Und jetzt noch ein Pulitzer-Preis für “Hörzu”

Axel Caesar Springer, könnte er es hören, würde sich wundern. Darüber, was man ihm bald 30 Jahre nach seinem Tod alles an Wohlwollendem hinterherruft. Dass er ein großer Verleger gewesen sei, einer mit Spürnase, einer der noch publizistisch-verlegerisch gedacht habe und einer, der mit Herzblut bei der Sache war. Nicht so eine Controller-Krämerseele wie dieser Dr. Döpfner, der da mal einfach eben so Sachen verscherbelt, die quasi stellvertretend für große journalistische Traditionen stehen. Man staunt zwar ein bisschen, dass das die „Morgenpost“ und die „Hörzu“ gewesen sein sollen, ohne die Springer, ach, was reden wir, der ganze Journalismus in Deutschland nie, nie wieder so sein werden wie sie mal waren. Aber in einer hysterisch geführten Debatte macht man eben auch mal aus einer Fernsehzeitschrift eine Ikone des deutschen Journalismus.

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Vermutlich war es schlichtweg dieser sehr radikale Schnitt bei Springer, der jetzt für so viel Aufregung sorgt. In der Konsequenz ist er aber trotzdem nicht wirklich überraschend: Dass man bei Springers schon länger nicht mehr an eine große Zukunft von gedruckten Medien glaubt, war aus so vielen Äußerungen herauszulesen und in so vielen Unternehmensentscheidungen versteckt, dass man reichlich naiv sein müsste, um jetzt noch ernsthaft überrascht zu sein. Nüchtern betrachtet ist lediglich das eingetreten, was ziemlich viele der üblichen Verdächtigen aus den bloggenden Netzgemeinde schon lange prophezeien: Das Zeitfenster für Print schließt sich zunehmend. Und ebenso nüchtern betrachtet muss man Döpfner ja fast schon wieder gutes Management bescheinigen: Eine knappe Milliarde ist ein sehr ordentlicher Erlös – und die Hände an den abgestoßenen Blättern macht sich jetzt Funke schmutzig, nicht Springer. Nachdem man bei Funkes schon mal auch eine ganze Zeitung ohne Redaktion macht, haben die Herrschaften in dieser Disziplin ja vermutlich Erfahrung.

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Soweit die nüchterne Einschätzung. Die ganze Geschichte hat aber noch eine zweite und dritte Komponente. Dass der Verkauf für die betroffenen Mitarbeiter eine sehr bittere Sache ist, wird niemand bestreiten können. Anlass zur Häme gibt es nicht, selbst wenn man eine sehr nüchterne Einschätzung der Lage vornimmt. Job- und Existenzangst zu haben, das wünscht man niemandem.

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Aber der Springer-Radikalschnitt hat auch für Journalisten Konsequenzen, die nicht bei Springer arbeiten und womöglich auch gar nicht vorhaben, das jemals zu tun. Der Deal ist ein Fanal für alle, die jetzt Journalisten sind oder es noch werden wollen. Ein Fanal, dass es auch für sie nicht so weitergehen kann wie bisher. Dafür, dass das Internet eben nicht ein Betriebsunfall der medialen Geschichte ist oder nur eine nette Ergänzung dessen, was schon immer da war und auch immer bleiben wird. Wenn man so will, dann kommt der Journalismus jetzt endgültig im digitalen Zeitalter an. Die Frage dabei ist gar nicht, ob man Zeitungen lieber gedruckt oder digital konsumieren will. Es geht vielmehr darum, wie Journalismus künftig aussehen wird. Das, was Journalisten können müssen, geht weit über das hinaus, was ihnen heute abverlangt wird. Darüber würde es sich lohnen zu reden – und nicht so sehr darüber, ob jetzt eine Zeitung auf Papier oder auf dem Tablet gelesen wird. Der Journalismus, der dort gemacht wird, ist nahezu identisch (weswegen es übrigens auch ein Trugschluss ist zu glauben, die Erfindung des Tablets habe irgendwas gerettet).

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Man kommt in diesem Zusammenhang übrigens nicht daran vorbei, sich ein wenig über den Zustand des Medienjournalismus in Deutschland zu wundern. Das Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“ bei WDR 5 beispielsweise hatte keine schlechtere Idee als den Zeitungswissenschaftler Horst Röper zu fragen, den sie immer fragen, wenn in irgendeinem Thema ansatzweise das Wort „Zeitung“ vorkommt. Der Wissenschaftler röperte dann auch mal in gewohnter Manier, sagte ziemlich überraschend, Springer sei ja noch ein echter Verleger gewesen und dass wir allmählich auf ein Finanzierungsproblem zusteuern, wenn „das Internet kostenlos bleibt“ (das sagte er wirklich). Danach fragten sie die Vorsitzende des Springer-Betriebsrats, ob der Schock noch tief sitze. Die Dame antwortete wahrheitsgemäß, dass der Schock noch tief sitze, um dann das übliche Zeug im Gespräch mit der Moderatorin abzusondern: dass Springer jetzt irgendwie seine Seele verkauft habe und dass Journalismus wohl keine wirkliche Rolle mehr spiele. Bei allem Respekt vor den Kollegen (und allem Verständnis für ihre jetzt ziemlich unangenehme Lage): Wenn „Bild der Frau“ und „Hörzu“ die Seele des Springerverlags gewesen wären, dann stände es vermutlich gar nicht mehr gut um Springer. Und nur mal angenommen, Döpfner hätte nicht verkauft und irgendwann mal eines der Blätter schließen müssen – die Kommentare, dass da jemand alle Zeichen der Zeit verschlafen habe, kann man sich wunderbar ausmalen. Zumal es ja schon interessant ist, wie viele Kritiker und (Medien-)Journalisten reagiert haben: Irgendwas mit Tradition und Seele und Zeitung und nicht mehr so wichtigem Journalismus tauchte immer auf, sogar beim ansonsten unaufgeregt-sarkastischem Kurt Kister in der SZ. Ganz so, als könne man mit Tradition und Seele Journalismus finanzieren. Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich darf und muss sich Medienjournalismus kritisch gerade mit Springer auseinandersetzen. Aber was mir bei den Medienmagazinen und den Röpers dieses Landes einfach nicht gefällt, ist der leicht larmoyante Grundton, diese „Früher war halt doch besser“-Haltung und die Nicht-Auseinandersetzung mit medialen Zukunftsthemen. Vom WDR und von Röper hätte ich viel lieber gewusst, wie wohl ein Springer-Verlag der Zukunft ausssehen mag und welches Muster für die Branche erkennbar sein könnte.

Aber vielleicht ist das ja auch nur einfach symptomatisch für eine Branche, die ihre Vergangenheit seit Jahren zunehmend verklärt.

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Hinweis noch in eigener Sache: Die letzte „Redaktionskonferenz“ mit Daniel Fiene und Herrn Pähler hat sich diesem Thema natürlich auch ausführlich gewidmet. Ohne Horst Röper (dafür mit, hüstel, mir).