Abmahnen – in angemessener Weise

Die Idee kam zwar von einem Juristen – dennoch fand ich sie wunderbar: Ich habe für die nächste Ausgabe des „journalist“ eine Geschichte geschrieben, die ursprünglich in eine ganz andere Richtung gehen sollte. Zunächst lautete das naheliegende Thema „Kirche und Medien“, ehe sich ziemlich schnell herausstellte, dass sie sich zu einem beachtlichen Teil um die Auseinandersetzung (u.a.) des Regensburgers Stefan Aigner mit dem dortigen Bistum drehen würde. Als die Geschichte gerade fast fertig geschrieben war, erwirkte das Bistum eine Einstweilige Verfügung gegen Aigner, nach der eine Wertung, die ursprünglich der „Spiegel“ einer Geldzahlung durch das Bistum an eine Familie verpasst hatte, nicht mehr benannt werden darf. Um das also nochmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Der „Spiegel“ wertet die Zahlung eines Geldbetrags als irgendetwas, ein anderer zitiert dies, erwähnt zudem noch korrekterweise, dass das Bistum Zusammenhänge zwischen Zahlung und anderen Vorgängen vehement abstreitet – und kassiert dafür eine Einstweilige Verfügung. Das wiederum hat zur Folge, dass die Redaktion des „journalist“ sich entschieden hat, den inkriminierten Begriff in meiner Geschichte jeweils da, wo ich ihn verwendet hätte, zu schwärzen (Nein, keine Sorge…wir hatten keine Angst vor irgendjemandem, es zeigt nur so schön, wie absurd sowohl das Ansinnen des Bistums als auch die entsprechende Gerichtsentscheidung sind). Berichten kann man also über den Fall der medienrechtlichen Auseinandersetzung auch nicht mehr (zumindest nach Auffassung des Bistums), weil man dazu ja den Begriff erwähnen müsste, den man nicht mehr erwähnen darf.

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Kontraproduktiv sind solche Entscheidungen allemal. Der Begriff ist in der Welt, viele berichten darüber, ohne sich darum zu kümmern, dass das Bistum ja genau diesen Begriff nirgends mehr lesen will. Inzwischen ist er auch als Hashtag bei Twitter unterwegs und natürlich ist die Frage so naheliegend wie zulässig, was eigentlich genau das Bistum unterdrücken will, wenn sie derart brachial unterwegs ist. Zumal eine Frage ja immer noch nicht beantwortet ist: Man weiß jetzt zwar, wozu die Zahlung des Bistums an eine Familie auf gar keinen Fall gedient haben soll – wozu sie dann aber geleistet wurde, darüber sagt das Bistums nichts.

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Ganz generell sieht es allerdings schon so aus, als würde dieses Vorgehen der Kirche beileibe kein Einzelfall mehr bleiben. Abmahnungen und ähnliche Daumenschrauben grassieren nach meinem Eindruck momentan schlimmer denn je – und dieser Eindruck speist sich nicht nur daraus, dass ich unlängst selber eine kassiert habe. Damit wir uns richtig verstehen: Natürlich sind solche Rechtsmittel (wie auch Gegendarstellungen) ein wichtiges Instrument, das generell niemand in Frage stellen will. Wer mit Falschaussagen konfrontiert wird, muss eine probate Möglichkeit haben, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Problematisch wird es dann, wenn diese Mittel dazu eingesetzt werden, missliebige Kritiker zum Schweigen zu bringen. In mindestens drei der mir bekannten Fälle aus der letzten Zeit scheint es genau darum zu gehen (meinen eigenen eingeschlossen): In zwei Fällen (meinen eingeschlossen) war die strittige Behauptung von mir bzw. den anderen Betroffenen schon lange als falsch erkannt und aus freien Stücken korrigiert worden. Es ging also gar nicht mehr darum, eine Falschbehauptung zu korrigieren, das war schon lange geschehen. Stattdessen wurden Streitwerte festgesetzt, die zumindest in dem anderen mir bekannten Fall absurd hoch waren. Die Idee dahinter ist klar: ein kleiner Blogger hat selten die Ausdauer und vor allem das Geld dazu, mal eben einen langen und kostenintensiven Prozess zu führen. Noch dazu, wo sich die Frage nach dem „warum“ stellt. Wenn man einen Fehler schon lange erkannt und korrigiert hat, soll man dann ernsthaft darum prozessieren, ob man den Fehler nicht schon eher hätte korrigieren müssen?

