Crossmedia ist tot

2015 kommt – und damit das Jahr, in dem die neue digitale Medienwelt endgültig Gestalt annimmt. 5 Thesen, wie man sich dort am besten positioniert.

1.Vergesst Crossmedia!

Irgendwie ist es ja schon lustig, wie das in der Branche läuft mit diesem Internet: Irgendwann ploppen ein paar Schlagworte auf, die dann liebevoll adaptiert und fortan in ungefähr jeder  Diskussion verwendet werden. „Crossmedia“ ist so eines. Es existiert zwar schon einige Jahre, trotzdem scheut sich selbst ein WDR-Intendant nicht, der „Zeit“ im Jahr 2014 ernsthaft zu erzählen, die Zukunft der gesamten Branche sei irgendwie „crossmedial“. Dem kann man natürlich nicht so richtig widersprechen. Besonders treffend ist es dennoch nicht. Weil „Crossmedia“ ja erst einmal nur eines ist: Inhalte auf zwei Kanälen auszuspielen, so dass sie sinnvoll und ergänzend miteinander verknüpft sind. Das heißt aber auch: Das eine setzt das andere voraus. Genau das ist es aber nicht, was sich aus den Entwicklungen insbesondere der letzten beiden Jahre ablesen lässt. Im Gegenteil: Angesichts der Zersplitterung in viele verschiedene Kanäle, die Nutzer inzwischen nun mal einfach frequentieren, ist es weitaus vernünftiger, erst einmal jeden Kanal einzeln zu betrachten. Das mag verwirrend klingen, weil es das pure Gegenteil von dem ist, was über Jahre hinweg postuliert wurde (Offenlegung: teilweise auch von mir). Tatsächlich aber hat das bisherige „crossmediale“ Denken zur Folge, dass zwar unterschiedliche Kanäle bestückt werden, dies aber meistens dann doch nur in der mehr oder weniger deutlich ausgesprochenen Aufforderung landet, man möge doch am Ende bitte wieder zum eigentlichen „Hauptkanal“ zurück kehren. Natürlich kann es sinnvoll sein, beispielsweise eine Geschichte im Blatt mit einem Video auf der Webseite zu verbinden. Wenn sich die Idee aber alleine darin erschöpft, dann wäre es am Ende eben doch nur Zeitung (oder TV/Radio) mit ein bisschen Internet hintendran. Eine zukunftsfähige Strategie ist das aber noch lange nicht.

Und wenn wir schon dabei sind: Spätestens, seit es Wolfgang Blau bei der „Besser Online“-Tagung gesagt hat, ist das gottlob kein Sakrileg mehr: Online und Print/TV/Radio gehören nicht zwingend zusammen. Gemeinsam strategisch denken, das ist das eine. Alle zusammenwerfen, um dann Dinge zu machen, die man nur so mittelgut kann, ist das andere. Es gilt ja schon seit Jahren als common sense, dass Journalisten ungefähr alles können müssen. Das ist Unsinn, weil das niemand kann. Man muss das jeweils andere Medium begreifen, sicher. Man muss aufhören, nur an sich selbst und den eigenen Kanal zu denken, auch das ist klar.  Und wenn sich jemand findet, der für den jeweils anderen auch noch mitproduzieren kann, wunderbar. Ansonsten: Verabschiedet euch endlich von der Wunschvorstellung, dass jeder alles kann und es für jeden Beitrag noch irgendwas anderes gibt, was man anderswo ergänzend publizieren kann. Anders gesagt: Vergesst endlich die Crossmedia-Doktrin der letzten Jahre. Hübsches Schlagwort, das irgendwann aber zu Totschlagwort geworden ist.

2. Fahrt auf Sicht!

In Bamberg und in Heilbronn versuchen sie es jetzt mal mit „WhatsApp“. Wenn gefühlt die ganze Welt über dieses Ding kommuniziert, dann müsste es doch möglich sein, auch als Zeitungshaus dort ein paar Inhalte unterzubringen. Mit der Idee sind sie dort nicht ganz alleine, im Sommer hatten bereits BBC und SF mit solchen Experimenten begonnen – und auch ein renommiertes Blatt wie der „Standard“ in Wien hat inzwischen seinen eigenen Channel für den weltweit beliebtesten Messenger.

