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KI: Künstlich ist nicht kreativ

Wenn man mich früher gezielt langweilen wollte, dann musste man mir lediglich was von „Qualitätsjournalismus“ erzählen. Ich fand den Begriff immer dünkelhaft, weil er suggeriert, dass es auch eine Art qualitätslosen Journalismus gibt.  Ich meine, im Ernst: Wer legt fest, was Qualität ist? Man muss die Bild nicht mögen, aber das, was sie macht, macht sie für ihr Publikum. Was also ist Qualität? Die Fähigkeit, seine Zielgruppe zu erreichen? Oder die Fähigkeit, einen 15.000-Zeichen-Text für das Feuilleton der „Zeit“ zu schreiben?

Bei den meisten, die darüber sprechen, wird eher Letzteres gemeint sein. Was wiederum bedeutet, dass das nicht die Rettung des Journalismus ist, weil es nicht so rasend viele Leute gibt, die das Zeit-Feuilleton glücklich macht.

Inzwischen, wir leben schließlich in wilden Zeiten, hat sich mein gestörtes Verhältnis zu diesem Begriff etwas geändert. Das hat, wie momentan fast alles auf der Welt, mit KI zu tun. Und das wiederum hat mit Beethoven zu tun.

Beethoven? Bevor Sie sich jetzt endgültig wundern, hier kommt die Erklärung: Wissenschaftler haben es schon vor einigen Jahren hinbekommen, eine KI Beethovens 10. komponieren zu lassen. Regelmäßige Leser meiner Texte wissen das ja: hat was mit Routinen und Mustern zu tun. So was gab es sogar beim ollen Beethoven. Also hat die KI getan, was sie immer tun, Muster entdeckt und dann kopiert. Selbst Experten waren sich danach einig: Klingt exakt wie Beethoven und wenn es Beethoven noch gäbe, dann würde er seine 10. vermutlich genau nach diesem Muster komponieren.

Oder?

Wer so denkt, versteht nicht allzu viel von Kreativität. Denn die entsteht im Augenblick, sie enthält Überraschungen und letztlich wird sie erst dadurch zur Kreativität, dass sie eben nicht routiniert und nach ständig wiederkehrenden Mustern klingt. Es ist also nicht allzu gewagt, wenn man sagt: Vermutlich hätte Beethovens 10. genau so nicht geklungen, weil er sich vermutlich gelangweilt und festgestellt hätte, dass er sich etwas wiederholt.

Kreativität ist das Gegenteil vom Wiederholen von Mustern

Und jeder, der selbst mehr oder weniger kreativ ist, weiß das: Nichts ist langweiliger als die ständige Wiederholung. Wäre das nicht so, würde man Finanzbeamter werden; da sind solche Fähigkeiten weitaus mehr gefragt.Ich komme auf das Thema Musik, weil in den vergangenen Tagen wieder einmal ein KI-Tool für reichlich Aufregung gesorgt hat. Dieses Tool kann angeblich so ungefähr alles in atemberaubend kurzer Zeit komponieren. Jemand hat schon ausgerechnet, dass man für einen Betrag von rund 10 Euro rund 400 Songs komponieren lassen kann, mehr als beispielsweise ABBA jemals zusammengebracht haben (und höchstwahrscheinlich kann die KI auch mühelos einen Song schreiben, der sich exakt nach ABBA anhört).

Ich bin mir sicher, dass ABBA (und all die anderen Großen der Branche) weiter beruhigt schlafen werden. Nicht nur, weil sie ihre Schäflein schon lange im Trockenen haben.

Bevor Sie sich jetzt wundern, warum es in diesem Text nur um Musik geht: Das Thema steht sinnbildlich für alles, was mit KI und Kreativität zu tun hat. Und auch dafür, wie es in unserer Branche mit dem Thema weitergehen könnte. Erst einmal so ganz grundsätzlich ein paar Feststellungen, die vielleicht etwas banal klingen. Dennoch schadet es nicht, wenn man sich diese Dinge noch mal vor Augen führt. Weil die Diskussion dann eventuell etwas weniger entgleist.

  • KI ist schnell, sie erzielt gelegentlich immer wieder erstaunliche Ergebnisse. Sie hat aber nichts Eigenes, wie auch? Wer nur die Muster anderer repräsentiert, kann keinen eigenen Stil, kein eigenes Format entwickeln (zumindest Stand heute nicht).
  • KI ist ganz schwer abhängig vom Menschen (ebenfalls Stand heute). Wer mit ihr nicht umgehen kann, bekommt miserable Ergebnisse.

Soll heißen: In Sachen Schnelligkeit ist schon heute das Verhältnis in etwa so, wie zwischen einem simplen Taschenrechner und einem kopfrechnenden Menschen. Den Kampf, so es jemals einer war, haben wir verloren. So schnell wie eine KI einen Standardtext schreibt, bekommen wir im Regelfall nicht mal eine brauchbare Überschrift hin.

Die Quantität ergänzt sich idealerweise mit der Qualität

Und damit kommen wir jetzt endlich wieder zurück zu unserem Qualitäts-Thema. Was KI kann, ist eine unglaublich hohe Quantität. Qualität? Originalität, Individualität? Da wird es schon deutlich enger.

Wer jemals versucht hat, mit einer KI einen originellen Text zu schreiben, der weiß, was ich meine. Und wenn man zum hundertsiebunddreißigsten Mal die Formulierung „Tauchen Sie ein in die faszinierende Welt von“ liest, dann schreibt man das Ganze doch lieber selbst.

Im Idealfall also ergänzen sich im Arbeitsalltag die Dinge. Das enorme Tempo, der quantitativ enorme Output, den so eine KI leisten kann. Und die Qualität, die Individualität, die einen Text, ein Foto, ein Musikstück erst ausmacht. Bedeutet aber auch: Man muss schon ein wenig an Qualität zu bieten haben, wenn man in dieser Branche bestehen will. Die Standards kann die KI besser.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Sven W. Andersen

    Obwohl nicht erwähnt geht es in dem Text wohl um Suno. Man mag dem Tool fehlende Kreativität bescheinigen, weil es nur bestehende Muster wiederholt, aber immerhin gibt es mir als musikalischem Laien die Möglichkeit, eigene Ideen zu verwirklichen. Und wenn es möglich ist, auf diese Weise tatsächlich etwas zu erzeugen, was sich nicht hinter den angesagten Chart Songs verstecken muss, dann ist das vielleicht auch eine Aussage über die (mangelnde) Kreativität in der heutigen Musik.

  2. cjakubetz

    Letzteres würde ich durchaus unterstreichen. Dass gerade Musik in den Charts häufig sehr vorhersehbaren Mustern folgt, ist unbestritten. Aber das würde ich ja auch nicht unbedingt als kreativ bezeichnen…

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