Über die Zukunft des Lokalen

Sie erinnern sich? Vor kurzem hatte ich hier ein paar Zeilen über die Zukunft des Lokaljournalismus geschrieben, nicht alle haben sich darüber gefreut (das ist ja das Schöne an Blogs). Inzwischen hat sich die Debatte auch auf die „Drehscheibe“ ausgeweitet, in deren neuesten Ausgabe ich nochmal ein paar Sätze zum Thema sage, gekontert (wie schon hier im Blog) von Ulli Tückmantel von der „Rheinischen Post“, dem ich jetzt die liebevolle Bezeichnung zu verdanken habe, ich sei der Hilfsschrebergärtner von Stefan Niggemeier, wobei ich  „BILDblog“ nicht unbedingt als publizistischen Schrebergarten sehen würde, aber bitte, ich bin ja halbwegs tolerant.

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Beide Texte finden Sie jetzt nachfolgend — und wenn Sie diskutieren wollen (herzlich gerne), können und sollen Sie das hier tun, nicht weil ich der „Drehscheibe“ die Debatte und den Traffic nicht gönne, sondern weil Sie bei der Drehscheibe aus technischen Gründen noch nicht diskutieren können (*räusper*).

Also, bitte sehr, hier die verschiedenen Positionen:

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PRO – Christian Jakubetz:

Der Tag, an dem mir der Kragen platzte, war eigentlich ein ganz normaler Tag im lokaljournalistischen Alltag. Er bestand im Wesentlichen aus einer Aufmachergeschichte im heimischen Lokalteil, bei der ich nach wenigen Absätzen einzuschlafen drohte. Irgendwo daneben hatte sich noch jemand mit einer „Glosse“ abgemüht – und, ach ja, es gab eine lokale Freitagsumfrage, die in etwa wissen wollte, ob die Bundeswehr in Afghanistan bleiben sollte. Man hätte auch fragen können, ob Obama ein guter Präsident ist oder ob Bayern Ribéry verkaufen soll; die Relevanz für den Lokalteil wäre ungefähr die gleiche.

Auf den kommenden Seiten ging das Elend dann erst richtig los: Ein Text einer Hausfrau aus meiner Nachbarschaft ließ mich wissen, dass die Feuerwehr auch im vergangenen Jahr wieder Unfassbares geleistet haben soll; umrahmt wurden diese und die folgenden Seiten von Texten, denen man unschwer ansehen konnte, dass sie zum einen nicht von Journalisten geschrieben und zum anderen von Journalisten redigiert worden waren, die einfach nur froh waren, diesen Text schnell wieder loszuwerden.

Danach setzte ich mich hin und schrieb einen Eintrag für meinen Blog, der selbstverständlich völlig unausgegoren, völlig subjektiv, hoffnungslos polemisch und genau deswegen gut war. Die Grundthese: Mit dieser lieblosen und langweiligen Art, wie sich Lokaljournalismus präsentiert, sind die Verlage auf dem allerbesten Weg, ihren letzten Rest Existenzberechtigung zu verspielen. Was mich wunderte: Es gab Widerspruch. Was mich noch mehr wunderte: Vieles an den Widersprüchen basierte auf der Annahme, ich hätte von Lokalem ungefähr gar keine Ahnung.

Aber genau das ist der entscheidende Punkt: Ich habe zwölf Jahre in Lokalredaktionen gearbeitet, über die Hälfte davon als Lokalchef. Zugegeben, seit nunmehr zwölf Jahren bin ich draußen aus dem Lokaljournalismus. Und vielleicht ist es gerade das, was ärgert und verblüfft: dass seither nichts besser geworden ist. Dass man seit vielen Jahren weiß, woran es hakt im Lokaljournalismus: an lieblosem Terminjournalismus, an freien Mitarbeitern, die sich aus Hausfrauen, Feuerwehrschriftführern und pensionierten Studienräten rekrutieren. An personell hoffnungslos unterbesetzten, technisch miserabel ausgestatteten und mäßig ausgebildeten Redaktionen und Redakteuren. An fehlender Rückendeckung aus den Verlagen und den Chefredaktionen. Und daran, dass es zwar Jahr für Jahr wohlfeile Kongresse und Panels gibt, bei denen die Bedeutung des Lokalen beschworen wird, die aber an der Situation nichts ändern.

Und nein, ich mache dies erst an letzter Stelle den Lokaljournalisten zum Vorwurf (obwohl es mir häufig durchaus sympathischer wäre, sie würden sich an die eigene Nase fassen und irgendetwas zu ändern versuchen, als regelmäßig das Klagelied gegen die bösen Verleger, die bösen Leser und die böse Welt anzustimmen). Wirkliche Vorwürfe müsste man hingegen denen machen, die es in der Hand hätten, die Zustände zu ändern. Denjenigen, die zwar den Wert des Lokalen regelmäßig betonen, gleichzeitig aber für ein skurriles Missverhältnis in der Besetzung und Ausstattung der Redaktionen sorgen. Eigentlich müsste man – gerade jetzt, wo das Lokale für viele Regionalzeitungen de facto zu ihrer einzigen Daseinsberechtigung geworden ist – in den Lokalredaktionen die Besten eines Hauses sitzen haben. Mal ganz ehrlich: Kennen Sie ein Blatt, wo das der Fall ist?

