Der DJV-Reflex (2)

Bürger machen Medien? Bäh, findet man beim DJV. Weswegen der Vorsitzende des Verbands auch sofort die gewohnte Abwehrhaltung einnimmt, wenn Journalisten mal nicht ausnahmslos jeden Inhalt kontrollieren, der auf die Leute losgelassen wird. Diesmal erwischt es das Projekt der Gießener Zeitung, die gleich zwei Dinge macht, die einem gestandenen Journalisten irgendwie suspekt sein müssen: Sie startete erst im Netz, hat jetzt eine crossmedialia Verknüpfung mittels eines Reprints – und sie lässt nicht alles durch Redakteure erstellen, sondern eben auch durch interessierte und vielleicht sogar auch talentierte Bürger (mehr dazu hier). Rund 60 Prozent der Inhalte dieses Projekt kommen von ihnen, 40 Prozent von Redakteuren. Michael Konken stellt angesichts dessen in Bausch und Bogen das Folgende fest:

«Das hat für mich nichts mit Qualität zu tun. Die Sorgfaltspflicht, die ein Journalist lernt, kann ein Bürger einfach nicht drauf haben.» Bürger-Artikel in Druckversion hält Konken sogar für noch gefährlicher als Texte im Netz: «Im Internet weiß man mittlerweile, dass nicht alles unbedingt so stimmt, wenn es nicht gerade von einem anerkannten Medium veröffentlicht wird. Wenn ich das abdrucke, ist das wie ein Signal: Ich kann als Leser annehmen, dass es richtig ist.»

Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Über zweierlei: Erstens über den pauschalen Gedanken, ein Journalist sei per se sorgfältiger als es ein noch so engagierter Bürger jemals sein könne. Das ist nicht nur ein bissel schofelig gegenüber den Bürgern, sondern auch ein wenig euphemistisch angesichts dessen, was man jeden Tag in den Arbeiten von Journalisten so findet, was mit „Sorgfalt“ nur eingeschränkt zu tun hat. Immerhin gibt es Heerscharen von Bloggern, die jeden Tag ganz gut davon leben, wenn sie aufzeigen, was die tägliche Sorgfaltspflicht von Journalisten so alles hervorzaubert.

Richtig bizarr wird Konkens Argumentation dann aber, wenn er sich in die Auffassung versteigt, der gedruckte Bürger-Artikel sei noch gefährlicher als der Bürger-Artikel im Netz. „Im Internet weiß man mittlerweile, dass nicht alles unbedingt so stimmt“, sagt Konken und man wüsste angesichts dessen gerne, an welchen Stammtischen der Herr Konken sich so rumtreibt. Dass er dann auch noch glaubt, die Drucklegung eines Textes allein sei quasi ein Qualitäts- und Glaubwürdigkeitssiegel, ist zwar irgendwie logisch, belegt aber auch, dass der DJV-Vorsitzende erkennbare Mühe hat, den Journalismus im 21. Jahrhundert ankommen zu lassen.

Oh ja, ich bin Mitglied im DJV. Aber manchmal frage ich mich ernsthaft: Warum eigentlich?

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7 Kommentare

  1. …wegen der Meinungsvielfalt? (Man müsste dann allerdings Menschen, die im Namen eines Verbandes ihre eigenen Ansichten verbreiten, doch mal klarmachen, dass sie möglicherweise nicht für ihre Mitglieder sprechen und das vielleicht auch deutlich machen sollten…)

  2. Du schreibst: „Bürger machen Medien? Bäh, findet man beim DJV.“ Okay, ich kann hier „nur“ als Vorsitzender des Fachausschuss Online im DJV sprechen, und ich bin bei diesem Thema wohl grundsätzlich anderer Meinung wie unser Vorsitzender. Diese Meinung habe ich auch schon öfters publiziert, kurzum ganz so „bäh“ macht der DJV bei diesem Thema also nicht.

    Das Modell der erwähnten „Gießener Zeitung“ basiert wohl auf Myheimat (bei der Technik sogar offiziell). Myheimat-Geschäftsführer Martin Huber war auch schon zu Gast bei einer Veranstaltung des Bayerischen Journalisten-Verbands bei welcher sehr kontrovers über dessen Bürgerreporter diskutiert wurde; Huber ist auch am 18.10. bei der DJV-Veranstaltung Besser Online in Hamburg wieder zu Gast.

  3. Also hörnsema, Herr Jakubetz, so ein Journalist, der hat schließlich das Meinunghaben von der Pike auf gelernt, der ist ein ‚anerkanntes Medium‘ mit Abschlusszeugnis und Fixgehalt …

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