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Im Fall von Stefan Aigner kommt noch anderes dazu: Das Bistum will über diesen Fall schlichtweg gar nicht reden. Es geht also nicht darum, dass beispielsweise jemand journalistische Sorgfaltspflichten verletzt und bei Recherchen nicht im Bistum nachfragt. Selbst wenn man das tut, man bekommt keine Antwort. Meine Anfrage zum Thema wurde vom Bistum wie folgt beantwortet:

Bei denen von Ihnen genannten Fällen handelt es sich um Einforderungen von Unterlassungserklärungen aufgrund von Falschbehauptungen zu Sachverhalten im Bistum Regensburg. Da es sich aber meist um laufende Verfahren handelt, möchten wir dazu keine Stellung nehmen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Stefan Niggemeier hatte da mehr Glück: Auch ihm wurde zwar vom Bistum geantwortet, dass man nicht antworten wolle, immerhin aber ließ man sich noch zu der Aussage erweichen:

„Grundsätzlich ist aber festzustellen, dass bei massiven ehrabschneidenden und rufschädigenden Falschbehauptungen immer in angemessener Weise reagiert werden muss.”

Mit anständig recherchierenden Journalisten einfach mal zu reden – wäre das dann keine „angemessene Weise“?

Die Weisheit der Blassen

Das Web (2.0) fängt an, langweilig zu werden.

Seit ein paar Wochen habe ich so ein unbestimmtes Bauchgefühl. Dass diejenigen, mit denen man bis vor Jahresfrist im Web und über das Web überaus spannende Debatten führen konnte, nicht mehr oder nur noch deutlich weniger präsent sind. Und dass auf der anderen Seite der mediale Mainstream kommt. Die Oberflächen-Surfer, die gerne mit vielen wohlklingenden Schlagworten um sich werfen, es aber an inhaltlicher Substanz weitgehend vermissen lassen. Diejenigen, die meinen, dass man, wenn man möglichst viel, laut und grell twittert und facebookt, schon eine Art von neuem Journalismus betreibe. Die Reden mit Kommunikation verwechseln und die meinen, es komme in erster Linie auf neue Geräte an und dann werde schon wieder alles gut mit dem Journalismus.

Man redet überhaupt nicht mehr so viel über Journalismus, zumindest nicht bei denen, die momentan ziemlich lautstark das Web 2.0 verkleistern. Man redet über Gadgets und Gimmicks und natürlich über das iPad; ganz so, als würde dieses Wunderdings irgendwas mit Journalismus zu tun haben. Man ergötzt sich also daran, wie brillant Videos auf dieser Kiste wiedergegeben werden und dass es vermutlich demnnächst auch noch eheähnliche Gemeinschaften mit seinen Besitzern eingehen kann. Man betreibt Götzenverehrung, findet uneingeschränkt alles toll, was der gefräßige Moloch Apple so alles auf den Markt wirft (Es wird übrigens vermutlich nicht sehr lange dauern, bis die Apple-Jünger sich über den „Spiegel“ hermachen, der sich in der neuen Titelgeschichte ziemlich kritisch mit dem Konzern beschäftigt. Diese Form von Indifferenz beunruhigt mich immer; ebenso wie auf der anderen Seite im Jarvis-Lager, das sein Leben offenbar an Google ausrichten will). Ich bin bestimmt kein Antikapitalist, aber dass sich Google und Apple und Facebook und wie sie alle heißen für Journalismus einen feuchten Dreck interessieren, scheint doch bitte klar zu sein. Die wollen viel, viel Geld verdienen und vor allem: Kontrolle übernehmen. Ich glaube, der größte Irrtum, den jemand wie Jeff Jarvis begeht, ist zu glauben, dass uns Google oder Apple oder Facebook Kontrolle zurückgeben oder uns Freiheiten ermöglichen wollen. Ganz im Gegenteil.

Überhaupt kann man ganz gut an den Ankündigungen der Veranstaltungen in den kommenden Wochen und Monaten ablesen, dass die Karawane irgendwie weitergezogen ist. Was derzeit für die Panels angekündigt wird, finde ich eher reizlos, weil ich in etwa weiß, was auf mich zukommt. Apple toll, Crossmedia auch toll, alles toll. Da wünscht man sich fast Don Alphonso zurück, der zwar das Web 2.0 und seine Akteure  irgendwie doof fand, aber so etwas wie eine Haltung hatte, bevor er anfing über Kochen und Schlittenfahren zu schreiben. Jetzt regiert die Weisheit der Blassen.

