Tageszeitungen bleiben lieber bei ihren Leisten

Tageszeitungen aus den USA machen gerade eine befremdliche Erfahrung: Da investieren sie fleißig ins Netz – und die Investitionen sind ein ziemlicher Flop. Eine Erfahrung, die vermutlich auch einige Kollegen in Deutschland kennen. Das Problem ist aber nicht das Netz. Man kann nämlich auch schlicht falsch investieren und entwickeln…“Read

Das Mittelmaß ist am Ende

Nach zwei Monaten als Abonnent einer Allerweltszeitung gebe ich wieder auf. Mit der Erkenntnis, dass weder dieses Internet noch die Umsonst-Kultur der größte Feind dieser Blätter sind.  Viel gefährlicher: gelebtes Mittelmaß und eine erstaunliche Wurstigkeit in einer Branche, in der man so etwas Altmodisches wie Leidenschaft immer noch gut gebrauchen könnte. “Read

Machen wir unseren Job…

Die Wahl im Saarland war noch nicht richtig ausgewertet, da durfte man sich mal wieder die Frage stellen: Wie weit kann man Journalisten und anderen Meinungsmachern noch trauen?

Keine Sorge, ich bin nicht unter die Populisten gegangen und brülle jetzt auch irgendwas von „Lügenpresse“. Aber ein paar Gedanken über den ritualisierten Journalismus darf man sich ja schon mal machen, vor allem dann, wenn einem der eigene Berufsstand doch noch ein wenig am Herzen liegt. Und der hat keinen guten Eindruck hinterlassen in den letzten Tagen, was dummerweise den Lügenpresseschreihälsen ein bisschen Wasser auf die Populistenmühlen geben könnte.

“Read

Noch 5 Jahre bis zum Touchdown…

Nur zwei Zeitungen sollen in den USA überleben. Und in Deutschland? Der Countdown für Verlage und Sender läuft auch hier…

“Read

Fünf Thesen zum Journalismus 2020

Visuelle Inhalte, Digital-Native-Style, Communities und User-Finanzierung: Fünf Thesen zu den wichtigsten Entwicklungen des Journalismus 2020.
“Read

Journalismus im Radikalwandel

Warum sich Journalismus 2017 so drastisch wie nie wandeln wird, welche Trends 2017 kommen und welche eher nicht – ein Blick in die Glaskugel…

Nachrichten für alle? Das war einmal.

Nüchtern betrachtet konnte das ja nicht immer gut gehen: Immer noch mehr Informationen, mehr Texte, Videos, Bilder. Tausende Postings und Kommentare in sozialen Netzwerken. Und nicht mal mehr das Handy ist eine medienfreie Zone, im Gegenteil. Wer heute zu dem greift, was wir früher lustigerweise Telefon genannt hatten, muss sich erst mal durch eine Unzahl von Pushmeldungen, Apps und anderem Kram wühlen, ehe er zum Telefonieren kommt. Aber wieso überhaupt noch telefonieren, wenn man mit Messengern mal kurz das loswerden kann, wofür man früher erst umständlich ein Gespräch hätte beginnen müssen? Dumm nur, dass in einem solchen Messenger mittlerweile auch schon massenweise Medien-Content liegt.

Kurz gesagt: Dass Nutzer personalisieren müssen, ist eine logische Konsequenz aus dem ganzen medialen Überfluss, von dem wir umgeben sind. Selbst der Interessierteste ist nicht mehr in der Lage, überall dort zu lesen und zu schauen, wo er eigentlich müsste, um als halbwegs informiert zu gelten. Davon abgesehen: Die Suche nach dem, was wirklich interessant und relevant ist, kann ganz schön viel Zeit in Kauf nehmen. Und Nerven noch dazu.

2017 wird also das Jahr werden, in dem Medien sich endgültig verabschieden werden (müssen) von der Idee, man könne es mit einem Angebot allen recht machen. Und von der Idee, der User suche sich dann schon das Passende aus dem Haufen Informationen heraus, dem man ihm hinwirft. Stattdessen: Entbündelung, Personalisierung, das ganze Programm.

Projekte wie „XMinutes“ sind ein Vorläufer dessen, was uns erwartet: Die Idee nämlich, Medien und Informationen so zu präsentieren, dass wir nicht mehr endlos suchen und scrollen müssen.

Wenn man so will, dann sind auch die inzwischen einigermaßen angesagten Chatbots ein Schritt zur Personalisierung.  Denn bei ihnen geht es nicht nur primär um die andere Ansprache, sondern eben auch darum, dem User nicht einfach Nachrichten hinzuwerfen, sondern ihm die Möglichkeit zu geben, andere Aspekte zu erfahren. Für jeden ist damit eine Nachricht anders – eben personalisiert.

Alles ist Video

Was waren das für selige Zeiten, in denen man als Journalist auch mal noch ein Video zu irgendwas produzieren konnte. Das war dann aber schon der Gipfel der Multimedialität: Wow, wir haben auch ein Video zu der Geschichte!

Heute: Video ist alles. Alles ist Video. Video ist nicht nur eine Erzählform, sondern der wichtigste Bestandteil eines virtuellen Echtzeit-Parallel-Universums. Egal, ob mit den inzwischen fest etablierten Livestream-Angeboten von sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter oder mit irgendwas anderem: Künftig werden wir es mit einer ganzen Reihe von Anwendungen zu tun haben, die jederzeit on air gehen können, um die Wirklichkeit live zu streamen oder in kurzen Fetzen aufzunehmen. Die Snapchat-Brille ist ein erster Schritt in diese Richtung. Einer, der im Gegensatz zur Google-Brille aus zwei Gründen nicht scheitern wird. Grund eins: Die Google-Brille ist als potentielles Monster wahrgenommen worden. Eines, dass eine Welt- und Bewusstseinsveränderung bewirkt und zudem jederzeit und ohne Vorwarnung aufnehmen und senden kann.

