apparatefernsehen, für den Einfluss des deutschen Bauernverbands, der FDP und des Straubinger Zeitungsverlegers auf den Chefredakteursposten des ZDF und für vieles andere auch, wofür ich über 200 Euro im Jahr eher ungern ausgebe.

Man könnte jetzt also eine umfangreiche Debatte über Sinn und Unsinn des öffentlich-rechtlichen Rundfunks führen, wenn man das denn wollte. Man könnte es allerdings auch so sehen: Die Öffentlich-Rechtlichen stehen exemplarisch für das, was in den „alten“ Medienlandschaft passiert. Oder besser gesagt: nicht passiert. Man könnte es auch so formulieren: Wir „alten“ Medienmacher kommen immer erst da an, wo wir den Konsumentennachwuchs vermuten, wenn der schon lange wieder ganz woanders ist. Das Beispiel Facebook ist da nur eines von vielen.  Während sich bei uns Facebook gerade mal als Standard für Social-Media-Anwendungen zu etablieren beginnt, zieht die Karawane junger Mediennutzer schon lange weiter. Möglicherweise werden wir in dem Moment, in dem dann auch mal der mediale Mainstream Facebook als Selbstverständlichkeit ansieht, schon lange nicht mehr über Facebook reden, weil es dann so hip ist wie StudiVZ.

Es geht also schon lange nicht mehr um das, was wir lange Zeit glaubten: dass wir einfach ebenfalls ins Netz übersiedeln müssten, der Rest ergebe sich dann schon. Dass man einfach nur das, was man vorher in der heilen analogen Welt gemacht hat in diesem Internet fortführen müsse und dann ist wieder alles wie vorher. Tatsächlich aber hat die digitale Generation nicht einfach nur den Kanal gewechselt — sondern auch gleich noch einen beträchtlichen Teil der bisher bekannten Nutzungsweisen mal eben über Bord geworfen.

Das ist noch nicht überall angekommen, noch lange nicht. Mein Lieblingsbeispiel (deshalb auch das Intro mit den öffentlich-rechtlichen Sendern): der geplante Jugendkanal von ARD und ZDF, der vermutlich eh schon wieder tot ist, weil den Ministerpräsidenten der Länder berechtigte Zweifel gekommen sind, ob das in dieser Form eine geeignete Art ist, dem Totalverlust an jungen Zuschauern entgegen zu wirken. Zur Erinnerung: Die Zuschauer des öffentlich-rechtlichen Fernsehens  sind im Durchschnitt nochmal ein Jahrzehnt älter als ich, was schon schwer vorstellbar ist. Sie sind irgendwo in den Sechzigern angesiedelt und selbst das Satiremagazin „Quer“ im Bayerischen Fernsehen schafft es als das „jüngste“ Format des BR gerade mal auf einen Altersdurchschnitt von 58. Das ist, bei allem Respekt vor uns Älteren, keine sehr verlockende Perspektive. Und eine tragfähige für die Zukunft ohnehin nicht.

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Das Interessante an der aktuellen Situation ist also: Da verändert sich gerade mal eben die ganze Medienwelt überaus dramatisch – und wir reden immer noch darüber, dass man die analogen Medien dann halt einfach mal ins Netz holt und ein bisschen Social Media drumrum drapiert und dann ist alles wieder gut. Man müsste also (wenn er denn jemals kommt) befürchten, dass ein Jugendkanal von ARD und ZDF so aussieht, wie jüngere Menschen aus der Sicht älterer Menschen gerne fernsehen würden. Man hat vor Augen, wie irgendjemand Meldungen aus diesem Twitter vorliest und wie man eine eigene Facebook-Seite entwickelt und womöglich ab und an auch noch Leute ins Studio eingeladen werden. Oder womöglich sogar per Google Hangout dazu geschaltet werden. Aber alles in allem wäre es eben immer noch Fernsehen, so wie wir es kennen.

Aber es ist ja nicht so, dass nur die öffentlich-rechtlichen nicht so recht wissen, wie sie diesem Internet begegnen sollen. Generell lässt sich feststellen: Auch im 20. Jahr dieses Internets gibt es immer noch einen gravierenden Denkfehler: zu glauben,  es reiche aus, dass man analoge Medien einfach auf digitalen Plattformen ausspielt. Nichts anderes aber passiert momentan an vielen Stellen:  TV-Sender (da sind sich private und öffentlich-rechtliche erstaunlich ähnlich) stellen ihre gesendeten Inhalte auch in Mediatheken zur Verfügung und ab und an gibt es auch mal ein paar Outtakes oder anderes Bonusmaterial dazu. Zeitungen und Zeitschriften packen ihre gedruckten Produkte in mehr oder weniger solide gemachte Apps und bauen mehr oder weniger solide Webseiten. Gemeinsam diskutieren sie dann darüber, wer im Netz der Zukunft „Presse“ und wer „Rundfunk“ sein darf, ganz so, als hätten sie es in der Hand, das Netz nach Claims aufzuteilen. Die etwas fortschrittlicheren haben Social-Media-Strategien, andere dann wieder eher nicht. Dass aber mittlerweile ein junges Publikum diesen Plattformen schon wieder gar nicht mehr viel abgewinnen kann, ist noch nicht angekommen.