Dabei wäre das eigentlich eine gute Zeit, mal über Journalismus zu reden. Man macht ja noch nichts Neues oder Erwähnenswertes, wenn man jetzt auch bei Facebook bekanntgibt, in seiner Zeitung etwas ganz tolles Neues stehen zu haben. Sogar meine lieben Freunde der „Passauer Neuen Presse“ (um den Namen mal wieder nach langer Zeit ins Spiel zu bringen) twittern inzwischen und sind bei Facebook. Facebook und Twitter zu nutzen ist also eine Erkenntnis, die sich ziemlich weit rumgesprochen hat, deswegen macht man vielerorts aber immer noch denselben drögen Jounalismus wie ehedem. Und nicht  nur das: Redaktionen und Redakteure werden, so wie es aussieht, vielerorts immer mehr wahlweise als lästiges Beiwerk oder als teure und nur noch schwerlich zu finanzierende Einrichtung betrachtet.  Alleine die Zahl der in diesem Jahr entlassenen Redakteure müsste eigentlich zu heftigen Debatten über die Zukunft unseres Berufs führen. Stattdessen iPad, iPad, iPad. Man wüsste in dem Zusammenhang übrigens ja schon gerne mal, was in den Köpfen von Menschen vorgeht, die meinen, das Ding würde irgendwas retten. Im Gegenteil: Wenn früher jemand seine Zeitung in die Hand nahm, wussten wir sicher, was dieser Mensch jetzt tun würde. Wenn heute jemand ein iPad in die Hand nimmt, wissen wir nicht im Geringsten, was er damit wohl anstellen wird. Ob er unbedingt Zeitung lesen will, sollte man jedenfalls nicht zwingend annehmen.

Journalismus ist mehr als Inhalte für irgendwelche funkelnden Geräte herzustellen. Ich habe nichts gegen die funkelnden Geräte, sie werden unsere Gewohnheiten sicher verändern. Aber Journalismus wird in den kommenden Jahren mehr und mehr um seine Akzeptanz kämpfen müssen — und das aus einer ganzen Reihe von guten Gründen. Journalismus kostet Geld, kostet Zeit, kostet Geduld. Man bräuchte eine halbwegs vernünftige Ausbildung dazu, solche merkwürdigen Dinge wie Ausdauer, Leidenschaft, Begeisterung und ein gewisses Ethos. Mir wird zunehmend schwindlig, wenn ich neben den Web2.0-Aposteln zunehmend öfter auch jungen Leuten begegne, die nicht so recht wissen, was sie nach dem Abi machen sollen und sich deshalb erstmal für „was mit Medien“ entscheiden. Die dann durch einen Haufen unbezahlter Praktika und ggf. auch durch ein mediokres Volontariat laufen und schließlich schlecht ausgebildet und twitternd auf das Publikum losgelassen werden.

In der Spitze funktioniert unser Journalismus nach meinem Eindruck immer noch ziemlich gut. Unsere besten Zeitungen und Sender, da arbeiten immer wieder großartige Leute, die großartige Dinge produzieren. Stattdessen franst der Journalismus in der Breite aus. In vielen unserer Zeitungen regiert die Ideenlosigkeit. Ein Tag Radio hören und Fernsehen schauen gleicht eine schweren Strafe für ungebührliches Verhalten. Die Inhaltsleere regiert und gleichzeitig jammert man darüber, dass die Menschen nicht zahlen wollen für den ganzen Plunder, der da jeden Tag rauskommt. (Mir fällt gerade ein, dass ich diese Woche in Stuttgart eine Baustellenlänge lang im Autoradio einen „Schwerpunkt“ zum Thema Mixa-Rücktritt hörte. Das waren viele hübsche kleine Böllereffekte, danach wusste man in etwa, dass Mixa zurücktritt. Und der Sender war vermutlich schrecklich stolz darauf, dass man eine Wortstrecke im Programm hatte, die länger als 1.30 war.)

Und das alles wird besser, weil man es künftig auf ganz vielen Kanälen macht und auf Geräten mit einem Apfel ausspielt? Es wird wohl besser sein, einer Reihe von Panels in den nächsten Monaten fernzubleiben.

Ein paar unsortierte Wocheneindrücke

„Du bloggst viel weniger als du denkst zu bloggen“.