Die Snap-Brille positioniert sich clevererweise anders. Als ein ebenso cooles wie witzig-harmloses Gadget, das eigentlich nur spielen will. Eine GoPro in klein und als Brille. Da kommt niemand auf die Idee, es handle sich dabei um ein Privatsphäre-Datenmonster.  Schon gleich gar nicht in der Snapchat-Zielgruppe. Und auch nicht beim clever aufgebauten Image der Snapchatter, nachdem es sich dabei ja nur um ein lustiges Tool für alberne 16jährige handle. Bei Google hatte man immer im Hinterkopf, dass der Konzern ja mindestens die Weltherrschaft anstrebt und es außerdem mit Daten und Privatsphäre eh nicht sehr genau nimmt.

Wie dem auch sei: Video wird das Fenster in die Welt und geht weit über das hinaus, was das Fernsehen bewirken konnte. Digitales Video ist keine „gebaute“ Kunstwelt. Keine Beiträge, in denen Menschen in merkwürdigen Verrenkungen für „Schnittbilder“ posieren müssen und in denen erst mal Kulissen aufgebaut werden müssen.

Video: haben wir alle bei uns, nutzen wir inzwischen sogar bevorzugt zum Telefonieren und ist auch für Journalisten ein Instrument, auf das sie keinesfalls verzichten sollten.

360 Grad/VR

Bei ungefähr jedem Ding, das mal groß werden könnte, tauchen ein paar grundsätzliche Fragen auf. Ist das jetzt ein Hype oder doch von Dauer? Spielzeug – oder braucht mal das wirklich? Das ist beim Thema 360 Grad auch nicht sehr viel anders und erinnert an die Debatte um das inzwischen wieder ganz schön zurückgefahrene Thema 3D. Im Kino ist man nach ein paar Filmen als Besucher schnell wieder an der Erkenntnis angelangt, dass ein Film in 360 Grad nicht besser oder schlechter, sondern bestenfalls effektreicher wird.

 

360grad_christo Trends 2017

Da ist es natürlich legitim, diese Frage auch beim Thema 360 Grad zu stellen. Der Unterschied könnte allerdings der sein: Ein Film in 3D sieht halt einfach anders aus, ist aber immer noch derselbe Film. 360 Grad bietet dagegen eine ganze Reihe journalistischer Optionen. Die wichtigste dabei: Man kann endlich den User buchstäblich an den Ort des Geschehens mitnehmen. Er kann sich selbst ein Bild machen. Und das ist dann in der Tat ein Mehrwert. Wie man eine Geschichte in 360 Grad am besten erzählt, wie man Bild, Text und andere Elemente miteinander vermischt, das wird noch eine ganze Reihe von Experimenten nach sich ziehen. Trotzdem: Auch wenn man natürlich auch in Zukunft nicht jede Geschichte als 360Grad-Story erzählen wird – spätestens im kommenden Jahr wird die Technologie zu einem (digital-)journalistischen Standard werden.

Das Ende der Homepage

Vor kurzem habe ich mal einen Vortrag gehalten über dieses Internet und wie es sich entwickelt. Vor Menschen, die sich zwar dafür interessieren, aber nicht gerade zur digitalen Avantgarde gehören. Irgendwann sagte jemand dann mal was zum Thema „Homepage“. In dem Moment habe ich mich ertappt, wie ich innerlich ein leicht nostalgisches Grinsen aufgesetzt habe. Ach ja, die gute alte Homepage, Tage, an denen man irgendwo noch „www“ eingeben musste.

Tempi passati, es lebe der Intermediär. Also jener Zwitter, der zwar eine wie auch immer geartete Plattform zur Verfügung stellt, in dem sich Menschen und Anbieter treffen. Facebook, Snapchat, WhatsApp, der ganze Kram. Oder auch: der kleine Roboter. Nicht mehr lange – und in vielen Häusern stehen so lustige Dinger wie Amazons Alexa rum, die (wenn sie denn erstmal ein bisschen schlauer sind) die Homepage endgültig zu einem Relikt der Anfangstage des Netzes machen.dsc_6771-m4v-00_00_12_08-standbild001

Was letztendlich mit einem Phänomen zu tun hat, das immer stärker wird. Die Flut an Medien ist nicht mehr beherrschbar. Würde man den Gedanken des Systems Homepage im Jahr 2017 konsequent zu Ende denken, er würde bedeuten, dass man aus dem www-Tippen nicht mehr herauskäme. Klar, ich mache das ab und an selbst noch gar gerne, mich mal an einem bevorzugt Sonntag-Nachmittag ein bisschen durchs Netz treiben zu lassen, verschiedene Seiten anzusteuern und einfach mal zu lesen, was die so machen. Meistens ist das aber spätestens am Montag wieder vorbei. Weil mir die Zeit fehlt. Und weil es ausreichend viele Angebote gibt, die mir alles bringen, was ich brauche, ganz ohne langes Surfen.

Ruft da jemand Filter Bubble?  Weiß ich schon. Bringe ich dann ab und zu zum Platzen. Bevorzugt Sonntagnachmittags. Nur weil ich halbwegs intelligente Formeln meinen Info-Bedarf ermitteln lasse, heißt das ja noch lange nicht, dass ich dieser Formel alles glaube. Sonst müsste ich mich ja immer noch über einen Präsidenten Trump wundern.