Das klingt erst einmal plausibel. Auch bei einem Netzwerk wie „Facebook“, originär sicher kein journalistisches Medium, würde heute kein vernünftiger Mensch mehr abstreiten, dass es für Medien sinnvoll ist, dort irgendwie präsent zu sein. Kein Mensch weiß, ob das funktionieren wird. Wie auch, so ganz ohne Erfahrungswerte. Es gibt gute Gründe, die dafür sprechen, dass man Menschen auf Messengern gut mit journalistischen Inhalten erreichen kann. Dummerweise gibt es aber auch genauso gute Gründe, die dagegen sprechen. Ohne den Versuch also werden wir es nie wissen. Kann sein, dass wir in ein paar Jahren über diese Schnapsidee lachen.

Aber so ist das nun mal in unserer digitalen Medienwelt. Und es ist schon immer so gewesen: Prognosen haben das Problem,  nur Prognosen zu sein. Die Weltgeschichte ist voll von legendären Falschprognosen. Man denke an die fehlenden Perspektiven für das Auto: „Die Zukunft ist das Pferd“, hat der damalige Kaiser gesagt. Oder an den schönen Satz, mehr als 640 KB Speicherplatz werde ein Mensch niemals in seinem Leben benötigen. Das Schöne wiederum ist, dass Bill Gates trotz dieser kapitalen Fehleinschätzung ein sehr reicher Mann geworden ist (also, zumindest für Gates ist das schön).

Speziell in den sich zunehmend mehr selbst beschleunigenden Entwicklungen der digitalen Welt könnte man vermutlich ein ganzes Kompendium von Fehleinschätzungen zusammenstellen und meine eigenen will ich da gar nicht ausnehmen, bevor mich jemand darauf hinweist: Ich hielt Twitter beispielsweise für komplett überflüssig und das iPhone für ein nettes Luxus-Spielzeug. Lernen kann man daraus zumindest,  nichts kategorisch auszuschließen und dabei dennoch ins Kalkül zu ziehen, mit neuen Ideen und Projekten jederzeit grandios scheitern zu können. Und dass es momentan nicht sonderlich sinnvoll ist, auf langfristige Strategien zu setzen.  Aufbauen und ggf. schnell wieder verwerfen – das ist zwar der Albtraum für Manager und Unternehmensberater, trotzdem aber kaum anders machbar.

Was die diversen „WhatsApp“-Projekte angeht, bin ich übrigens unentschieden. Weswegen ich es für eine ziemlich gute Idee halte, was die Kollegen da machen, u.a. in Bamberg und in Heilbronn: ausprobieren. Wer hinterher tönt, er habe es ja gleich gewusst (egal was), muss sich sagen lassen, bestenfalls ein risikoscheuer Wichtsack zu sein.

3.Lernt Euer Publikum kennen!

Den Seufzer kennt jeder, der schon etwas länger im Geschäft ist: Wenn wir doch bloß wüssten, was der Leser/Hörer/Zuschauer will! In den analogen Tagen, in denen man bestenfalls Quoten und Auflagen ein wenig analysieren konnte, war dieser Seufzer gerechtfertigt. Er war aber, nebenbei bemerkt, auch eine sehr kommode Ausrede: Wenn man mal wieder am Leser vorbeischrieb, konnte man darauf verweisen, dass man es eben nicht so genau weiß, was dieses Fabelwesen eigentlich will.

Ein solcher Seufzer zieht heute nicht mehr. Weil uns das Publikum jeden Tag auf sehr vielfältige Weise sagt, was er will. Gut, nicht immer so direkt. Aber es gibt mittlerweile ausreichend viele Möglichkeiten, zu den richtigen Rückschlüssen zu kommen. Man muss den Nutzer ja nicht gleich komplett gläsern machen, aber im Netzzeitalter lassen sich alleine aus dem Nutzerverhalten ganz andere Erkenntnisse als früher gewinnen.