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Vielleicht muss man deshalb mal mit ein paar Zahlen hantieren: Bei den auf iOS installierten Apps hat mittlerweile „WhatsApp“ „Facebook“ als Nummer eins abgelöst, der Rückzug vom ganz großen Publikum hin zu offenbar kleineren Gruppen und damit auch zu weiter fragmentierten Märkten ist unübersehbar. Bei der Nutzung von Bewegtbild spielt das Webvideo bei diesem Publikum eine ungleich größere Rolle als das lineare Programm, der gebaute TV-Beitrag ist für diese Zielgruppe bestenfalls noch ein Relikt aus vergangenen Tagen. Natürlich verweisen TV-Sender in einem solchen Zusammenhang gerne auf ihre Reichweite und Nutzungsdauern, die in der Tat zumindest in Deutschland noch so sind, dass man nicht gerade von einer schweren Krise sprechen müsste. Aber bereits in den USA sieht das mittlerweile schon ganz anders aus – man könnte es durchaus als drohendes Unheil bezeichnen, was der „Business Insider“ beschreibt. Zusammengefasst: In den USA verabschiedet man sich inzwischen eindeutig vom klassischen, linearen TV.

Über die Auflagenentwicklung der Tageszeitungen in Deutschland muss man in diesem Zusammenhang nicht mehr sehr viel sagen. Wohin die Reise geht, ist offensichtlich. Man kann bestenfalls darüber diskutieren, wie schnell und linear es mit dem Auflagenrückgang weiter gehen wird. Dass es schon lange da ist und nicht mehr aufzuhalten sein wird, bestreiten mittlerweile nicht mal mehr die, die jeden, der so etwas vor ein paar Jahren prophezeite, wahlweise als Schwarzseher, Printhasser oder schlichtweg Luftnummer bezeichneten.

Umgekehrt: Die Bedeutung des Netzes als Informationsquelle Nummer 1, als das neue Supermedium schlechthin, geht ungebremst weiter. Inzwischen stimmen beinahe zwei Drittel der 14-29jährigen der Aussage zu, dass das Netz für sie das wichtigste Informationsmedium sei. Und selbst bei den bis 39jährigen sagt das beinahe die Hälfte der Befragten von sich.

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Kurzum: Die allermeisten Debatten, die heute noch in Sendern und Verlagen geführt werden, gehen an der eigentlichen Problematik vorbei. Weil sie das wahre Ausmaß dessen, was gerade am Markt passiert, immer noch unterschätzen. Weil sie mit einem ein bisschen aufgepeppten Jugendsender und ein paar Webseiten und krampfhaft bemühten Facebook-Auftritten etwas kompensieren wollen, was gar nicht mehr zu kompensieren: den Abriss zu einer ganzen Generation.  Auch die Tatsache, dass ein Wechsel des Trägermediums nicht zwingend auch den Abkehr von einer Medienmarke bedeuten muss, greift in diesem Fall nicht.  Weil Medienmarken wie die ARD, das ZDF oder diverse Zeitungstitel diese Generationen gar nicht mehr erreichen. Weil sie für diese Generation häufig gar nicht mehr relevant sind, weil sie sich irgendwo da aufhalten, wo der Medienkonsumenten-Nachwuchs noch nie war. Oder sich zumindest nie heimisch gefühlt hat.

Bisher also war das in den Köpfen der meisten Strategen so: Man hat sein Muttermedium, das man mit etwas Internet drapiert. Immer in der Hoffnung, dass das Publikum aus dem Netz wieder zurück kommt zur guten alten Mutter TV/Zeitung. Das ist die grundlegend falsche Denkweise. Ein Medium funktioniert heute nur noch, wenn es als stringentes Ganzes wahrgenommen wird, das auf allen Kanälen gleichermaßen glaubhaft, kompetent, unterhaltsam daher kommt. Jugendsender und Facebook-Auftritte sind so, wie sie momentan von den meisten gehandhabt werden, Innovations-Attrappen.

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Und eines noch zum Schluss: Wenn man sich ein bisschen umhört in den Verlagen und den Sendern im Jahr 2013, dann bekommt man unter der Hand gerne mal gesagt, den Wandel sei dann doch sehr viel schneller gegangen als erwartet. Kleiner Tipp für 2014: Das Karussell wird sich noch schneller drehen. Und wenn ihr so weiter macht, bleiben ganz sicher nicht alle oben.