Geschlossene Systeme, Dienstleister, Assistenten

Das alles schreit also zunehmend nach Personalisierung, die demnächst nicht mal mehr im Ansatz das sein wird, was wir momentan fälschlicherweise noch so nennen. Bisher ist das ja meistens so: Man kann anhand von ein paar Rubriken und Tags festlegen, was man bevorzugt wissen möchte. Was grundsätzlich ja nicht verehrt ist. Nur leider meistens nur so lala funktioniert. Zumindest dann, wenn Menschen dahinter stecken. Algorithmen hingegen sind, auch wenn´s weh tut, in dieser Hinsicht meistens schon schlauer als wir Menschen.

img_1899

Mittlerweile sogar schon so schlau, dass Konzerne wie Google ihre Smartphone inzwischen umbauen zu echten persönlichen Assistenten. Allerdings auch zu geschlossenen Systemen, in dem sich Nutzer noch mehr als bisher aufhalten sollen.  Wer die Entscheidung für ein Smartphone trifft, entscheidet sich auch dafür, sein halbes Leben  in die Hände eines Großkonzerns zu geben.

Engagement

Und was machen wir jetzt mit all diesen Erkenntnissen? In einem Jahr, in dem sich der Wandel noch rasanter fortsetzen wird und in dem Donald Trump Präsident werden wird? In dem Google, Facebook, Snapchat und all die anderen uns zeigen werden, was Homeless Media wirklich bedeutet? Und in dem man uns weiter als Lügner und Manipulatoren und weiß Gott noch alles bezeichnen wird?

Reden!

Das Zauberwort Engagement ist eines, dass im Journalismus auch 2016 allen Sonntagsreden zum Trotz noch nicht erst genommen wurde. Zumindest, wenn man unter Engagement mehr versteht, als gelegentlich auch mal auf einen Nutzerkommentar zu antworten.

Engagement ist mehr: Rein in die Netzwerke! Auf in den journalistischen Häuserkampf! Nicht einfach warten, bis jemand sich mal zu uns bequemt. Nicht gleich kopfschüttelnd „Populismus“ schreiben und nicht gleich jeden als Dummkopf bezeichnen, der ernsthaft (mit Betonung: ernsthaft) besorgt ist. Den Satz „Du könntest recht haben“ hart man, zur Seite gedacht, im Netz ohnehin viel zu selten.

Engagement heißt: Raus aus der journalistischen Komfortzone. 2017: mehr als je zuvor.

2016: Was war – und was nicht

Einmal im Jahr werfen wir auf dieser kleinen Seite einen Blick auf die Trends des kommenden Jahres. Und am Ende dieses Jahres steht die Frage: Was kam so – und was war völlig verkehrt? Ein Rückblick.

Der Journalismus lebt noch, so viel lässt sich wenigstens mit Sicherheit sagen. Es gibt immer noch Zeitungen, Radio und Fernsehen. Aber es gibt unverkennbar auch: mehr Digitales. Vor allem solche digitalen Dinge, die journalistisches Eigenleben führen und nicht nur einfach alten analogen Kram in neue digitale Schläuche packt.

Aber schauen wir mal, welche Trends für 2016 hier vorausgesagt wurden – und was aus ihnen geworden ist…

Prognose 1: VR kommt, aber erst später!

Der Originaltext von damals: 

„Virtual Reality! Ja, schon klar, kommt. Irgendwann. Aber nicht jetzt. Nicht solange man sich irgendwelche sperrigen Dinge überstülpen und auch ansonsten unangemessen viel Aufwand betreiben muss. Solange ist das was für Nerds (siehe auch: Brille! Watch!), aber nichts für den Massenmarkt. Wir reden dann später nochmal.“

Nein, es war noch nicht das Jahr der Virtual Reality, auch wenn es ein paar echte und auch selbsternannte Netzkenner gab, die genau das prophezeit hatten. VR hätte bereits in diesem Jahr zum Massenphänomen werden sollen. Wurde es aber nicht, aus einer Reihe von guten Gründen. Einer davon war beispielsweise, dass es einem Massenmarkt nie sonderlich zuträglich ist, wenn man sich erst einmal ziemlich teures und sperriges Zubehör zulegen muss. Für eine Sache, die eine nette und immer ausgefeiltere Spielerei ist. Aber eben: eine Spielerei, die man zum Überleben sicher nicht braucht. Das alte Spiel halt: Nerds glauben, der Rest der Welt bestehe auch aus Nerds, nur aus solchen, die es erst etwas später merken. Reden wir doch in ein, zwei Jahre nochmal, vor allem dann, wenn die Hardware günstiges geworden ist. Und wenn es Anwendungen gibt, die wirklich Spaß machen. Solange man nur zeigt, was man alles damit machen könnte, ist das kaum ein Kaufanreiz.

Prognose 2: Die (Medien-)Welt wird ein Messenger!

Der Originaltext von damals: 

„Die (Medien-)Welt wird ein Messenger. Senden und empfangen. Schon immer das Prinzip aller Kommunikation. Jetzt zusammengepackt in winzig kleinen Apps. Das ist das nächste große Ding. So einfach, so gut.“

WhatsApp ist der Standard aller (mobilen) Kommunikation geworden, Facebook will seinen Messenger ebenfalls weiter massiv in den Markt drücken. Chatbots sehen aus wie Messenger, Snapchat ist, genau betrachtet, auch nichts anderes als ein sehr, sehr bunter und greller Messenger.  Klein, wendig, schnell und einfach zu bedienen (ok, Snapchat vielleicht nicht so). Aber das Prinzip wird immer klarer: Die One-to-One-Kommunikation wird mindestens genauso wichtig wie die großen Netzwerke, in denen jeder alles lesen kann. Und nichts deutet darauf hin, dass irgendetwas diese Trends stoppen könnte.