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CONTRA – Ulli Tückmantel:

Eigentlich ist in der Branche ein super Job zu vergeben: Wer einen fundierten Überblick über den Zustand des deutschen Lokaljournalismus hätte, könnte sich dumm und dusselig verdienen. Dass die Stelle unbesetzt ist, hat seinen simplen Grund darin, dass der deutsche Lokaljournalismus mit rund 1500 Titeln erstens genau das ist, was sein Name sagt (nämlich lokal, also unüberschaubar), und es zweitens keine einzige verwertbare Bestandsaufnahme wissenschaftlich-repräsentativer Natur gibt, aus der man sein Wissen abschreiben könnte. Solange sich daran nichts ändert, wird weiter vom hohen Ross der Unkenntnis herab von der eigenen schmalen Lektüre auf den Zustand des Lokaljournalismus geschlossen und geschossen werden.

Die daraus resultierenden Albernheiten liegen regelmäßig auf dem Niveau, auf das Die Zeit 1995 abstürzte, als sie aus den ihr völlig fremden Umstrukturierungs-Nöten eines Regionalverlags für ganz Deutschland schlussfolgerte, das Niveau der regionalen Presse sinke dramatisch. Klügelnd formulierte sie, aus den Käseblättern seien „Crème-fraîche-Blätter“ geworden. Das „Netzwerk Recherche“ gefiel sich 2004 darin, ohne Recherche einen Kongress mit dem Titel „Das große Schweigen? – Korruption und die Rolle des Lokaljournalismus“ zu veranstalten, der den Lokaljournalismus schon im Vorfeld pauschal als „ernst zu nehmendes Dunkelfeld“ denunzierte.

Nun muss es in den Lokalredaktionen niemanden kümmern, wenn Lautsprecher des Kalibers Leif & Leyendecker in der Diakonischen Akademie Berlin-Pankow die aus ihrer Rezeptionsverweigerung der lokalen Publizistik resultierende Unzuständigkeit unter der Jüngerschaft als aufklärerisches Werk feiern. Der Ex-Kollege Jakubetz, der nebenbei Niggemeier als Hilfsschrebergärtner dient, ist da bloß ein weiterer Fall. Praktizierende Lokal- und Regionaljournalisten sollten ihr Selbstbewusstsein, nicht jede Suada durch Kenntnisnahme zu nobilitieren, die unterhaltsame Einzelbefunde mit Zeugnissen eines Zustands verwechselt, offensiver artikulieren. Ich werde zudem den Verdacht nicht los, dass manch einer der selbsternannten Lokaljournalismus-Experten lediglich den Paradigmenwechsel einer „over-newsten“, globalisierungsgestressten Gesellschaft hin zu Heimat, überschaubarer Territorialität und Selbstverständigung im lokalen Erlebnisfeld nicht verkraftet. Wir waren Heimat? Sorry. Ihr seid gestern. Tschüss.

Nicht der Lokaljournalismus ist in den 80er Jahren stehen geblieben, sondern seine Kritiker. Die lokaljournalistische Diskussion wird von ganz anderen Fragen bestimmt. Viel lieber hätte ich angehört, wie Paul-Josef Raue kürzlich in der Schweiz Journalistenschülern erklärt hat, wie sich seine Braunschweiger Zeitung systematisch Leser zu Freunden und Funktionäre zu Feinden macht. Ich würde viel lieber den Kollegen des Hamburger Abendblatts bei einem der schlüssigsten Metropolen-Konzepte Deutschlands über die Schulter gucken. Die Autoren der besten Beiträge des Konrad-Adenauer-Preises abtelefonieren und wenigstens regelmäßig die drehscheibe lesen. Oder mir von Christian Lindner, dem Chefredakteur des Kritiker-Lieblings-Hassblatts Rhein-Zeitung, von den Erfahrungen seines intensiven Twitter-Einsatzes erzählen lassen. Ich bin halt einfach lieber mit Wesentlichem als mit irrelevanter Erbsenzählerei befasst.

(Ulli Tückmantel (43) war zehn Jahre Lokalchef am Niederrhein und leitet seit 2008 das Ressort Report der Rheinischen Post in Düsseldorf. Kontakt: www.tueckmantel.com.

Schluss mit Crossmedia

Wie so häufig kam der Anstoß von einem überaus geschätzten und klugen Ex-Kollegen, der die unglaubliche Eigenschaft hat, Dinge, die man schon lange diskutiert und überlegt, mit einem Satz auf den Punkt zu bringen. So wie diese ganz schlauen (nicht spöttisch gemeint…) früher in der Schule, die völlig unaufgeregt mitten in die laut schnatternde Klasse einen einzigen Satz warfen, bei denen sogar der Lehrer dann für eine Sekunde staunend schwieg — und man letztendlich wusste: Das ist es. LAnge Debatte auf den Punkt gebracht.

Um im Bild zu bleiben: Es hat in mir in den ganzen letzten Wochen ziemlich laut geschnattert (ich debattierte quasi mit mir selbst) zum Thema „Crossmedia“. Weil ich irgendwie das Gefühl hatte, als sei „Crossmedia“ fast schon wieder eine Debatte von gestern. Weil das Thema impliziert, als ginge es lediglich darum, zu den bisher bekannten Medien noch ein weiteres hinzuzufügen. Und dann diese Woche den schönen Satz des Ex-Kollegen gelesen, Crossmedia sei ja irgendwie und eigentlich „durch“. Ist es. Wenn man jetzt immer noch nicht begriffen hat, dass die ganze Welt vollständig digital ist, dann braucht man auch nicht mehr Konzepte debattieren, wie man Inhalte von A nach B bringt. Crossmedia? Digital Media!