Und man kann noch was ganz anderes machen: seine Nutzer fragen. Mit ihnen interagieren, kommunizieren. Weil soziale Netze und Kommentarfunktionen mehr sein könnten als reine Linkschleudern. Das mag banal klingen, muss man aber trotzdem so deutlich hinschreiben. Ich bin jetzt seit einem knappen Jahrzehnt immer wieder mal als Berater unterwegs – und es ist immer noch eine für mich verblüffende Feststellung: Über das Produkt wird in vielen Häusern präzise nachgedacht. Über die Leute, die es kaufen sollen, eher weniger. Fatal in einem Zeitalter, in dem sich ja nicht nur die Medien radikal wandeln. Sondern auch deren Nutzung.

Bevor das beliebte Totschlagargument kommt, man könne doch unmöglich ein Produkt nach Publikumswünschen machen, weil dabei nur Quatsch rauskommt: „Netflix“ hat das mal gemacht. Zahlen und Daten ausgewertet. Geschaut, was die User wohl gerne sehen könnten. Als man das dann wusste, hat man eine Serie in Auftrag gegeben. Weil die Leute Kevin Spacey mochten und gerne Drama-Serien zum Thema Politik und Gesellschaft sehen, hat man sich für eine Serie mit Kevin Spacey zum Thema „Politik“ entschieden. Herausgekommen ist „House of Cards“.

Nicht das schlechteste Argument dafür, sich mehr mit seinen Usern zu beschäftigen.

4. Macht aus Eurem Publikum eine Community!

Bei den „Krautreportern“ kann man alle Beiträge lesen, ohne dafür zu bezahlen. Trotzdem bezahlen Menschen für dieses Angebot. Weil sie Mitglied einer Community sein wollen. Das ist die vermutlich spannendste Erkenntnis aus dem Crowdfunding-Projekt, das irgendwann mal in der Gründung dieser Seite endete. Abonnenten der „Wired“ sind inzwischen auch nicht mehr einfach Abonnenten, sondern Member. Ein ähnlicher Gedanke wie er sich auch beim „Guardian“ durchgesetzt hat. Was ja auch naheliegend ist: Journalismus und Medien sind schon lange nicht mehr die Grundversorger von Information. Information gibt es in einem nie gekannten Überfluss. Was Journalismus also inzwischen schon heute und künftig noch viel mehr ist: der Welterklärer auf der einen und der Positionsbezieher auf der anderen Seite. Weil jede Community eine ist, in der Menschen ein paar Werte und Haltungen miteinander teilen und sie sich in ihren Haltungen tendenziell lieber bestätigt denn erschüttert sehen.

Wer also die „Wired“ liest, wird vermutlich eher zu der Kategorie der technikbegeisterten  Kulturoptimisten gehören und damit vermutlich das glatte Gegenteil eines FAZ-Lesers sein. Beide haben ihre Berechtigung und beide brauchen ihre journalistische Heimat. Dieses Lebensgefühl der journalistischen Heimat wird sich in den kommenden Jahren noch weiter verstärken – und auch an strategischer Bedeutung gewinnen. Gebt den Menschen eine Heimat und eine Community, statt sie mit Informationen zu überladen – so ließe sich ein publizistischer Auftrag für die Zukunft formulieren.

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Sagt da jemand gerade was von Filter Bubble? Natürlich. Aber es wäre naiv zu glauben, dass wir vorher nicht schon auch in einer solchen Blase gelebt hätten. Die Welt, die der „Spiegel“ seinen Lesern schildert, ist schon seit ungefähr 50 Jahren eine fundamental andere als die, die der FAZ-Leser vermittelt bekommt. Durch das Netz wird womöglich sogar die Notwendigkeit einer bubble größer. Nicht mal mehr der schlaueste Kopf ist noch in der Lage wirklich zu überblicken, was gerade alles in der Welt passiert. Dann lieber eine ordentliche Blase. Aus der kann man ja trotzdem mal nach draußen schauen.

