Willkommen im Netz-Totalitarismus

Ist das Netz kaputt und der Journalismus dort gleich auch noch? Soweit muss man vielleicht nicht gehen. Trotzdem gibt es eine ganze Menge Dinge, die momentan in die falsche Richtung laufen.

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Vor ziemlich genau zwei Jahren schrieb Sascha Lobo in der FAZ einen Aufsatz, den ich längere Zeit für einen cleveren Schachzug eines begnadeten Eigenvermarkters gehalten habe: Das Netz sei nicht das, wofür er es gehalten habe und sei mithin ziemlich kaputt. Inzwischen, im Februar 2016, würde ich mir nicht so viel Überblick zutrauen, um gleich das ganze Netz für kaputt zu halten. Wohl aber dämmert mir mehr und mehr, dass ich vieles in der digitalen Medienszene für einigermaßen kaputt halte. Inhaltlich, strukturell und personell.

Warum ich das glaube? Mich stört zunehmend die unbedingte Fortschritts-und Technikgläubigkeit digitaler Sektierer. Mich stört die Absolutheit, mit der alles und jeder in die Ecke gestellt wird, der diesen Glauben nicht teilt. Und es stört mich, wie wir digitale Monster füttern. Wie wir Strukturen aufbauen, vor denen wir eigentlich als halbwegs bei Verstand befindliche Journalisten zurückschrecken müssten.

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Irgendwas zwischen 1,5 und 2 Milliarden Menschen auf dieser Welt vertrauen große Teile ihre Kommunikation dem Reich des Mark Zuckerberg an (über eine Milliarde bei Facebook, rund eine Miliarde bei WhatsApp, dazu noch ein paar nicht unwesentliche Millionen bei Instagram). Es ist also keineswegs übertrieben, wenn man sagt, dass das „soziale“ Netz zu einem beträchtlichen Teil in der Hand eines einzigen Konzerns ist, der sich dann auch dementsprechend benimmt.

Dieser Konzern bietet Medien seit einiger Zeit generös an, man könne sich mit ihm in die Kiste legen. Man könne auf seiner Plattform Geschichten erzählen, man könne dank seiner Reichweiten unzählige Menschen erreichen und dabei auch noch Geld verdienen. Ein Pakt mit dem Teufel ist ein Witz dagegen: Der Gigant wirft ein paar Brosamen hin, stellt aber dafür natürlich eine Rechnung. Gäbe es solche Strukturen in irgendeiner anderen Branche, die Wirtschaftsteile der Zeitungen und Sender würden sich (hoffentlich) die Finger wundschreiben.

So geht das mit diesem ganzen digitalen Kram immer. Evgeny Morozov, mit dem man natürlich keineswegs immer einer Meinung sein muss, hat das unlängst in der „Süddeutschen Zeitung“ mit den Mechanismen einer Sekte verglichen: Kommt aus irgendeiner Ecke wenig opportuner Gegenwind, sind die üblichen Verdächtigen aus dem Silicon Valley (und das keineswegs nur aus der Medienecke) jederzeit in der Lage, ihre Jünger zu mobilisieren, die dann gemeinsam zur wütenden Attacke auf den gesammelten Unverstand ansetzen. Die Silicon-Jünger gibt es auch in Deutschland zuhauf und auch hier kann man sich sicher sein, schnell als seniler Trottel hingestellt zu werden, wenn man nicht beim Wort Hackathon sofort einen Orgasmus hat.

Dabei sind wir, zumindest in Deutschland, schon länger in einer Lage, die für den Journalismus gar nicht gut sein kann. In dem der Abhängigkeit nämlich. Ich war immer ein Gegner des Leistungsschutzrechts, aber gleichzeitig hat diese Debatte auch gezeigt, wie groß die Abhängigkeit von Google inzwischen ist. Wer dort nicht gefunden wird, ist in der digitalen Welt praktisch nicht existent. Deutlich über 90 Prozent aller Suchanfragen in Deutschland kommen über Google – de facto ist da nichts anderes als ein Monopol, selbst wenn Wirtschaftstheoretiker jetzt natürlich darauf verweisen werden, dass es ja auch andere Anbieter gibt, weswegen die Vorraussetzungen für ein Monopol nicht gegeben seien.

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Noch weitere Zahlen gefällig? 87 Prozent aller Social-Media-Nutzer in Deutschland sind regelmäßig auf Facebook unterwegs, was nur noch von YouTube mit 88 Prozent übertroffen wird. Der neue Riesenkonzern Alphabet kontrolliert also nicht nur über 90 Prozent der Suchanfragen in Deutschland, sondern auch nahezu den kompletten Markt der Webvideos. Auf über der Hälfte der deutschen Smartphones läuft das Google-Betriebssystem Android. Unsere journalistische Aufregung darüber hält sich in engen Grenzen; stattdessen verbreiten wir (ich mache da leider auch nur eine bedingte Ausnahme) die reine Lehre von der unbedingten Präsenzpflicht auf allem, was aus irgendwelchen Start-Up-Kellern im Valley kommt.

Demnach müssen wir jetzt alle auf Snapchat sein, ohne uns vorher überhaupt einen Gedanken zu machen, welchen Sinn das inhaltlich machen soll. Und ob wir auf einer Plattform, deren Kernzielgruppe irgendwas zwischen 14 und 20 ist, überhaupt jemanden erreichen, der ernsthaft zu unserer potenziellen Zielgruppe gehört (wenn wir nicht gerade bei Bento arbeiten). Wir erklären also eine Poser-Plattform zur Zukunft der digitalen Kommunikation, weil es uns irgendjemand vorkaut. Wenn das so wäre, dann ist es mit unserem eigenen Kopf, den wir uns in dieser Netz-Blase so gerne attestieren, nicht wirklich weit her.

Um ehrlich zu sein: Ich fürchte sogar, dass wir in dieser Beziehung kein bisschen anders sind als diejenigen aus den „alten“ Medien, die wir gerne etwas belächeln. Es gibt ein paar (vor)laute Wortführer und eine eher lahme Herde, die dem hintertrottet, der möglichst laut und spektakulär agiert. Dass ihm Netz für eher graue Zwischentöne nicht so viel Platz ist, wissen wir ja selbst nur zu gut.

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Auf der anderen Seite ist es ja leider so, dass man, wenn es um Thema Digitalisierung geht, schnell in eine Ecke gestellt wird, aus der man dann bestenfalls in die andere Ecke wechseln könnte. Mehr geht nicht. Der Verweis darauf, dass man sich in der einen Ecke ja ganz wohl fühle, es aber dennoch das eine oder andere gibt, was in der Ecke nicht ganz so dolle ist, führt zur sofortigen Strafversetzung in die andere Ecke. Soll heißen: Man ist irgendwie Internet-Guru und wird sofort zum Internet-Skeptiker umgewidmet.

Dabei gibt es zu vieles, was man nicht akzeptieren kann, wenn einem das Netz am Herzen liegt. Das Netz allgemein und natürlich der Journalismus dort.