Da sind wir

Gestern abend wollten die ZDF.reporter mal zeigen, wie man richtig modernes Fernsehen macht. Öffentlich-rechtlicher Anspruch sozusagen, gepaart mit ein bisschen mehr Pepp, als man es dem ZDF gemeinhin zutrauen würde,  so ein bisschen sateinsiges ZDF sozusagen. Herausgekommen ist eine der bizarrsten Veranstaltungen, die man seit langem im Fernsehen erlebt hat. „Wie gerecht ist Deutschland?“, diese Frage wollten die Reporter beantworten — was man sah, war wenig Inhalt, wenig Geist, dafür aber viele „Reporter“, die sich selbst ganz fürchterlich wichtig nahmen und wesentlich mehr im Bild waren als diejenigen, über die es eigentlich zu berichten galt.

Man sah Männer auf der Zugspitze rumhampeln, junge Männer in Lederjacke, die völlig überraschend auf einmal vor Wolfgang Joop standen und ihn fragten, wie das so sei mit dem vielen Geld. Man sah junge Frauen, die im Mini und im BMW durch Deutschland fuhren, um Menschen zu interviewen, wobei man das leise Gefühl allerdings nicht los wurde, dass es mehr um die jungen Frauen und deren unglaublich schöne Autos ging als um die Interviewten. Man erlebte Reporterfragen von erstaunlicher Schlichtheit und würde man den gefühlten Anteil der Zeit schätzen müssen, in der sich einer der Reporter und Reporterinnen ins Bild drängelte, man käme glatt auf 80 Prozent. (Vielleicht sagt jemand mal dem ZDF, dass diese Form der „Reporterstücke“ das letzte Mal Ende der 90er bei RTL als chic galten, obwohl sie es damals schon nicht waren).

Frappierend vor allem: die erstaunliche Ignoranz, das merkwürdige Desinteresse der sogenannten „Reporter“ (eigentlich das falsche Wort, eher waren sie Mikrofonständer) am Thema, an den Menschen. Stattdessen: eine leere Phrase an der anderen, demonstrativ zur Schau getragene Inkompetenz zum Thema — unterlegt mit merkwürdig undramatischer Musik, die eigentlich doch ein wenig Drama in die Beiträge hätte bringen sollen, und eine Kameraführung, bei der man erahnen konnte, dass jemand beim ZDF mal MTV geschaut hat und gesagt hat: Hey, das ist jetzt aber mal richtig cool mit diesen leicht wackeligen Bildern. Tempo rulez! Zwischendrin fragte einer mal, ob das eigentlich gerecht sei, wenn die einen Jaguar fahren und die anderen 3 Euro pro Stunde bekämen, worauf einer der Jaguar-Fahrer antwortete, dass könne er sich eigentlich gar nicht vorstellen, dass jemand nur drei Euro pro Stunde bekomme, worauf man unweigerlich den Wunsch verspürte, die sonnengegerbte Nase mindestens zu brechen, was wiederum darauf schließen lässt, dass das ZDF-Machwerk wenigstens eines schaffte, nämlich Emotionen zu wecken.

Dazu ein kläglicher Versuch einer Undercover-Reportage, bei der sich einer der ZDF-Reporter in unfassbare Gefahren stürzt und in einem Getränkelager oder sowas ähnlichem Getränkekisten stapelt. Vorher erzählt der Nachwuchs-Wallraff  noch furchtbar aufgeregt, wie aufgeregt er sei und wie gespannt, ob er das denn auch alles schaffe (womit er sich unfreiwillig entlarvt als einer, der sich mit den wirklichen Zuständen im Leben noch nicht beschäftigt hat). Am Ende des aufregenden Abenteuers wissen wir, dass Getränkekistenstapeln nicht so gut bezahlt wird und dass es irgendwie ungerecht ist, dass die champagnerschlürfenden Joops auf Sylt mehr Geld haben. Oder so. Immerhin aber sind die „ZDF-Reporter“ eine wunderbare Möglichkeit, 45 Minuten selbstdarstellernd durchs Bild zu laufen, auf jeglichen Erkenntnisgewinn zu verzichten und stattdessen neue Sonnenbrillen und Lederjacken spazierenzuführen.

Und man fragt sich dann ja irgendwie auch, warum dafür überhaupt irgendwelche Gebührengelder ausgegeben werden, warum Journalisten häufig so elendig selbstverliebt sind, wer sich dieses leere Gequatsche anschaut. Und ob man diese Sendung nicht einfach beim nächsten Mal, wenn sich die GEZ meldet, nach Köln schicken und denen als Begründung um die Ohren hauen sollte, wenn man das Bezahlen von Gebühren ab sofort einstellt.

Liebe SPD…,

…ihr wollt jetzt also die Zeitungen retten. Weil auf dem Zeitungsmarkt eine Krise herscht. Das ist schon löblich und passt letztendlich auch zu euch und dem aktuellen Selbstverständnis deutscher Politik. Retten! Immer gut. Quelle, Opel, den Weltfrieden, jetzt die Zeitungen.