Prognose 3: Bezahlen für Inhalt? Nichts ist selbstverständlicher.

Der Originaltext von damals: 

„Die Ausrede, man könne Journalismus im Netz nicht gewinnbringend verkaufen, die zählt für 2016 nicht mehr.“

Zugegeben, über den richtigen Weg wird immer noch gestritten. Daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Zumal es den einen, funktionierenden Königsweg nicht geben wird. Beim „Spiegel“ etwa debattieren sie angeblich gerade mal wieder darüber, ob das mit dem Einzelverkauf mit Laterpay wirklich so eine grandiose Idee war. Jochen Wegner, Chefredakteur von „Zeit Online“ will es ihnen ja gleich gesagt haben.

Aber davon abgesehen: Niemand würde heute mehr ernsthaft behaupten wollen, dass man Journalismus im Netz nicht verkaufen kann. Lediglich das wie und das wieviel sind umstritten. Und ob das wirklich für alle reicht, die sich heute am Markt tummeln, kann man natürlich auch bezweifeln.

Prognose 4:  Alte Medien sterben nicht, wandern aber in die Nische

Der Originaltext von damals:

„Natürlich wird die Nutzung von Zeitungen, Radio und Fernsehen in der bisherigen Form zurückgehen. Insbesondere der (regionalen) Tageszeitung bisherigen Prägung kann man sogar ein vergleichsweise schnelles Verschwinden in der Nische prophezeien.“

Im WDR läuft seit dieser Woche eine ziemlich empfehlenswerte TV-Serie namens „Phoenixsee“ (die ist wirklich gut!). Aber was heißt schon TV-Serie? Natürlich kann man sich jeden Montag um 20.15 Uhr vor den Fernseher setzen und die aktuelle Folge anschauen. Aber im Zeitalter des Binge-Watching setzt sich der Digitalmensch natürlich vor die Mediathek von ARD/WDR und streamst sich eine Folge nach der anderen auf den TV-Bildschirm. Da gerät die Mediathek also zum Beleg dafür, dass unsere gute, alte Fernsehwelt auch immer netflixiger wird. Wer schaut schon noch Fernsehen?

Unterdessen hat die „Passauer Neue Presse“ den „Donaukurier“ aufgekauft, während in Berlin gerade die „Berliner Zeitung“ zu einem Zombie umgebaut wird. Überhaupt hat sich auch in diesem Jahr die Trends fortgesetzt, dass die gute alte Tageszeitung weiter an Boden verliert, zumindest in der gedruckten Form.

Und selbst im Radio ist der Umbruch unverkennbar: Schulz und Böhmermann muss man nicht zwingend mögen. Aber dass ihr Podcast jetzt nicht mehr bei den Öffentlich-Rechtlichen, sondern bei Spotify läuft – noch Fragen?

Prognose 5: Qualität siegt!

Der Originaltext von damals:

„Blinkportale“ wie „Focus Online“ oder „Buzzfeed“ mögen mehr (Focus) oder weniger (Buzzfeed) erfolgreich sein, sie nerven trotzdem.“

Hm. Würde ich so heute nicht mehr schreiben. Nicht weil ich nicht glauben würde, dass Focus Online nervt. Sondern weil die immer noch sehr erfolgreich sind. Da war wohl (leider) mehr der Wunsch der Vaters des Gedankens. Natürlich gibt es auch im digitalen Zeitalter reichlich Platz für das, was wir Qualität nennen. Für reichlich journalistischen Sperrmüll wohl aber auch.

Muss wohl so sein. Und außerdem hätten ja dann die ganzen Niggemeiers dieser Welt nix mehr zu tun, wenn es anders wäre.

(Die Trends für 2017 kommen in den nächsten Tagen mal…)

Traumwandelnd in Digitalistan…

Ein Live-Echtzeit-Bewegtbild-Virtuelles-Netz: Wir erleben gerade, wie sich digitaler Journalismus und das Netz neu erfinden. Und diesmal ziemlich sicher alle zurücklassen werden, die einfach nur weiter Löcher stopfen wollen. Crossmedia? Tot. Willkommen in Digitalistan.

cwki56kxgaaczsx DigitalistanZwei Dinge, die mir in den letzten Tagen über den Weg gelaufen sind. Das eine: ein Interview mit Joachim Braun, Chefredakteur der „Frankfurter Neuen Presse“ im neuen „Journalist“. Daran ist nicht nur bemerkenswert, dass das DJV-Verbandsorgan noch lebt. Sondern auch die erstaunliche Karriere von Joachim, der innerhalb weniger Jahre vom Lokalchef in Oberbayern mindestens zum Messias all derer geworden ist, die wissen, dass es mit den Zeitungen so nicht weitergehen kann, die Blätter trotzdem nicht über den Haufen werfen wollen. „Wie wollen Sie die Lokalzeitung retten?“, fragt der Journalist den guten Joachim, den ich im Übrigen, nur mal als Klarstellung, wegen seiner angeborenen Bissigkeit ziemlich schätze.

Außerdem gehört er zur Generation 50plus, in der man ungefähr alles sagen darf, weil´s eh schon wurscht ist. Joachim Braun jedenfalls, um wieder zum Thema zu kommen, glaubt nicht daran, dass die meisten Verlage wirklich gut auf diese Sache mit Digitalistan vorbereitet sind.