Daraus resultiert aber auch anderes: Medien, deren Prinzip es ist, für alles und jeden ein bisschen was zu bieten, werden es zunehmend schwerer haben. Tageszeitungen beispielsweise, die gute alte „Illustrierte“ oder auch die vermeintlich großen Fernsehsender. Ihre Idee hatte ihre Berechtigung, die aber zunehmend mehr aus der Zeit fällt. Der Gedanke, einen ganzen Abend lang vor dem Fernseher zu sitzen, ist zunehmend absurd, wenn man das, was man wirklich sehen will, ganz woanders und viel einfacher bekommt. Im übertragenen Sinn gilt das ebenso für all die anderen „Wundertüten“, wie Henri Nennen mal seinen „Stern“ nannte“. Wundertüten haben – im metaphorischen Sinne – in der Zeit des Mangels funktioniert. Wer heute einem 10jährigen aus dem Supermarkt eine „Wundertüte“ mitbringen würde (wenn es denn noch welche gäbe), würde wahrscheinlich erstaunte Blicke ernten – und die Frage: Was soll das? Diese Frage muss man sich auch bei einem publizistischen Prinzip stellen, das jede Menge Zeug anbietet in der Hoffnung, dass man das eine oder andere davon interessant finden könnte. Wenn nebenan doch gleich die nächste Community ist, von der man verlässlich weiß, was man dort bekommt. Und wo man zudem auch noch gleich Menschen findet, die ähnliche Interessen und Werte haben.

Nebenbei bemerkt: Das wäre eigentlich alles keine ganz neue Erkenntnis. Lokaljournalismus ist immer schon auch ein Stück Community-Journalismus gewesen. Das gleiche Interesse ist die die gemeinsame Heimat – die außerhalb dieser Heimat in sehr vielen Fällen keinen anderen Menschen interessiert. Und nein, liebe Marketing-Manager: Zielgruppe und Community sind nicht dasselbe.

5. Entbündelte Inhalte, gebündelte Vermarktung

Meine beiden pubertierenden Töchter treiben sich bevorzugt auf Instagram rum. Da bin ich ab und an auch. Unser Verständnis von Instagram ist allerdings ein anderes. Ich sehe es immer noch als hübsche Foto-Plattform, für meine beiden Damen ist es eher ein Kommunikations-Tool.

Dafür können sie Twitter nichts abgewinnen. Ich schon.

Soll heißen: Es ist ein Irrglaube, wenn man meint, man könne im digitalen Zeitalter noch alle (oder wenigstens sehr viele) um das gleiche Lagerfeuer versammeln. Das letzte große TV-Lagerfeuer wird am Samstag gelöscht und nicht mal mehr die Kids lesen heute noch alle brav ihre „Bravo“. Man wird also, um in der Metapher zu bleiben, nicht daran vorbeikommen, viele kleinere Lagerfeuer zu entzünden, an denen sich versammelt, wer sich dort eben versammeln mag. Und das, ohne das Ziel zu haben, dass sie am Ende doch wieder zu dem einen großen Lagerfeuer kommen.

Konkret: Man erlebt noch viel zu häufig, dass beispielsweise Social-Media-Kanäle ausschließlich zu dem Ziel bespielt werden, irgendwann alle wieder zum „Muttermedium“ zu holen. Das kann, muss aber nicht der Effekt sein. Es geht vielmehr darum, eine Marke auf möglichst vielen Kanälen zu etablieren.

Aber man verdient doch mit Twitter oder Facebook kein Geld? Oder mit irgendwelchen kleinen Apps? Das mag in der einzelnen Betrachtung schon richtig sein. Geld verdient wird mit der Marke. Was letztlich zu einem scheinbaren Paradox führt: Man entbündelt seine Inhalte, um die Marke dann wieder gebündelt zu vermarkten.

Eine gute Marke und eine lebende Community – so müsste Journalismus funktionieren, wenn er auch ökonomisch überleben will.