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Man muss auf Social Media sein! Muss man?

Bei Meta, der Zuckerberg-Firma für so ziemlich alles, hat man jetzt eine interessante Entscheidung verkündet: „Politische Inhalte“ (was immer das heißen mag) sollen nicht mehr proaktiv ausgespielt werden. Soll heißen: Natürlich kann man entsprechenden Accounts noch folgen, aber als proaktive Empfehlung des Algorithmus werden sie nicht mehr anegboten.

Das steht am Ende einer Woche, in der man das Gefühl nicht los wird, dass in den sozialen Netzwerken und damit natürlich auch in unserer (digitalen) Gesellschaft etwas aus den Fugen geraten ist. Und zwar so sehr, dass man über einen kompletten Reset nachdenken müsste, wenn man nicht gleichzeitig eine Ahnung hätte, dass es nach dieser Woche zwar die eine oder andere Sonntagsrede (wie vermutlich leider auch diesen Text) und ein paar „Flower Rains“ geben, sich ansonsten aber nicht viel ändern wird.

In den vergangenen Tagen hat sich ein kleines Drama abgespielt, das ein zumindest mittelgutes Ende genommen hat. Im Wesentlichen drehte es sich um Vorwürfe, dass es die stellv. Chefredakterin der „Südeutschen Zeitung“ mit dem Zitieren in ihren Texten nicht immer ganz korrekt gehalten haben soll. Nur zur Einordnung: kein großangelegter Betrug im Relotius-Stil. Sondern einfach nur die Debatte um Textpassagen, die sich schon mal woanders gefunden haben.

Zur Sache selbst soll hier nicht allzu viel gesagt werden. Nur so viel: In den letzten Wochen hat sich im Netz eine Hetzkampagne gegen die Frau entwickelt, die leider exemplarisch ist für das, was wir immer wieder im Netz erleben. Enthemmter Hass, üble Beschimpfungen, Vorverurteilungen und generell diese Debatten darüber, wie schlecht der vermeintlich „linke“ Teil der Gesellschaft mit dem anständigen Normalbürger umgeht.

Befeuert wurde das Ganze vom Krawallportal „Nius“ des mindestens ebenso krawalligen Julian Reichelt. Zur Erinnerung: Das war der Mann, dessen Eskapaden ihn selbst für ein Blatt wie die „Bild“ untragbar machten. Bei „Nius“ lässt er seinen ehemaligen Arbeitgeber aussehen wie eine Versammlung von Klosterbrüdern kurz vor der Abendvesper.

Beim vormaligen Twitter, heute X, bin ich jetzt draußen.  Es gibt rote Linien, die man nicht überschreiten sollte. X ist inzwischen eine Jauchegrube geworden. Unter dem Alibi-Motiv der Meinungsfreiheit darf da jeder alles. Was man lernen kann, wenn man sich X als Anschauungsmaterial nimmt: Wenn Menschen alles dürfen, muss man leider damit rechnen, dass sie auch alles machen (und das schreibe ausgerechnet ich, der den Begriff Meinungsfreiheit sehr, sehr großzügig auslegt).

Ich habe in den letzten Tagen immer wieder gehört, man könne für das ganze persönliche Drama der SZ-Vizechefin den Krawallbruder Reichelt nicht verantwortlich machen. Das sagen sogar solche, die ihm eigentlich nicht wohlgesonnen sind und die nicht mal im geringsten Sympathien für irgendwas „Rechtes“ haben.

Ich glaube allerdings, dass es genau umgekehrt ist: Reichelts Eskapaden zeigen, was passiert, wenn man eine ohnehin beißfreudige Meute auch noch befeuert. Reichelt-Schlagzeilen wie die obigen sind ja keine Information, kein Journalismus. Sie sind in Buchstaben gegossene aggresive Häme.

Das ist nicht sehr viel anders als ein gewesener US-Präsident, der zwar nie explizit zum Sturm auf das Kapitol in Washington aufgerufen hat, jeder aber wusste, was der Gelbhaarige von seinen Jüngern erwartete. Nebenbei bemerkt ist es tröstlich zu wissen, dass Deutschland immer noch so stabil ist, dass man nicht damit rechnen muss, dass eine Gestalt wie Reichelt jemals Bundeskanzler werden könnte.