Eure Bestandsaufnahme des Zustands, in dem sich Zeitungen und Verlage aktuell befinden, ist schonunglos offen und erstaunlich treffend, man könnte als nototrischer Schlechtelauneverbreiter allerdings noch anmerken, dass sie Lichtjahre zu spät kommt. Sehr beeindruckt darf man von der Erkenntnis sein, dass die Zeitungen nicht nur in Schwierigkeiten, sondern in ernsten Schwierigkeiten stecken — und dass niemand ein Patentrezept habe. Soweit ist alles prima und ich hatte schon ernsthaft überlegt, ob ihr neben dem Onlinebeirat Sascha Lobo jetzt auch einen Zeitungsbeirat habt, so durchdacht klingt das alles. Danach aber wird es dann so ein kleines bisschen haarig, spätestens in dem Moment, in dem ihr feststellt:

Ein Verlust von Meinungs- und Angebotsvielfalt droht ebenso wie der Verlust von Qualitätsjournalismus.

Das droht, weil…ja, warum eigentlich? Weil es weniger Zeitungen geben wird, weil Informationen künftig viel mehr digital als analog verbreitet werden? Weil Qualitätsjournalismus, whatever this means, nur gedruckt stattfinden kann und die Qualität sofort um 25 Prozent weniger wird, weil sie durch Bildschirme merkwürdig reduziert wird?

Und ihr fordert: beispielsweise eine Stiftung, die investigativen Journalismus fördert, auf allen Ebenen, wie ihr betont. Das ist ganz besonders interessant, weil ihr zwar sowohl lokal als auch überregional Investigation fördern wollt, das aber anscheinend ausschließlich auf (Tages-)Zeitungen beschränkt seht. Das ist ja mal ein ulkiger Gedanke: investigative Journalisten für ein bestimmtes Medium zu fördern. Dabei, und das scheint ihr bei diesem dollen Antrag für den ordentlichen Bundesparteitag 2009 in Dresdner zu übersehen, fördert ihr einen Datenträger — und nicht etwa Journalismus. Das ist so, als wenn sich eine Initiative zur Förderung von Musik gründen würde, die es aber dann zur Bedingung macht, dass sie nur Musik fördert, die auf CD vertrieben wird. Oder ein Förderverein für Literatur, aber nur für auf Papier gedruckte Literatur. Das ist ziemlicher Unsinn — und es zeigt, dass ihr, wie viele andere auch, immer noch nicht begriffen habt, dass es nicht um die Zeitung geht, sondern um guten Journalismus. Wenn ihr euch für den einsetzen wollt, jederzeit gerne.

Erkenntnisse, weitgehend zusammenhanglos

Ich hätte mich ja vor mir selber warnen können. Das Problem ist: Wenn ich mich mal in Rage rede, zerfransen meine Ausführungen gerne und bekommen dann auch noch Anflüge von altersbedingtem Pathos. Gestern war es mal wieder so — ausgerechnet an meinem ersten „Arbeitstag“ an der Passauer Uni, bei dem ich 15 jungen Studenten damit vermutlich die Vorfreude auf weitere Veranstaltungen gründlich ausgetrieben habe.

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Es ging den ganzen Tag über so einigermaßen querbeet über das Große und Ganze, ohne das Allgemeine dabei  zu vergessen (tatsächlich sollte es über Blogs gehen, aber wenn man schon mal dabei ist). Jedenfalls landete ich über ein paar Umwege beim Thema Begeisterung für den Beruf. Ich dachte an die ganzen Heerscharen von leblosen Redaktionsrobotern, die wahleise in Lokalredaktionen sitzen und dort gerne mal die Meisterschaft in Lustlosigkeit austragen; an Durchlauferhitzer in Mantelredaktionen von Zeitungen, die sich darin gefallen, dpa eine neue Überschrift zu verpassen. Und an ein paar wunderbare Episoden vom Wochenende aus dem großen Reich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dem man danach gerne eine Lastwagenladung mit Ärmelschonern spendieren möchte. Und dann dachte ich an die Leute aus den unterschiedlichsten Bereichen, die ich gut finde (so verschieden sie im Einzelfall auch sein mögen). Mir fiel einer wie Felix Schwenzel zum Beispiel ein. Ich verstehe ihn nicht immer (er mich vermutlich auch nicht), dafür heißt sein Blog ja praktischerweise auch wirres.net. Aber meistens finde ich ihn lesenswert und ziemlich häufig muss ich laut lachen bei ihm (und das schaffen nicht viele). Ich weiß viel zu wenig über ihn, würde aber trotzdem sagen, dass es vor allem seine Begeisterung für das eigene tun, für das bloggen, twittern, fotografieren ist, was ihn ausmacht. Über den Kollegen Niggemeier brauch ich nicht viel zu sagen; wenn einer sich auf gefühlten 12000 Zeitungszeilen am Stück  über irgendwas echauffieren kann, ist er von diesem Tun vermutlich ein bisschen begeistert. Ich dachte an einen wie den DJS-(Uli)-Brenner, der über 60 ist und immer noch begeisterter Journalist. Und irgendwann kam ich dann zu dem Schluss, dass eigentlich so ungefähr jeder, den ich klasse finde, in erster Linie erstmal irgendwie Idealist ist und dann Journalist/Publizist. Wenn beides zusammengeht und die können davon auch noch (gut) leben, was will man dann eigentlich noch mehr?