Ohja, eine Erkenntnis, die mir freundlicherweise vermittelt wurde, die ich anfangs noch abstreiten wollte — und die ich selber leider in den vergangenen zwei Wochen eindrucksvoll belegt habe. Ab und an nimmt man sich ja mal seine Pausen, es gibt sogar Menschen, die unbestätigten Gerüchten zufolge auch mal so was wie Urlaub haben und machen. Aber alles das war´s nicht, was zu dieser Pause führte. Ich war zwei Wochen am Stück unterwegs, hab´mal wieder Kilometer gefressen und finde jetzt hier, endlich wieder am heimischen Büroschreibtisch, einen Zustand vor, der mit chaotisch gnädig umschrieben ist. Bloggen? War da mal was? Klar war da mal was: Enorm viel guter Willen und etliche Themen, die auf irgendwelchen Zetteln und Notizen als unbedingt bloggenswert festgehalten waren. Allein, es fehlt die Zeit.

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 Man kommt sich in der guten, edlen Welt des Web 2.0 ja irgendwie ein wenig komisch vor, denkt man an so was Schnödes wie Geld verdienen. Alle bloggen hochwertig und gut und edel und natürlich völlig kostenlos und man muss ja schon froh sein, wenn man dafür nicht allzu sehr beschimpft wird. Der Ton sei halt ein wenig rauer, sagen diejenigen, die mittendrin und wohlmeinend sind. Außenstehende beschreiben das auch mal anders: „Ein bissi speziell“ seien die/wir (ich?) ja schon, teilte mir jetzt ein Beobachter des Ganzen mit und ich hatte ernsthafte Schwierigkeiten, dem zu widersprechen. Ich war also Geld verdienen, müsste eigentlich als erster Satz da stehen. Weil es mit dem Bloggen halt nicht geht und wahrscheinlich auch nicht gehen wird, wenn man nicht gerade zu den wenigen Berufsbloggern gehört, die aus den verschiedensten Umständen heraus in einer Situation sind, dass sie jemand für ihre Arbeit bezahlt (und bloggen ist eben dann doch, will man es richtig machen will, neben all dem Spaß auch Arbeit; sehr viel Arbeit sogar). Nicht mal Großblogger und Gurufürallesundnix Jeff Jarvis verdient nennenswert Geld mit seiner „Buzzmachine“; in einem Bericht über die Re:publica habe ich mal gehört, es seien 2000 Dollar. Pro Jahr, versteht sich.

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Natürlich kann auch das eine Form des Geldverdienens sein: bloggen, um an anderer Stelle Geld für ein anderes „Produkt“ zu bekommen. Jarvis bekommt dann halt ein wenig was zum Leben über seine Bücher rein, andere arbeiten weiterhin als Autoren für konventionelle Medien, andere sind durchs bloggen halt einfach bekannt und bekommen Geld fürs Bekanntsein.  Vielleicht ist es ja dann doch einfach unsinnig, immer nur davon zu reden, dass man „im Internet“ kein Geld verdient. Spielt es eine Rolle, wofür man letztendlich bezahlt wird? Wenn die Bloggerei dazu führt, dass man andere gute Jobs an Land zieht, dann ist doch schlichtweg alles ok. Insofern, auch wenn manche das anders sehen, funktioniert die Aufmerksamkeitsökonomie dann eben doch. Aufmerksamkeit sagt ja erst einmal nichts darüber aus, wo und wie sie erzeugt und letztendlich monetarisiert wird.  Das war früher anders und ich vermute, es wird noch viele Jahre dauern, bis sich diese Erkenntnis durchsetzt. Mir soll´s recht sein.

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Auf der anderen Seite ist es ja dann doch wieder verwunderlich, wie wenig auch jetzt noch, nach einem guten Jahrzehnt neuer Massenmedien, Blogger und andere bereit sind, von ihrem Ausschließlichkeitsanspruch wegzugehen. Hört man die Nichtblogger, die die Blogger gerne als ein „bissi speziell“ beschreiben, man könnte meinen, Bloggen sei was von armen Irren für arme Irre. Wenn man dann wieder dem einen oder anderen Re:publica-Gerede lauscht, kommt man leicht zu dem Eindruck, es gebe kein echtes Leben außerhalb der Bloggerei. Ich kann eigentlich mit beidem ganz gut leben, habe aber momentan den Eindruck, damit zwischen allen Stühlen zu sitzen. Obwohl (endlich kann ich mal eines dieser Angeber-Zitate bringen), Hajo Friedrichs soll mal geschrieben, dass ein Journalist genau dort (zwischen die Stühle) hingehöre. Und nachdem ich eigentlich ziemlich regelmäßig zwischen allen Stühlen lande, habe ich das gute Gefühl, dass das mit mir und dem Journalismus vielleicht doch keine so schlechte Ehe ist.