Natürlich ist es naiv zu glauben, dass jemand, der eine klare journalistische Agenda verfolgt, keinen Einfluss hat. Um beim Vergleich mit Trump zu bleiben: Wer etwas glauben will, glaubt es. Wer sein Weltbild bestätigt sehen will, findet immer einen Grund dafür. Wenn Reichelt also gegen eine „linke“ Journalistin hetzt, von der angeblich nur das Gendern in ihren Texten stammt (haha, Lacher!), dann weiß er, was er tut. Natürlich tragen Hetzer wie Reichelt eine Mitverantwortung dafür, dass unsere Gesellschaft der amerikanischen immer ähnlicher wird. Was für eine lächerliche Vorstellung, dass es anders sein könnte.

Man kommt dennoch nicht daran vorbei, sich über Social Media ein paar Gedanken zu machen. Ob es wirklich  so einfach ist, die Zustände dort achselzuckend mit einem „Man kann es ja doch nicht ändern“ hinzunehmen.

Eigener Content = Freiheit!

Der Journalist und Autor Björn Staschen hat im vergangenen Jahr ein Buch geschrieben. Es heißt „In der Social Media-Falle“ und darüber habe ich mit ihm unlängst im Podcast „Satzzeichen“ gesprochen.  

Staschen hatte, das zur Vorgeschichte, sich aus Social Media komplett zurückgezogen. Ich fand diesen Schritt damals mutig, aber letztlich nicht wirklich sinnvoll. Zumindest dann nicht, wenn man irgendwas mit Medien und Kommunikation macht. Nicht dort vertreten, wo sich nun mal der allergrößte Teil unseres Publikums zumindest zeitweise aufhält?

Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher. Natürlich kann man nicht einfach die Kommunikation verweigern. Wohl aber kann man die Spielregeln ändern. Und man kann nicht nur, sondern man muss sogar wieder mehr Content auf die eigenen Plattformen und Communitys bekommen. Auch wenn es schwer ist. Das Schließen eigener Kommentar-Bereiche ist da übrigens nur so eine mittelgute Idee.

Es geht dabei ja nicht nur um die Frage nach ein paar Klicks und etwas Web-Traffic. Sondern (Vorsicht, Pathos!) ums Große und Ganze.

Zunächst unbewusst und dann unbestreitbar sind Social-Media-Plattformen zur mächtigsten und gleichzeitig elegantesten Hassmaschine geworden, die die Menschheit kennt.  Und seien wir ehrlich: KI,  so sehr ich ihre Möglichkeiten schätze, wird die Dinge wahrscheinlich nicht besser, sondern schlechter machen. Like für Like und Kommentar für Kommentar spaltet uns die Maschine und bringt uns dazu, andere und uns selbst zu verachten.

Ich habe in den oben bereits erwähnten Debatten um die SZ-Vizechefin selbst Diskussionen erlebt, die innerhalb kürzester Zeit komplett entgleist sind.  So sehr, dass ich mich beim Nachlesen der Debatten mit ein bisschen Abstand selbst gefragt habe, wie dieses Entgleisen eigentlich passieren konnte. Mit „absurd“ ist das nur mangelhaft beschrieben.

Kleiner Schwenk in den Werbemodus: Wir bieten mit Pullify eine Content-Flatrate an, die so hübsche Dinge wie Newsletter, Podcasts und Videos umfasst. Kurz gesagt: deutlich mehr und deutlich sinnvoller, als Inhalte einfach in soziale Netzwerke zu kippen, wo sie dann womöglich neben Julian Reichelt stehen. Ende der Werbeunterbrechung!
Social Media Freiheit

Holt euch eure Freiheit zurück!

Soziale Medien sind trotz ihrer unbestrittenen Vorteile zu einer ambivalenten Sache geworden. Sicher, im Fall der SZ-Vizechefin haben wir vor allem über Shitter gesprochen. Aber jede andere Plattform hat auch das Potenzial, zum Shitter zu werden. Das liegt einfach in der Natur der Sache.

Es würde zu weit führen, diese Natur der Sache hier noch einmal ausführlich zu erklären. Sicher ist nur, dass die Art und Weise, wie viele Algorithmen programmiert sind, gepaart mit ein paar altbekannten Schwächen der menschlichen Natur in vielen schlechten Fällen zu den bekannten Ergebnissen führen. Und man muss wahrlich kein Prophet sein, um zu wissen: Es wird nicht allzu lange dauern, bis wieder jemand (oder etwas) Opfer dieser Dreckschleudern wird. Solange die Plattformen so programmiert sind, wie sie sind, sind sie genau darauf ausgerichtet: sich selbst verstärkende Aufmerksamkeit.