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In dem Zusammenhang, liebe Passauer Studenten: Seit ihr mal froh, dass ihr einen wie Professor Ralf Hohlfeld habt. Er (und sein unfassbar nettes Team) haben es wirklich geschafft, dass ich beinahe alle Vorurteile gegen die Ausbildung von Journalisten an Universitäten über Bord geworfen habe. Und glauben Sie mir: Es waren viele Vorurteile. Momentan jedenfalls kann ich mich wirklich wie ein kleines Kind, ähm, begeistern dafür, dass direkt vor meiner niederbayerischen Haustür sowas passiert. Alleine schon deswegen, weil man möglicherweise als Niederbayer nicht mehr nur mit der PNP assoziert wird.

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Weil gerade schon bei den wüsten Gedankensprüngen sind, fiel mir dann in dem Kontext von Begeisterung und den Redaktionsbeamten noch ein, dass Nachrichtenaggregatoren noch ein zusätzlicher Sargnagel für den konventionellen Journalismus sein könnten. Vor allem für Tageszeitungen. Wenn Aggregatoren, die nichts kosten, den Job machen, den bisher Aggregatoren erledigen, die ziemlich teuer sind, dafür, dass sie nur aggregieren, könnte es ja immerhin eine Möglichkeit sein, dass man auf sie künftig gerne verzichtet.

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Dann noch heute abend beim Laufen gewesen und im Kopfhörer einen Beitrag über das Zeitungssterben in den USA und ein Interview mit, wem auch sonst, Jeff Jarvis gehört. Das Tolle an solchen Akademikern ist ja, dass sie solche Dinge, wie sie mir unsortiert durch den Kopf schießen, sehr viel strukturierter und unaufgeregter als ich vorbringen können (kein Wunder, ich bin ja immer in heller Aufregung, wenn mir gerade mal was dämmert). Aber mit den Akademikern habe ich ja inzwischen meinen Frieden geschlossen. Dafür besten Dank, lieber Ralf Hohlfeld (und Team).

(PS: Befürchtung einer Studentin gestern: Man gebe ja möglicherweise selbst beim (Medien-)Bloggen sehr viel über sich und seine Person preis. Hab ich noch noch nie so gesehen, ist aber ein interessanter Gedanke. Obwohl: Viel mehr als meine letzten drei Tage, ein paar unstrukturierte Gedanken und ein paar Anspielungen für sehr nette Menschen haben Sie ja nun auch nicht bekommen.)

Warnung vor dem Vodafone

Eindrücke vom Journalistentag Nord am Wochenende in Hannover, unsortiert und subjektiv und natürlich viel zu spät. Erstmal: Bei den Journalistentagen in NRW und in München waren es deutlich mehr Besucher, keine Ahnung, warum Hannover eher mau läuft. Auf den Panels sitzen mehr oder weniger übliche Verdächtige, von denen man den meisten ganz gut zuhören kann. daran kann´s weniger gelegen haben. Vielleicht war einfach das Wetter zu schön.

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Erst einmal sitze im Foyer und möchte irgendwo an einem Stehtisch ein paar Sachen via Netbook wegarbeiten. Das gute Netbook ist allerdings inzwischen massiv auf dem Vormarsch. Vodafone hat ein paar Promotion-Stände aufgestellt, mit Netbooks und Netzzugang. Nicht unlogisch, weil man ja neuerdings bei Vodafone ganz irre zwonullig sein und diese Einwohner aus Digitalien, von denen man neuerdings immer so viel hört,  an sich ketten will — und das, ohne das Web im Ansatz begriffen zu haben und ohne ein einziges adäquates Angebot zu machen (dafür hat man immerhin die Ausscheidung um den Titel „Misslungenster Werbespot des Jahres“ frühzeitig für sich entschieden). Das alles reizt ich in meinem angeborenen Trotz dann doch, mich mitten in dieses Areal zu setzen, mein Netbook samt Zugang eines Mitbewerbs auszupacken und mein iPhone daneben zu legen. Irgendwie sehen mich die Vodafone-Leute etwas pikiert an, was mich insofern nicht weiter stört, als dass mir Vodafone als ein ziemlich übler Abzocker-Laden in Erinnerung geblieben ist. Der Gipfel (neben etlichen anderen grenzwertigen Vorfällen) war vor gut einem Jahr mal, als ich einen neuen Handyvertrag bei Vodafone abschloss und ein neues Handy mitnehmen wollte. Das habe man gerade nicht auf Lager, sagte mir der Verkäufer, schicke es aber in den kommenden Tagen nach. Das Handy kam nie, stattdessen, die erste, die zweite, die dritte Monatsrechnung. Für eine nicht aktivierte SIM-Karte ohne Telefon, wohlgemerkt. Ich rufe in der Hotline an, wo das Handy bleibt, dort heißt es: keine Ahnung, ich solle doch mal direkt im Shop nachfragen. Also bei nächster Gelegenheit wieder nach München, rein in die Drückerkolonne Niederlassung, tja, heißt es dort — wie denn der Verkäufer geheißen habe. Ich sage, keine Ahnung, was mir ein kühles „Dann müssen sie mal am besten Hotline anrufen“ einbringt. Mittlerweile weigere ich mich, die Rechnungen zu bezahlen, was Vodafone aber einfordert, weil ich ja immerhin eine Karte hätte. Schließlich beruft sich Vodafone darauf, dass ich ja einen „SIM-only“-Vertrag abgeschlossen hätte und gar keinen Anspruch auf ein Handy gehabt hätte. Ich schaue — stimmt, der Kerl hat mir einen SIM-only-Vertrag untergejubelt. Mein Hinweis, ich hätte sowas doch gar nicht gewollt, wird abgeschmettert mit einer Aussage im Stil von „da könnte ja jeder kommen“. Schließlich zerrt mich Vodafone vor Gericht, bekommt auch noch recht („Tja, das ist so unterschrieben, müssen sie halt schauen, was sie da unterschreiben“) und bekommt nun einen Haufen Geld für eine nichterbrachte Leistung. Mein Anruf bei der Pressesprecherin des Konzerns und meine Nachfrage, wer denn letztendlich dafür Sorge zu tragen habe, dass tatsächlich auch der gewünschte Vertrag ausgestellt werde, bringt einen verbalen Eiertanz und schließlich ein: „Man sollte sich schon genau anschauen, was man unterschreibt“ mit sich. Also, Kollegen, achtet auf die Worte der Dame: Schaut euch gut an, wenn ihr was bei Vodafone unterschreibt. Es könnte was anderes sein als ihr denkt. Und was ich nie für möglich gehalten hätte: Der Umgang mit Kunden ist bei Vodafone noch schlechter als der Werbespot. Das muss man auch erst einmal hinbekommen.