Eine Kapitulation, ein Sapperlott und viele keine Antworten

Manchmal wirkt das Zusammentreffen zweier Ereignisse wie eine blanke Satire. Da ist zu einen der heutige Beginn der „Medientage“ in München, die laut Eigenwerbung „Europas größter Medienkongress“ sind, tatsächlich aber eher eine Recyclingmaschine gut abgehangener Trends darstellen. 61644-logo-pressemitteilung-medientage-muenchen.jpg
Da gibt es heute beispielsweise einen „Online-Gipfel“ (sie haben es dort recht mit den Gipfeln), der die „neuen Regeln der Medienökonomie“ zum Thema hat. Diese Regeln lassen sich laut Webseite mit „anytime, anywhere…“ zusammenfassen – und wenn Sie jetzt den Eindruck haben, diesen Begriff  zum ersten Mal im Jahr 2003 gehört zu haben, dann liegen Sie vermutlich gar nicht so falsch. Dass man dieses Thema vom „Chef Digital Officer“ von Pro7Sat1 und einer Irgendwas von Nestlé diskutieren lässt, passt ins Bild. (Mehr zu den Medientagen lesen Sie beim Kollegen Knüwer).

Und wenn Ihnen das zu abstrakt ist: In den ersten beiden Stunden der heutigen Veranstaltung hat der ZDF-Intendant Twitter als „Quelle“ bezeichnet und der Münchner Mittelgroßverleger Dirk Ippen ganz stolz erzählt, dass in den Redaktionskonferezen seiner Blätter auch immer die Onliner dabei sitzen. Sapperlott, hätte der große Harry Valérien vermutlich dazu gesagt.

Während die Medientage also alles in allem zu einer Veranstaltung geworden sind, bei der sich etablierte Medien und ihre Macher gegenseitig versichern, es sei alles gut und es werde im Fall der Fälle schon nichts so schlimm kommen, wie man immer hört, hat die einstmalige WAZ- und heutige Funke-Gruppe in diesem Jahr zunächst anders zugeschlagen. Der spektakuläre Deal und der damit verbundene Kauf der gesamten Regionalzeitungssparte von Springer wirkte ein bisschen wie die Botschaft: Seht her, es geht doch! Wir glauben an die gute, alte gedruckte Zeitung. So sehr, dass wir uns mal eben für eine knappe Milliarde neue Blätter zulegen. Soll also noch irgendeiner behaupten, Print hätte keine Zukunft.

Dabei sind sie bei Funkes lediglich weniger ehrlich als der gewesene Verleger der „Washington Post“, der freimütig einräumte, der Verkauf seines Blatts an Jeff Bezos habe auch damit zu tun, dass er kein Rezept gegen die Digitalisierung und die Zeitungskrise gefunden habe. Die Funke-Gruppe hat zwar die Springer-Blätter aufgekauft (ein Deal, bei dem Springer deutlich besser abschneidet übrigens), aber in ihrem ureigensten Kerngeschäft bereitet man seit längerem die Kapitulation vor: Noch bis zu Jahresende werden wieder Lokalredaktionen geschlossen bzw. soweit entkernt, dass nur noch eine Fassade übrig bleibt. Und das nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr.

Die Frage ist dabei gar nicht mal so sehr, wie sich das eigentlich mit dem milliardenschweren Zukäufen aus Hamburg verträgt. Die Frage ist sehr viel mehr: Welche Antworten haben Medienunternehmen (und keineswegs nur Verlagshäuser) überhaupt noch auf die aktuelle Entwicklung? Das Schließen und Streichen bei Funkes ist schließlich alles mögliche, nur keine Antwort. Das sind lebensverlängernde Maßnahmen ohne einen Hauch von Zukunftsfähigkeit. So wie es eine ganze Branche schon geraume Zeit gerne macht: Sie behauptet zwar immer, sie werde in der bisherigen Form überleben, ganz sicher sogar. Nur warum das so sein sollte, das beantwortet man leider nicht (übrigens vermutlich auch bei den Medientagen 2013 nicht).

Und nein, das ist kein Verlagsbashing, kein Händereiben angesichts einer „Zeitungskrise“. Das Thema Veränderung geht sehr viel weiter, bis hin in die Grundfesten des linearen Fernsehens. „RTL war gestern, die ARD – vorgestern: Eine Generation wendet sich vom Fernsehen ab“, schrieb beispielsweise die „Zeit“ in diesen Tagen und blieb mit dieser Zustandsbeschreibung weitgehend unwidersprochen. Das Dilemma ist dort das gleiche wie bei den Verlagen: Sehr viel mehr als „wir machen demnächst dann auch mal mehr im Internet“ ist den deutschen Sendern, gleich ob privat oder öffentlich-rechtlich, bisher nicht eingefallen.

Dabei muss man eines ganz nüchtern sehen: Klassische Medien sind gerade dabei, eine ganze Generation von Nutzern zu verlieren. Man nehme die Zahlen des Durchschnittsalters der Zuschauer der deutschen TV-Sender, man nehme die Zahlen der wirtschaftlichen Entwicklung der deutschen Zeitungsverlage, nichts deutet darauf hin, dass diese radikale Abkehr vom System noch zu stoppen sei.

Antworten darauf, so viel ist sicher, wird es in dieser Woche auch in München nicht geben. Außer vielleicht der: Solange man in der Lage ist, glitzernde Kongresse mit Retro-Themen abzuhalten, tut es immer noch nicht ausreichend weh.