 

Und wo bleibt das Positive (2)?

Hier. Herr Lobo und Herr Sixtus und ein paar andere im ZDF-Nachtstudio. Die ganze Debatte angenehm unaufgeregt. Keine Bombenbauanleitungen und keine Kinderpornos und nette Details, die mich irgendwie beruhigen. Beispielsweise, dass die alle auch nur mit digitalem Wasser kochen. Herr Lobo hat erst seit 2000 ´ne Emailadresse. Da stand ich schon einer großen digitalen Redaktion vor und unmittelbar vor meinen ersten richtigen Internet-Fehleinschätztungen und dem ersten echten NE-Desaster. Dachte nicht, dass ich mich mal wie ein Veteran fühlen würde. Dafür danke, ZDF.

Monosaurier in der Multiwelt

Welch eine Überraschung: Wenn man also die ersten Zahlen aus den USA richtig deutet (auch wenn sie so früh und für Deutschland umgerechnet nur eingeschränkt aussagekräftig sind), dann wollen die Menschen mit ihrem nagelneuen iPad nicht (rpt: nicht!) nur Zeitungen lesen. Und sie wollen es vermutlich nicht in der Form, wie es ihnen die meisten Zeitungen gerne andienen wollen bzw. schon andienen: nämlich als 1:1-Variante der gedruckten Ausgabe. Was ja alleine schon deswegen verständlich ist, weil man dann ja gleich das gedruckte Papier kaufen könnte. Man hat  schließlich nicht unbedingt generell etwas gegen Papier einzuwenden, so ein iPad ist mit seinem Kilogewicht den ersten Berichten zufolge nur ein eher eingeschränktes Vergnügen.

Es könnte also ganz gut sein, dass uns das Thema iPad und die bisher eher mangelnde Begeisterung für Zeitungs-Apps dann doch zu einem ganz anderen Thema führt. Vielleicht hat es ja gar nichts mit einer generellen Abneigung gegen Zeitungen oder die bisherigen Formen des Journalismus zu tun, sondern damit, dass sich auf einem neuen Endgerät auch neue Formen der Darstellung, des Erzähelns und Präsentierens entwickeln müssen. Den Fehler, das Bisherige einfach übertragen zu wollen, machte man ja schon früher gerne mal. Man erinnere sich an die Einführung des Teletextes im Fernsehen, als man dahinter eine Art „Bildschirmzeitung“ vermutete, die nie kam, die es nie sein konnte und die die Zuschauer auch gar nicht wollten. Stattdessen entwickelte sich Teletext in eine völlig andere Richtung; in eine Art dienstbarer Geist hinter dem eigentlichen Fernsehen. Einen Geist, den man schnell für eine Dienstleistung, für einen sehr schnellen Überblick aufruft und dann wieder beiseite legt. Am Fernseher wird eben noch ferngesehen – und nicht „Zeitung“ gelesen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass die konventionelle Zeitung im klassischen Sinne auf dem iPad und anderen Lesegeräten vor ähnlichen Problemen stehen wird. Aus zwei Gründen. Erstens: Wer einen iPad in die Hand nimmt, tut das nicht primär, um jetzt Zeitung zu lesen. Er hat ein Gerät, dass dummerweise zu vieles kann. Es ist ein Gerät, dass der Zeitung erst einmal sehr viel Aufmerksamkeit entzieht, weil sich zu vieles anderes auf dem Desktop tummelt. Es macht  schon einen Unterschied, ob sich jemand mit einer Zeitung in der Hand oder einem iPad auf seine Couch setzt. Bei der Zeitung ist er im Regelfall mit sich und seinem Blatt alleine; die Vermutung, dass sich jemand mit der Zeitung niederlässt, auch wirklich Zeitung lesen und nichts anderes machen will, liegt nahe. Bei jemanden, der das iPad in der Hand hält, ist das nicht zwingend gesagt.