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Ibrahim Evsan, Geschäftsführer bei „Sevenload“ und neuerdings auch Buchautor (nutzt übrigens auch suchtartig iPhone – wen von dieser merkwürdigen Generation Dingsbums bekommt Vodafone überhaupt? PR-Praktikanten?), ist jemand, der in einem unfassbaren Tempo unfassbar viel erzählen kann. Und einer, der gerne ein wenig zuspitzt und auf der Bühne das kleine Einmaleins der Rampensau zelebriert. Man mag ihn also für einen begandeten Vermarkter seiner selbst halten, wie es sie in der digitalen Szene ja auch an anderen Stellen gibt. Trotzdem ist seine an diesem Tag ausgiebig und ziemlich entertainig vorgebrachte These, dass onliner und offliner de facto nicht mehr miteinander kommunzieren können, nicht von der Hand zu weisen. Den Eindruck habe ich in Hannover und in den Tagen darauf auch immer wieder mal. Wenn man einem offliner davon erzählt, was sich gerade tut da draußen, schaut er dich an, als wenn du behaupten würdest, der Papst hätte Sex mit Außerirdischen.

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Was mich im Laufe des Tages auch immer wieder erstaunt: Es tauchen regelmäßig eigentlich nur zwei, drei Fragen auf. Wie wird das mit dem paid content, wie können sich vor allem freie Journalisten künftig über Wasser halten?  Vor allem der Gedanke, es gäbe mitten in einem radikalen Wandel schon so etwas wie Regeln, Ratgeber und feste Einsichten, amüsiert mich ein wenig. Warum muss ich gerade jetzt an Lenin und die Bahnsteige denken?

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Nehme mir in dem Zusammhang übrigens fest vor, künftig auf jede Interview-Frage, die mit dem Halbsatz „Halten Sie es für vorstellbar…?“ beginnt, sofort mit einem entschiedenen „Ja“ zu antworten.

So geht Zeitung heute

Die eine oder andere Zeitungsredaktion sollte sich die heutige Ausgabe der „taz“ an die Pinnwand nageln (und stattdessen gerne auf ein paar Panels oder Studien verzichten).

Die Idee, eine ganze Ausgabe zum Geburtstag der Krise zu machen, fand ich großartig. Nicht nur, weil es einfach nochmal ein hochspannendes und gut aufbereitetes Thema war, sondern weil die Kollegen in  Berlin eine Idee geliefert (und in der Praxis umgesetzt haben), wie Tageszeitung heute funktionieren kann — oder besser: muss. Nämlich weg vom Nachrichtenallerlei, von der Beliebigkeit, sich aus mehreren hundert Agenturmeldungen am Tag die vermeintlich besten rauszusuchen. Schluss mit bemühten Kommentaren und dem ritualisierten Blattmachen, wie es seit Jahrzehnten von Nuancen abgesehen immer gleich ist. Mir ist schon klar, dass eine Regionalzeitung nicht mal eben eine Sonderausgabe Lehman machen kann. Aber Schwerpunkte setzen, Inhalte machen, Position beziehen — das würde eine Zeitung lesenswert machen. Und dann spielt es keine Rolle, ob das Zeug jetzt gedruckt oder sonstwas ist.

Und den Rest der heutigen taz nehme ich nachher sogar noch mit ins Bett.

(Ganz alleine war die taz mit ihrer Idee übrigens nicht. Auch die SZ hat am Samstag acht Seiten ihres Wirtschaftsteil für die Krise freigeräumt. Trotzdem.)

Ein (…)geht um die Welt

Hans-Martin war ein eher unauffälliger durchschnittlicher Mensch. Bis Samstag abend. Bis er zu einer Hassfigur wurde, zu #hassmartin.

Man könnte sich ziemlich leicht darüber aufregen, was da passiert ist. Dass da einer im TV mit seinen eigenen Schwächen vorgeführt wurde und dass gleichzeitig eine Entrüstungs- und Hämemaschinerie im Netz angeworfen wurde, die an Schnelligkeit und Derbheit kaum zu übertreffen war. Aus Hans-Martin wurde in Minutenschnelle via Hashtag „Hassmartin“ und eigentlich amüsierte sich die Meute eher über den Mann, der da anscheinend in völliger Verkennung der Lage und seiner selbst sich zu einer öffentlichen Person machte, bei der einem nichts anderes übrig blieb als sie nicht zu mögen.