Das ist ebenso richtig wie wenig überraschend. Und natürlich praktisch, für mich zumindest. Weil damit Joachim Braun das sagt, wofür man mich wieder als Verlags-Basher bezeichnen würde.

Man muss sich also ziemlich schnell ziemlich viel einfallen lassen, wenn man die Kurve ins gelobte Digital-Land noch bekommen will. Wie das im Einzelnen aussehen soll, verrät Kollege Braun im ausführlichen Interview mit dem „Journalist“; auf das hiermit verwiesen sein soll, wenn es denn jemals bei den Abonnenten des DJV ankommen wird.

Die zweite Sache: ein junger Mann, deutlich jünger als Joachim Braun und auch phänotypisch nicht ganz vergleichbar. Rotes FC-Bayern-Jäckchen, optische Erscheinung so wie man sich die eines Social-Media-Managers beim FC Bayern München vorstellt.  Mit Verlagen hat er nichts am Hut, mit klassischem Journalismus auch nicht. Warum auch? Als Leiter der Social-Media-Abteilung beim FC Bayern erreicht er täglich 60 Millionen Fans auf der ganzen Welt. Wenn der FC Bayern oder einer seiner Spieler also irgendwas loswerden will, den Umweg über eine Pressekonferenz oder andere Dinge muss er immer seltener gehen.

Natürlich wird auch das Weltunternehmen FC Bayern nicht völlig auf Journalismus verzichten können und nicht jeder Fußball-Fan ist hinreichend beglückt, wenn er paar bunte Snaps und Tweets serviert bekommt. Aber 60 Millionen sind 60 Millionen. Wenn man sich dann noch vorstellt, wer inzwischen alles über soziale Netzwerke kommuniziert und wie mächtig Facebook und Freunde inzwischen geworden sind, der hat auch eine Ahnung, dass eine solche Entwicklung zu Lasten des konventionellen Journalismus geht.

60 Millionen Fans weltweit, künftiger Fokus auf mehr Bewegtbild und mehr Live-Events: Social-Media-Strategie beim FC Bayern. (Foto: Jakubetz)

 

Dabei wollen sie beim FC Bayern in den kommenden Monaten schon wieder ein paar ganz andere Schritte gehen. Mehr Video, mehr Live-Events. Kurz gesagt: Geschichten erzählen in Beinahe-Echtzeit mit vielen bewegten und vermutlich manchmal auch bewegenden Bildern. Das ist nur konsequent, weil soziale Netzwerke, so wie wir sie gerade kennen, ihrem Ende entgegen gehen. Statusmeldungen, Textpostings, Links auf irgendwelche Geschichten? Willkommen im Jahr 2012. Die Zukunft wird eher eine Art Social-Live-TV, angereichert mit virtuellen Realitäten und 360-Grad-Anwendungen. Eine virtuelle Echtzeit-Parallel-Welt, gegen die unsere frühere Idee von einer Art schwarzem Brett, an das jeder irgendwas dranpinnen kann, rührend antiquiert wirkt.

Die Löcher sind noch nicht gestopft, da kommt in Digitalistan schon das nächste große Ding…

Was uns dazu führt, ob die Zeitungen und all die anderen konventionellen Medien ihre perspektivische Frage um „Sein oder Nichtsein“ beantworten können. Dass sie nicht richtig auf den digitalen Wandel eingestellt seien, sagt auch Joachim Braun (zurecht). Was allerdings auffällt: Die vergangenen Jahre Hütte man nutzen müssen, um diese Lücke zu schließen. Wenn ich mir aber gerade so anschaue, was an neuen Entwicklungen kommt, dann wird mir, ebenfalls perspektivisch, für einen großen Teil konventioneller Medien ziemlich bange. Und damit meine ich keineswegs nur Zeitungsverlage…

Was ich in der Praxis als Status quo immer wieder mitbekomme, ist das hier: Man akzeptiert inzwischen, dass dieses Internet nicht mehr weggeht. Man weiß auch, dass man mit einer Webseite alleine noch lange nicht in der digitalen Gegenwart angekommen ist. Man ahnt, dass man Social Media betreiben muss und Videos machen und multimedial Geschichten erzählen sollte. Dort aber hört es vielerorts schon wieder auf. Multimediales Storytelling? Schön und gut, aber wie genau soll das funktionieren? Videos? Sollte man haben, geht aber ohne ein bisschen Know-how und Equipment nicht.

Und überhaupt, bräuchte man für all diese hübschen Dinge nicht mehr und, sorry Kollegen, auch mal anderes Personal?  Es ist vermutlich zu viel verlangt von Menschen, die seit 25 Jahren Zeitung, Radio oder Fernsehen machen, plötzlich zum multimedialen Storyteller zu werden, selbst wenn das theoretisch noch so wichtig wäre. Dieser Status Quo in vielen Häusern ähnelt also oft immer noch eher einer provisorischen Mängelverwaltung als einer wirklichen Idee.

Während also die Lücken noch gar nicht geschlossen sind, kommt  die nächste Welle. Mit VR, mit 360-Grad-Produktionen, mit einem Allzeit-Live-Bewegtbild-Netz, das eher einer Neuerfindung des Fernsehens gleicht als dem guten, alten StudiVZ. Und dann schaue ich mich bei einer ganzen Menge Häuser um – und denke mir: Wie zur Hölle wollt ihr das eigentlich noch gestemmt bekommen?

Das ist nur was für Nerds? Die Argumentation gibt es schon seit 15 Jahren.