Und dann ist da ja noch etwas anderes: die keineswegs friedliche Koexistenz etlicher anderer journalistischer Angebot ein Icon neben der Zeitungs-App. Die Debatte geht also gar nicht so sehr darum, ob User für Inhalt zahlen wollen oder nicht (darum natürlich auch…), sondern um die schlichte Frage, ob eine eindimensionale und monomediale Tageszeitung neben der interaktiven, hyperkonvergenten und multimedialen Welt des Internets ganz einfach nicht überlebensfähig sein kann. Es gibt nicht sehr viele Gründe dafür, ein lineares, monomediales Medium auf einer Plattform zu nutzen, auf der einen Fingertipp weiter das pralle Leben wartet. Man muss das vielleicht denjenigen nochmal klarmachen, die jetzt an die Rettung des darbenden Papiers durch das iPad glauben: iPad ist immer noch viel eher Internet als Zeitung, ist immer noch mehr Multimedia als Monomedia.  Wenn man denn also schon den Sprung wagen will auf supermediale Gerät iPad – dann richtig.

Twitterzeichen, gebloggt

Heute war dann drüben im „Wertzeichen-Blog“ mein Beitrag aus dem Buch „Wertzeichen setzen“ dran und ich hab´mich amüsiert. Über zweierlei. Darüber, dass ich „Twitter“ selbst mal sehr skeptisch gegenüberstand und dennoch eine ziemliche Eloge geschrieben habe (also, wenigstens für meine Verhältnisse). Und darüber, dass ich dann doch wieder klassisches „Long Tail“ beobachten durfte: Herr Lobo hat den Beitrag via „Twitter“ angekündigt und schon hatte ich einige Follower mehr. So viele bekomme ich sonst nur, wenn ich ein paar Tage mal nicht twittere.

Dieses Web 2.0 ist schon komisch, irgendwie.

Disaster in Timeline-Form

„Journalism is dead“ behauptet das Poynter-Institut in dieser Timeline. So weit muss man ja nicht gleich gehen, aber zumindest ist es dann doch wieder einigermaßen erschütternd, wenn man sich ansieht, wie es konventionelle Medien in den USA in den letzten Jahren massiv erwischt hat.

Und nachdem die Software, mit der diese Timeline erstellt wurde, irgendwo im Netz kostenlos rumliegt, notiere ich mir jetzt  mal als Fleißaufgabe für das Jahresende 2010, eine solche Timeline  mit den deutschen Mediennachrichten aus 2009 und 2010 zu bestücken. Sehr viel fröhlicher, fürchte ich, wird das auch nicht aussehen im Ergebnis.

Willkommen, Destroyer!

Ja, ganz ehrlich und in aller Deutlichkeit: Der iPad-Rummel nervt mich ungemein.  Mir sind solche Massenveranstaltungen generell immer suspekt und ich weiß auch nicht, wie dumm wir alle sind, wenn wir uns von einem überaus gelungenen Marketing-Gag von Apple zu willigen Helfershelfern machen lassen. Ich habe ja keine Zweifel, dass das Ding ein hübsches Gerät sein wird. Und vermutlich wird irgendwann im Laufe des Jahres, wenn dann alle mal wieder normal sind und die Götzenanbetung beendet ist, ein solches Teil auch bei mir rumliegen. Bis dahin wäre ich aber schon ziemlich dankbar, wenn man mal allmählich damit aufhören könnte so zu tun, als habe Steve Jobs mal eben die Menschheit erlöst. Und dass beispielsweise bild.de einen eigenen Live-Ticker einrichtete, nur um zu dokumentieren, dass es jetzt einen neuen Computer gibt — ich glaube, ich habe noch nie in dieser Form erlebt, dass sich Journalisten als freudige Marketinghelfer eines Konzerns generieren. Erzähl mir bitte keiner mehr was über Reise- oder Autojournalisten: Was die allermeisten – auch durchaus seriöse Redaktionen – in den vergangenen Wochen und Monaten angerichtet haben, hat nichts mehr mit Journalismus zu tun, das ist nicht einmal schlecht verbrämte PR. Apple kann´s freuen; wieso allerdings Journalisten bei diesem Thema alle Hemmungen fallen lassen, bleibt mir unerklärlich.

