Warum sich Google und Verlage gar nicht brauchen

Die „Rhein-Zeitung“ in Koblenz hat jetzt etwas gemacht, was man gerne viel eher gesehen hätte: Sie hat offen gelegt, wie hoch der Anteil der Besucher ihrer Webseite ist, die über Google News kommen. Genauer gesagt: noch kommen. Denn nach Inkrafttreten des Leistungsschutzrechts am 1.8. war die „Rhein-Zeitung“ eine der ganz wenigen, die ernst gemacht haben und auch die angebotene Opt-in-Option von Google nicht angenommen haben (im Gegensatz beispielsweise zu Springer und der FAZ, die vorher das LSR mehr oder weniger zur Überlebensfrage der deutschen Presse erklärt hatten). Die „Rhein-Zeitung“ ist also ausgestiegen aus dem System Google News – und hat jetzt täglich nur noch rund 100 Besucher, die am Tag über Google News kommen (nicht zu verwechseln mit der Suchmaschine Google, wo die RZ weiterhin auffindbar ist und von dort aus erheblich Traffic bekommt).

Das liest sich weitaus dramatischer als es tatsächlich ist. Denn schon vorher waren es gerade mal rund 1000 Besucher täglich, die die RZ via Google News besuchten. In den Wochen vor dem Ausstieg, so legt eine entsprechende Grafik aus (lustige Ironie übrigens, dass die RZ das nutzt) „Google Analytics“ nahe, lag „Google News“ auf Platz 9 der Trafficbringer der „Rhein.Zeitung“ – mit einem Anteil von gerade mal 0,56 Prozent.

Kein Wunder, dass Online-Chef Marcus Schwarze jetzt ein beruhigendes Fazit zieht: Seht her, so schlimm ist das gar nicht! Geht auch ganz wunderbar ohne! Wir brauchen gar kein Google!

In seinem Fazit hat Schwarze sicher recht. Ein paar Fragen bleiben aber dann doch: Man hat also allen Ernstes ein solches Gesetz durchgedrückt und dadurch Angebote wie „rivva.de“ erheblich eingeschränkt, weil man irgendwo im einstelligen Prozentbereich Traffic von Google bekam und sich in seiner Existenz bedroht sah? Natürlich ist die Argumentation der Verlage eine andere, nämlich dass sich Google an den Inhalten bereichere, ohne dass die Verlage davon profitieren. Man kann die Frage aber auch andersrum stellen: Wenn beispielsweise die „Rhein-Zeitung“ nicht mal ein Prozent ihres Traffics von Google News bezogen hat, wie groß war dann umgekehrt die Bedeutung, die die „Rhein-Zeitung“ für das Funktionieren von Google News hatte? Und wenn die „Rhein-Zeitung“ als zufriedenes Fazit zieht „es geht auch ganz prima ohne“, wie groß ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass Google ungefähr das selbe von der „Rhein-Zeitung“ sagt? Und schließlich könnte man auch noch die Frage stellen, wie hoch eigentlich im Fall der Fälle die von Google zu zahlende Entschädigung für was auch immer sein müsste, wenn wir hier von Nutzern im Tausender-Bereich reden.

Wenn es also so ist, wie man vermuten kann, nämlich dass beide Seiten ganz gut aufeinander verzichten können, bleibt nur noch die Frage, wofür das netzschädigende Spektakel überhaupt nötig war. Ein einfaches Opt-out hätte es auch getan.  Für eines muss man allerdings dann beinahe schon wieder dankbar sein: Das gern genommene Argument, Google mache die deutsche Presse kaputt, zieht gerade wieder ein kleines bisschen weniger.

Netz beschädigt und niemandem ist geholfen – das Leistungsschutzrecht wird irgendwann mal als eines der absurderen Kapitel in die deutsche Netzpolitik eingehen.

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3 Kommentare

  1. Marcus Schwarze hat in seiner Analyse einen Patzer. Denn wer nach einem Begriff bei Google sucht, bekommt verschiedene Trefferkategorien angeboten, darunter Schlagzeilen. Diese Schlagzeilen werden aus Google News generiert. Wer nun aber, also auf der Seite Google.de, auf eine dieser Schlagzeilen klickt, wird in den Traffic-Statistiken als von Google kommend angezeigt, nicht als von Google News kommend.

    Es gibt SEO-Kenner die annehmen, dass die News-Nutzung auf der Google-Seite stärker ist als auf Google News.

  2. Die Überschrift, und somit auch das Fazit des Textes, stimmen so nicht ganz. Würde die Rhein-Zeitung tatsächlich auf Google verzichten, würde das einen herben Einbruch der Nutzerzahlen bedeuten.

    Klar, es stimmt, dass Google News bei der Rhein-Zeitung nur einen Bruchteil des Traffics ausmacht. Allerdings ist in den Statistiken auch deutlich zu erkennen, dass die klassische Google-Suche mehr als 30 Prozent der Besucher auf die Seite spült. Und auf 1/3 der Visits will, glaube ich, niemand wirklich verzichten. Auch die Rhein-Zeitung nicht.

  3. Thomas Knüwer hat absolut Recht. Aus den Zahlen der Rhein-Zeitung lässt sich ablesen, dass gut ein Drittel der Zugriffe (ca. 2 Mio.) über die organische Google-Suche ensteht. Jede Suchanfrage bei Google erzeugt organische Ergebnisse, deren Referrer in den Analytics als google/organic oder google.de, aber NICHT unter news.google.de erscheinen. Das gilt auch, wenn ein Nutzer unter news.google.de einen Suchbegriff eingibt.

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