Schon klar, man kann darauf verweisen, dass VR und 360 Grad und all der ganze andere Kram noch ganz am Anfang stehen. Eine Sache für Nerds sozusagen. Und dass der durchschnittliche Leser/Hörer/Zuschauer irgendwo in der deutschen Provinz nicht darauf wartet, endlich seine Nachrichten durch eine VR-Brille sehen zu können. Dumm nur, dass man genau diese Art von Argumentation in den letzten 15 Jahren immer und immer wieder gehört hat. Und dass genau wegen dieser konsequent durchgehaltenen Wagenburg die Lage heute so ist, wie sie beispielsweise Joachim Braun (und neben ihm natürlich auch noch ein paar andere helle Köpfe) beschreibt.

Diesmal aber wird einiges anders sein. Weil wir gerade erleben, wie das Netz endgültig zum Netz wird. Keine Adaption mehr von Zeitung oder Fernsehen oder Radio. Sondern ein sehr eigenes, spezielles Medium. Das man verstehen und bespielen kann oder eben auch nicht. Zeit also, nicht nur Lücken zu schließen. Sondern sich an einen neuen, digitalen Journalismus zu machen – time will wait for no one…

Medienwandel 2017 – ein Ausblick

Wenn man irgendwas aus den letzten Monaten mitnehmen kann, dann das: Diese Sache mit dem Medienwandel geht gerade viel schneller als erwartet. Es tritt ein, was wir eigentlich schon lange ahnen: Disruption auf allen Ebenen.

Aber das muss nichts Schlimmes sein. Im Gegenteil: So spannend waren die Zeiten schon lange nicht mehr.  Und so viele interessante neue Dinge hat es auch schon länger nicht mehr gegeben.  Ein paar Dinge, die mir aufgefallen sind (ohne Anspruch auf Vollständigkeit natürlich)…

Im Gespräch mit dem netten Bot von nebenan

Zugegeben, ich bin mir immer noch nicht sicher, was ich von Chat-Bots für Journalismus halten soll. An manchen Tagen denke ich mir, dass das ein ganz lustiges Gimmick ist. An anderen Tagen halte ich das für ziemlichen Schmarrn. Weil ich einfach nur wissen will, was gerade Sache ist und mich nicht in einen Schein-Dialog mit einer Software einlassen will. Und dann wiederum denke ich mir manchmal: ja klar, schlaue Sache das. Man kann sich, wie der Resi-Gründer Martin Hoffmann immer wieder betont, möglicherweise Dinge aus einem (vermeintlichen) Gespräch leichter merken als aus einem ewig langen Textstück.

Auf der anderen Seite taucht ja dann doch in regelmäßigen Abständen etwas auf, was uns als die Zukunft der Nachrichten angepriesen wird. Demnach ist es übrigens ein Wunder, dass überhaupt noch ein einziger Menschen auf der Welt die gute, alte „Tagesschau“ schaut. Ich erinnere mich neben einigen anderen an die eine Zeit lang ziemlich gehypte Auffassung, Nachrichten ließen sich gut durch Newsgames transportieren.

Das stimmt vielleicht sogar. So, wie manches auch für die Chatbots spricht. Trotzdem sind Menschen, wenn es um Nachrichten geht, erstaunlich konservativ. Sogar diejenigen, die ansonsten nie von sich behaupten würden, konservativ zu sein.  Aber in der „Tagesschau“ verlesen immer noch Sprecher Nachrichten, im Radio gibt es sie selbst im Dudelfunk alle Stunde einmal ziemlich genau 5 Minuten lang. Alle Versuche, selbst von Dudelfunkern, aus Nachrichten eine mehr oder minder lockere Veranstaltung zu machen, sind gescheitert. Und dass die erfolgreichsten Nachrichten des Privatfernsehens (nämlich die von RTL) so erfolgreich sind, liegt auch daran, dass sie am ehesten Tagesschau-ähnlich sind.

Auf der anderen Seite: Das Netz ändert bekanntermaßen alles. Und dass man irgendwann mal Nachrichten über einen Messenger konsumiert, hätte man sich vor allzu langer Zeit auch noch nicht träumen lassen.

Gut möglich also, dass ich über diese Überlegungen in einem oder zwei Jahren herzlich lachen werde. Weil mich die Realität und dieser Medienwandel mal wieder gnadenlos überholt haben.

Medienwandel 2017: Altes geht, Neues kommt

Sicher hingegen ist: Die bisherigen Nachrichten- und Medienorganisationen bekommen Mitbewerber. Reichlich viele und reichlich gute. Es ist gerade mal knapp zehn Jahre her, da glaubten etablierte Verlagsvorstände ernsthaft, Google und viele andere seien in zehn Jahren (also 2017) tot. Und dann komme die Rückkehr zur etablierten journalistischen Ordnung. Was für ein Trugschluss…

Dabei ist es unsinnig, immer gleich die Google-Facebook-Keule zu schwingen. Das Netz hat etliche Formen von Publizistik möglich gemacht, die früher undenkbar waren. Das Recherchebüro Correctiv ist eine davon, Angebote wie „Übermedien“ oder sogar die „Krautreporter“ gehören ebenfalls dazu. Das alles wäre ohne die Digitalisierung nicht machbar gewesen. Weil (der alte Marx lässt grüßen) die Produktionsmittel in der analogen Zeit viel zu teuer gewesen wären. Eine Druckerei, einen Sender baut man nicht mal nebenbei. Man bekommt ihn nicht mal durch eine wohlwollende Crowd finanziert.

Mittlerweile sind die Investitionen für die Technik das allergeringste Problem. Somit ist auch das Medienwandel: Das gibt Journalisten die Chance, Angebote in Eigenregie großzuziehen. Das Lamento also, die publizistische Vielfalt werde durch die Digitalisierung eingeschränkt, ist unbegründet. Zumindest dann, wenn man mit „publizistischer Vielfalt“ nicht nur die diversen Lokalausgaben deutscher Regionalzeitungen meint.