Also, arbeiten wir erst mal die kurzen Fakten ab: Hans-Martin ist das Abziehbild eines Menschen, der mit „gruselig“ noch freundlich umschrieben ist. Vorlaut, klugscheißerisch, uncharmant. Eine Figur, auf die man schnell Aggressionen und Häme projezieren kann. Man muss ja nicht gleich von „Hass“ reden, aber dass man ihn nicht mögen muss, ist erst mal unstreitbar.

Die Aufregung darüber allerdings, was jetzt mit dem armen Hans-Martin passiert, zeugt wahlweise von Heuchelei oder aber von Ahnungslosigkeit. Denn was da am Samstag bei Pro 7 ablief, war im Grunde nichts anderes als eine extrem rasante Zuspitzung dessen, was sowohl (privates) Fernsehen als auch Kommunikation im Netz ausmacht. Das Phänomen ist nicht neu, neu ist nur die Beinahe-Echtzeit-Geschwindigkeit, in der Netz und Fernsehen aufeinander zuliefen.

Privates Fernsehen lebt von seinen Charakteren, von gnadenloser Zuspitzung, von gut oder böse, schwarz oder weiß. Privates Fernsehen lebt nicht vom Lesen zwischen den Zeilen oder von Grautönen. Und insofern war es auch sicher kein Zufall, dass es ausgerechnet Hans-Martin war, der gestern als Gegner Raabs auserkoren wurde. Wenn man so will: weil er ein leichter Gegner war. Nicht, was die Spiele angeht, sondern die Dramaturgie der Show. Normalerweise gibt Raab wohlkalkuliert die Hackfresse, bei der sich alle freuen, wenn sie ordentlich poliert wird (oder der eine Boxerin das Nasenbein bricht). Diesmal war es umgekehrt und Hans-Martin der perfekte Kandidat, Raab im Hackfressen-Ranking den Rang abzulaufen. Hans-Martin war sozusagen (und bewusst ausgewählt) der Banker unter den Kandidaten; einer bei dem man wissen konnte, dass es ein Leichtes sein würde, sich auf ihn als die Antifigur zu einigen. So funktioniert das bei Bankern ja auch: Sogar Angela Merkel findet Banker inzwischen doof und kann sich dabei des Jubels aller Seiten sicher sein. Da widerspricht ihr nicht mal Gregor Gysi.

Muss man sich darüber entrüsten? Kann man. Aber dann muss man Privatfernsehen als solches in Frage stellen. Hans-Martin ist nichts anderes als die gehypte Witzfigur, die in eine grandiose Reihe gehört mit Peter Bond, Giulia Siegel, Daniel Küblböck und Sladdi (kennen Sie den noch?) Was folgt, ist klar: Es wird irgendwelche Satireseiten geben, lustige Fotomontagen, vielleicht taucht er auch in „TV total“ in einem Hotkey auf (das gehört zur Verwertungskette). Oder irgendwann mal im Dschungel. Er ist, wenn man so will, das perfekte Ergebnis eines Kandidatencastings im Privatfernsehen.

Und das Netz? Verwundert es, wenn in einem Medium wie „Twitter“, das letztendlich nichts anderes als die Echtzeit-Kommunikation von vielen mit vielen, sich viele rasant zusammenschließen, um sich über #hassmartin zu echauffieren? Dass es bei YouTube inzwischen Videos gibt, die seinen bizarren Auftritt dokumentieren? Auch das muss man nicht goutieren, aber so ist das Netz. Nichts ungewöhnliches, business as usual. So geht Fernsehen heute. Früher hätte man sich am Montag auf dem Schulhof oder im Büro über SDR unterhalten, heute macht man es live bei „Twitter“.

Ein vermeintlich kluger Mann wie Hans-Martin hätte das wissen müssen. So aber darf er jetzt froh sein, wenn Stefan Raab nicht auch noch ein Spottlied über ihn aufnimmt – mit besten Grüßen vom Maschendrahtzaun.

Die Zukunft des Journalismus

Übrigens habe ich diese Woche die Zukunft des Journalismus gesehen.

Nein, keine Sorge, ich habe kein Panel besucht, keine „Chefrunde“, ich hab´auch kein Manifest gelesen (geschweige denn es diskutiert). Sie war auch nicht online, interaktiv, digital, sie wurde nicht getwittert, nicht gefacebookt, nicht als kostenpflichtige iPhone-App vertrieben.

Im Gegenteil. Diese Zukunft des Journalismus war digital, hat geraschelt, war von Leuten geaschrieben, die alle schon älter sind als 23 und die alle (vermute ich wenigstens) kein HTML können. Und es waren keine klugen Blogeinträge mit langatmigen Belehrungen, sondern einfach — gute Stücke. Stücke, bei denen ich mit offenem Mund vor soviel großer Erzählfähigkeit da saß, mit großen Augen gelesen habe, mir für wenige Momente klein und dumm vorkam, das iPhone in die Ecke schredderte, die Flip beiseite legte und einfach nur dachte: groß, ganz groß.