Unerklärlich ist mir übrigens auch die Euphorie vieler Verlage, die meinen, endlich das Geschäftsmodell der Zukunft gefunden zu haben: Es gibt die Zeitung jetzt einfach auf dem iPad statt auf dem Papier und alles wird wieder gut. Das „Wall Street Journal“ ist sogar so euphorisch, dass es die iPad-Ausgabe gleich mal teurer als die gedruckte Zeitung anbietet. Das allerdings dürfte von den vielen Irrtümern, die Verlage in den letzten Jahren begangen haben, der größte sein: Das iPad wird sie nicht konsolidieren, sondern noch weiter in die Tiefe reißen. Mit dem iPad wird der neue große Player auf dem Medienmarkt (Apple) seine monopolartige Position im Bereich digitaler Inhalte noch weiter festigen — und der Markt für die bisherigen Inhalteanbieter wird noch stärker fragmentieren als bisher. Umgekehrt heißt das: Der Nutzer bekommt noch mehr Auswahl, der Zugriff auf Inhalte aus allen nur denkbaren Quellen wird noch einfacher, umgekehrt wird die Position insbesondere der Verlage und Sender tendenziell  schwächer. Die Probleme, die vor allem Zeitungen inzwischen haben, rühren ja nicht daher, dass die Menschheit plötzlich kein Papier mehr mag, generell aber natürlich am allerliebsten die Inhalte der Verlage lesen würde, solange es bloß nicht auf Papier ist. Exemplarisch dafür habe ich mit Staunen vernommen, dass der Springer-Verlag jetzt als erster mit einer eigenen App auf dem hysterisch bejubelten Brett vertreten sein wird — mit einer PDF-Ausgabe seiner Zeitungen. Man denkt also ernsthaft, dem Publikumsschwund der Blätter mit einer identischen PDF-Version begegnen zu können? Ganz so, als sei es nicht der Inhalt, der zählt, sondern der Vertriebsweg.

Dieses Denken zeigt, woran es den meisten Medienhäusern immer noch mangelt: einem gewachsenen Verständnis dafür, was momentan überhaupt passiert. Das sind im Wesentlichen zwei Entwicklungen, die auf  den ersten Blick widersinnig erscheinen, tatsächlich aber wesentlich sind (und beide, trotz ihrer Widersinnigkeit, an den bisherigen Medienhäusern vorbeiführen).

Zum einen: Der Hersteller dessen, was sie jetzt als ihre große Hoffnung bejubeln, ist ein Medienkonzern geworden. Ein Gigant, der die Spielregeln vorgeben wird. Wen Apple nicht will, wird Apple nicht nehmen. Wer auf Apples Plattformen will, muss eine Menge Geld dafür ausgeben. Das Kassenhäuschen vor den Inhalten stellt Apple auf, niemand anderer. Jeder „Süddeutscher Verlag“, jede FAZ ist ein Zwerg gegen Apple. Merkwürdig übrigens, dass man das bei Google und Microsoft so überaus kritisch sieht, bei allem aber, was Apple tut, in beglückten Applaus ausbricht. Bestes Beispiel: Apps, die es bereits für das iPhone gibt, werden für das iPad teilweise doppelt so teuer verkauft. Man würde gerne die entrüsteten Journalistenkommentare lesen, wäre dies nicht die Politik von Apple, sondern, sagen wir — Microsoft.

Zum anderen: Neben den (nunmehr nur noch mittelgroßen) Medienhäusern wachsen unendlich viele andere heran, für die es ein leichtes geworden ist, selbst zum Publizisten oder ggf. auch zum Programmierer zu werden. Das iPad und alle anderen Tablets machen es ausgerechnet den größten Konkurenten der etablierten Medien noch leichter, an die Aufmerksamkeit der geneigten Kundschaft zu kommen. Früher war der Platz im Briefasten weitgehend konkurrenzlos der Zeitung vorbehalten, die Aufmerksamkeit am Bilschirm dem Fernsehen und am Lautsprecher dem Radio. Wenn sich wirklich, wie nun so viele prophezeien, das Mediennutzungsverhalten der Menschen durch die Superflunder ändern wird — was bringt einen eigentlich dann auf den Gedanken, dies müsse ausgerechnet zugunsten der bisherigen Medien geschehen?  Die Karten werden auf dem iPad völlig neu gemischt, mit eindeutigen Startvorteilen für diejenigen, die bereits etabliert sind in der neuen digitalen Welt. Ich bezweifle sehr, dass ein PDF-Abo eine adäquate Antwort ist. Die konventionellen Medien sind also vermutlich wieder gerade dabei, eine neue Chance (von Revolution mag ich ja gar nicht mehr reden) zu verpassen.