Das ist für den Journalismus eine Chance und für Journalisten natürlich auch. Und in jedem Fall eine gute Sache, wenn man Geld für Inhalte ausgeben muss und nicht für irgendwelche tonnenschweren Maschinen.

Guten Journalismus gibt es mehr denn je

Es wäre ja generell eine gute Idee, auch die vielen wunderbaren Dinge zu sehen, die es im Journalismus jeden Tag gibt. Natürlich kann man die Finanzierungskrise des Journalismus nicht mal eben weglächeln. Und die Krise insbesondere der Tageszeitungen produziert auch regelmäßig eher unschöne Schlagzeilen, zuletzt mal wieder in Berlin.

Aber Moment, gab es nicht diesen einen Begriff, der eine Zeitlang zuverlässig bei jedem Panel in die Runde geworfen wurde? Stimmt, da war mal was!

Medienwandel

(Die Folie hat mein wunderbarer Kollege Kristian Laban gemacht, ich verwende sie oft und gerne bei diversen Vorträgen. Mehr über uns: www.jakubetz-laban.de)

Was wir erleben, ist nichts anderes als das, was uns zuverlässig seit vielen Jahren prophezeit wird: Disruption! Schöpferische Zerstörung!

Während also Angebote wie „Correctiv“ entstehen, gehen andere Geschäftsmodelle gerade kaputt. Das ist nun mal der Gang der Dinge und das muss auch gar nichts Schlimmes sein (außer, man ist gerade Zeitungsverleger). Dem Journalismus geht es trotzdem sehr viel besser als wir in der unserer täglichen Schwarzseherei gerne glauben.

Man muss sich ja nur mal einen Tag lang intensiv durch das (journalistische) Netz surfen: Ich muss inzwischen wirklich rigoros auch mal Dinge aussieben, weil ich nicht mehr in der Lage bin, all die großartigen Dinge, die ich jeden Tag sehe, auch zu lesen/anzuschauen/zu hören.

Da ist auch viel Unsinn dabei, sagen Sie? Natürlich. Aber gehen Sie mal zu einem beliebigen Zeitungskiosk – und Sie werden feststellen, dass das schon immer so war, seit es Medien gibt. Blühender Unsinn wächst manchmal neben den echten Perlen. Das war schon lange so, bevor überhaupt jemand den Begriff Medienwandel kannte.

Wir überholen uns gerade selbst…

Medientage vorbei, Zukunft ungeklärt: So wie es aussieht, war der Branchentreff in München nett zum – sich treffen. Die wirklichen Entwicklungen dagegen sind so radikal anders, wie es sich die meisten der Teilnehmer kaum vorstellen können. Der Medienwandel überholt sich gerade mal wieder selbst.

img_1909

Das Netz ist, in jeder Hinsicht, eine sehr große Sache. Man kann dort ungefähr alles finden. In der Theorie zumindest. In der Praxis ist das nicht so einfach. Es gibt zwar Suchmaschinen, aber die sind bei genauerem Hinsehen eher dumm. Es gibt Journalismus in allen möglichen Varianten, aber meistens muss man sich den immer noch selbst suchen, markieren, abspeichern. Es gibt Millionen von Webseiten, aber die stammen noch aus der Zeit, als man eine Webseite besuchte, wenn man etwas wissen wollte. Wollte man demnach richtig viel wissen, musste man auch richtig viele Webseiten besuchen.

Kurz gesagt: Das war das Web der unbegrenzten Seiten und dennoch sehr begrenzten Möglichkeiten.

Der Status Quo ist momentan bereits ein anderer: Es gibt Apps und es gibt soziale Netzwerke. Es gibt Angebote wie Buzzfeed et al. Der Inhalt kommt inzwischen also zum User. Vorsortiert, nach welchen Kriterien auch immer. Manchmal sind es Redaktionen, immer öfter ist es künstliche Intelligenz. Die ist noch nicht immer das, was man unter wirklich intelligent versteht. Aber sie wird es immer öfter.

UC_VorschaubildUnd sie ist eine Konsequenz daraus, dass niemand  in der Lage ist, das Internet leer zu lesen: Künstliche Intelligenz überlegt sich, was genau jetzt das Richtige für einen Nutzer sein könnte (in diesem Zusammenhang gerne ein wenig Native Advertising: Man könnte das auch auf die Formel „Content-Kontext-Endgerät“ bringen .).

Das ist das halb-personalisierte Netz, das aber immer noch ein bisschen dumm ist.

Wenn aber als nächstes ein intelligentes, mobiles, lernendes und vor allem personalisiertes Netz kommen soll – heißt das dann eben nicht auch, dass es ein völlig anderes Netz als das heutige sein müsste?

Heißt es. Genau das. Wir nennen es Medienwandel.

Zulieferer für eine neue Infrastruktur

Für uns Journalisten ist das erstmal eine Nachricht, die man ebenso gut wie schlecht finden kann. Gut ist sie, weil der Untergang des Journalismus noch mal verschoben werden muss. Weil es natürlich schön ist, wenn Software-Entwicklern und anderen Tüftlern regelmäßig was Neues einfällt, das aber ohne Inhalte eben doch nicht funktioniert. Und weil es ab und an auch mal eine gute Idee sein könnte, sich den Lauf der Dinge nicht nur von Bots oder Schreihälsen in sozialen Netzwerken zeigen zu lassen.