Da ist zum Beispiel diese kleine, charmante Idee von Andreas Wolfers. Wolfers leitet die Henri-Nannen-Schule in Hamburg und hatte vor einem Jahr den wunderbaren Gedanken,  die Bewerber für seine Schule vor eine besonders knifflige Aufgabe stellte: Sie sollten einen Ort besuchen, an den sie sich bisher noch nicht getraut hatten. Das SZ-Magazin hat diese Idee jetzt aufgegriffen, ein ganzes Heft daraus gemacht — und auch Andreas Wolfers steuerte einen Text bei. Klug, unaufgeregt, präzise, ein Stück, bei dem sich jede Zeile lohnt. (Nebenher ist Andreas Wolfers übrigens einer der nettesten Menschen, die man sich vorstellen kann und Diskussionen mit ihm über die Zukunft des Journalismus verlaufen auf einem deutlich weniger lautsprecherischen, aggressiven und besserwisserischen Niveau als  man sich das in den vergangenen Tagen leider mal wieder geben musste).

Und noch was (für diejenigen unter Ihnen, die sich für Stil interessieren): Der Wolfers-Text kommt ohne ein Fremdwort aus, ebenso wie es so angenehm unprätentiös ist, dass nicht mal Wolf Schneider was zu meckern hätte.

Oder das Stück von Axel Hacke. Normalerweise lese ich den gar nicht so gerne, weil ich generell das Problem habe, dass mich Kolumnen relativ schnell langweilen, vor allem wenn sie stark auf die eigentliche Person konzentriert sind (zehn Folgen Hacke oder Weiler sind völlig ausreichend, finde ich, weil man dann in etwa auch weiß, wie sich die kommenden 195 Folgen lesen werden).

Das hier aber: einfach eine grandios erzählte Geschichte. Ich war noch nie im SZ-Hochhaus, aber wenn ich diese Beschreibung lese, habe ich eine Ahnung, warum ich da wahrscheinlich auch nicht hinwill.

Gedruckt? Auf dem iPhone? Online? Bezahlen, nicht bezahlen? (in diesem Fall übrigens: vermutlich gerne, wenn der SZ irgendwann mal noch ein halbwegs nachvollziehbares System einfällt).

Geschenkt. Ich glaube ganz ernsthaft, dass wir momentan (ich nehme mich da nicht aus) viel zu viel über Techniken, Lesegewohnheiten, Vernetzungen und anderen Kram debattieren, als über das, was Journalismus ausmacht, was ihn am Laufen hält. Gute, große Geschichten.  Leute, die was zu sagen haben und erzählen können. Leute, die Witz, Charme, Verstand und einen eigenen Kopf haben (und bei denen es letztendlich völlig wurscht ist, ob sie nun Blogger oder Journalisten oder beides oder keins von beidem sind). Mir ist es letztendlich völlig egal, wo jemand das publiziert und ob er es verlinkt oder nicht und ob man das kommentieren kann oder nicht. Ich will gute Geschichten lesen und ich hätte gerne einen Journalismus, der genau das befördert.

Zeitlos gut

(Warnung: Falls Sie es auf dieser Seite nicht gewohnt sind oder aber aus anderen Gründen nicht so gut mit hemmungslosem Lob umgehen können, sollten Sie den folgenden Beitrag besser nicht lesen.)

Schön, wenn man mal eine Erkenntnis kurz zusammenfassen kann: Sehr viel besser als das neue „Zeit online“ kann man eine journalistische Webseite nach heutigem Stand nicht machen. Man ist ja schon ziemlich glücklich, dass rein optisch mal jemand nicht den soundsovielten Nachbau von „Spiegel online“ vorlegt. Und man ist überrascht, dass jemand nicht nur eine halbwegs schicke Optik hinlegt und dabei die Inhalte der Optik nicht folgen können (tagesspiegel.de, stern.de).

Dabei ist das, was die Kollegen von „Zeit online“ gemacht haben, eigentlich gar nicht so kompliziert (vielleicht ist die ganze Geschichte deswegen so gut geworden). Die Optik ist schlicht und trotzdem schön, man nutzt endlich mal die volle mögliche Breite, bindet Fotos mit entsprechendem Platz und anständiger Größe ein. Da sieht sogar ein ziemlich langweiliges Standardfoto mit jubelnden Fußballern gut aus. Passt zu der alten Logik, die mir zu Zeitungszeiten mal ein überaus geschätzter Kollege mit auf den Weg gegeben hat: Wenn du ein schlechtes Bild hast, mach es so groß wie möglich. Klingt zunächst absurd, haut aber meistens hin.

Was ich neben der unbestrittenen journalistischen Qualität des Angebots sehr mag: Ich habe bisher zu keiner Sekunde den Eindruck gehabt, dass mich da jemand zum Klicken um des Klicks willen animieren will. Die Bildstrecken haben alle ihren Sinn und lohnen den Klick dann auch. Und wenn es tatsächlich mal auf der nächsten Seite mit einem Text weitergehen soll, dann lediglich deswegen, weil der Text sonst so lange wäre, dass man lange scrollen müsste (und das muss man ja nicht mögen).

Ich würde fast wetten wollen: Hält das neue Zeit online auf Dauer das, was es jetzt verspricht, hat der Markt der Nachrichtenwebseiten einen extrem starken Mitspieler mehr. (Nebenher: Angesichts dieser Seite nervt es mich umso mehr, dass  meine Lieblingszeitung SZ keinen Auftritt hinbekommt, der auch nur annähernd mit der „Zeit“ konkurrieren könnte. Im Gegenteil: Sieht man sich sueddeutsche.de jetzt mal im Vergleich an, bemerkt man erst, wie kläglich das ist).

Kurz und gut: well done, Kollegen. Besser geht´s nicht.