Auf der anderen Seite: Es werden nicht wir sein, die diese neuen Infrastrukturen des Netzes bauen. Die bauen gerade ganz andere. Und am immer wieder geäußerten Unbehagen in den diversen Veranstaltungen merkt man dann auch, dass es dem einen oder anderen dämmert, dass es sich was hat mit den eigenen Webseiten und den Usern, die sich dort ihren Content abholen. Homepage, Content? Das ist irgendwie so 2011.

Die neuen Gralshüter sind andere. Soziale Netzwerke, die als allererstes. Natürlich können wir uns jeden Tag über Facebook, Instagram, Snapchat auskotzen und darüber lamentieren, wie schön es doch früher war, als ein soziales Netzwerk bestenfalls eine Linkschleuder war, über die man noch ein paar Klicks mehr auf die eigene Seite gebracht hat. Das ist endgütig vorbei – realistisch betrachtet wird es tendenziell eher umgekehrt sein: Man streut seine Inhalte sonstwohin, die eigenen Angebote sind das Zusatzgeschäft. Homeless Media? Aber sowas von. Wir sind überall da, wo es irgendwas Digitales gibt.

Und ja, natürlich liefert diese neue Infrastruktur uns auch klare inhaltliche Vorgaben. Mindestens so wichtig wie das digitale Blattmachen wird künftig auch anderes sein: zu wissen, wie die Funktionsweisen von Algorithmen sind. Nach welchen Kriterien Geschichten in sozialen Netzwerken laufen und wie Personalisierung beispielsweise in Apps geht. Die Mengen an Inhalt werden mehr, die Netze dagegen immer enger gezogen. Das ist die unausweichliche Konsequenz von intelligenten und personalisierten Medien. Da ist es nämlich durchaus auch ein Kriterium, was man nicht zu sehen bekommt.

Dein persönlicher Assistent

Dazu gehört auch, dass wir uns von Algorithmen durch den (medialen) Alltag tragen lassen. Eine Idee, was das mittelfristig bedeutet, hat Google mit seinem Pixel, seinen Daydreams und seinem Assistenten bereits geliefert.

Bevor Sie jetzt als „Pfui!“ rufen, weil es Google ist: Es gibt auch andere, die genau in diese Richtung planen. Wenn man also wissen will, wohin die Reise geht: Dieses Gespräch mit Marco Maas anhören, sich mal schlau machen, was die App „XMinutes“ machen soll – und dann kurz mal darüber nachdenken, inwieweit sich künftig die Vorstellungen von Webseiten und Apps noch aufrecht erhalten lässt.

Marco Maas Medienwandel

Marco Maas. (Foto: Jakubetz)

 

Medienwandel: Die eigene Plattform verliert, die Marke bleibt

Müssen wir dann jetzt also alle sterben? Knechten in ewiger Verdammnis, als Content-Sklaven für Google, Facebook, Apple, Samsung? Weiß dann keiner mehr, was eigentlich so eine gute SZ ist oder die ARD und nicht mal mehr, wer früher RTL II war? Wird Journalismus nur noch in Häppchen und Bots so auf die Displays serviert, dass man weder mit anderen Weltbildern als dem eigenen konfrontiert wird noch auch nur eine Sekunde das Hirn anstrengen muss?

Auch hier gilt: Apokalypse leider erst mal abgesagt.

Wenn sich Vertriebswege ändern, heißt das nicht, dass damit auch alle Marken untergehen. Im Gegenteil: Marken sind wichtiger denn je. Gerade weil man, wenn schon die Vertriebswege immer unübersichtlicher werden, gerne eine Orientierungspunkt hat. Davon abgesehen sollten Journalisten die Wirkung einer Marke nicht unterschätzen: Von Samsung will niemand Nachrichten haben. Vom Spiegel, der FAZ oder der Zeit schon.

Schon klar: Die Gatekeeper sind künftig dann aber eben doch eher Samsung, Apple, Facebook und Google. Man wäre gut beraten, sich mit dieser Realität zu arrangieren.

Wer zahlt hier eigentlich für wen?

Das mit diesen Realitäten ist allerdings so eine Sache. Der Herr EU-Kommissar Oettinger und in seinem Gefolge ein beträchtlicher Teil der deutschen Verlage würden immer noch gerne die Spielregeln im Netz ändern. Das kann man irgendwie verstehen, ist aber trotzdem an allen Realitäten vorbei.

Das Motto „Haltet den Dieb!“ setzt ja immer auch voraus, dass es erstmal einen Diebstahl gegeben haben muss. Genau das aber ist der Nonsens, dem man bei den Verfechtern irgendwelcher europäischer Auswüchse des schon in Deutschland grandios gescheiterten Leistungssschutzrechts immer wieder feststellt. Der „Diebstahl“ von Google et al. bringt nämlich eine ganze Menge Traffic zu den bestohlenen Verlagen. Die Kollegen von „Zeit Online“ haben das sehr plausibel anhand des eigenen Beispiels dargestellt.

So weit wie der omnipräsente US-Professor Jeff Jarvis, den in Google vermutlich die Probleme ungefähr aller Weltprobleme sehe, muss man ja nicht gleich gehen – und Google den eigenen Abostamm übereignen. Man sollte generell nicht alles glauben, was Jarvis und andere Digital-Populisten zum Medienwandel erzählen. Bevor man aber sich an das Entwickeln neuer Geschäftsmodelle macht, muss man sich mit Realitäten arrangieren. „Wir lassen Google für unsere Inhalte bezahlen“ – das ist jedenfalls ziemlich weit von digitalen Realitäten entfernt.

Wir sehen uns dann mal alle bei den Medientagen 2017.