Hat Social Media seine besten Zeiten hinter sich? Die Party könnte vorbei sein, vermutet Lars Weisbrod in der Zeit. Kann sei, dass etwas magisches Denken hinter dieser Theorie steckt, die reinen Zahlen und insbesondere die Entwicklung von TikTok sprechen erst einmal nicht dafür. Unbestritten ist allerdings auch, dass wir alle insgeheim um die Ambivalenz von Social Media wissen. Und deswegen gerne mal mit den Schultern zucken, wenn es um die Frage geht, ob man nicht ohne solche Netzwerke besser beraten sei: Mei, was will man machen, wenn halt alle da sind?

Ich würde trotzdem jedem empfehlen, wieder mehr auf seine eigenen Kanäle zu setzen. Schon alleine deswegen, weil Abhängigkeiten nie gut sind. Wenn eine Plattform mal eben beschließt, dass „politische“ Inhalte nicht mehr so gefragt sind, dann ist das eben so. Man kann motzen und protestieren, aber nichts ändern. Das kann eigentlich niemand wollen, der noch ganz bei Verstand ist.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. mutant77

    Hm, ich kann mich irren, aber war es nicht die SZ die mit diesem Krawalljournalismus begonnen hat? Aiwanger, Weidel, Lindemann?
    Das waren wenn man es wirklich neutral betrachtet massive Kampagnen, wo es wenig um die Sache ging sondern immer um die Person.
    Und gerade bei Aiwanger auch mit sehr fragwürdigen Methoden, wenn Lehrer aus der Schulzeit berichten, was diesen explizit verboten ist, da die Schule ein geschützter Raum sein muss. Schüler sind immer in einem Abhängigkeitsverhältnis, daher darf ein Lehrer einen Schüler nicht an die Öffentlichkeit preis geben, auch nicht nach 30 Jahren. das war der SZ ziemlich egal. Das andere dann diese Methodik mit anderen Stilmitteln anwenden sollte zu denken geben. Aber dann sollte man nicht unerwähnt lassen, dass diese Methodik mittlerweile zum „guten Ton“ gehört.

    Da ich auf diesen Blog aufmerksam wurde durch diesen Artikel https://www.blog-cj.de/2021/12/20/kuschel-kommunikation-in-der-wohlfuehl-welt/ – wo dieser Satz steht: „Aber so sind nun mal die Zeiten, man ist entweder ein querdenkender Vollhonk oder man kann vor lauter gutem Willen fast nicht mehr gehen. Man braucht, habe ich gelernt, “Mindset und Haltung zu Themen wie Diversity, Gender, Nachhaltigkeit und Purpose.“ Was nicht heißen soll, dass man dazu irgendeine Meinung haben kann, sondern eine ganz bestimmte, die richtige quasi. Man kann nicht dagegen sein, auf gar keinen Fall, selbst dann nicht, wenn man es etwas albern findet, dass inzwischen jeder dritte Begriff Englisch daherkommt. Haltung eben. Kommunikation mit Haltung und Empathie.“, bin ich auch erstaunt über den Versuch diese Sache hier so einseitig in Gut und Böse darzustellen. Wer ständig mit Scheiße wirft, muss sich nicht wundern wenn andere in seinem Klo suchen, egal welche ehre Ziele dahinter stehen. Es wäre besser wenn Journalismus sich mit Inhalten auseinandersetzen würde, als mit „Haltung und Mindset“, dann würde Krawalljournalismus nicht mehr so viel Wirkung erzielen.

    Und was Twitter angeht, da waren vorher schon alle Grenzen überschritten, wenn es um Politiker der FDP
    oder CSU ging. Oder während Corona Wissenschaftler, Ärzte die eine nur gering abweichende Haltung zur „totalen Pandemie“ vertraten. Da waren Todeswünsche (behandelt sie nicht mehr), Schmerzen (lasst die Knüppel auf sie nieder) und der reale Verlust des Arbeitsplatzes völlig selbstverständlich. Daher habe ich Anfang 2020 meinen aktiven Account sofort gelöscht und nur noch gelurkt und war erschüttert über das was man dort lesen konnte. So zu tun, als ob diese Entwicklung erst seit Musk gäbe liegt wohl daran, dass man vorher die Entmenschlichung vieler nicht wahrnehmen wollte. Was aber auch durch die Berchterstattung in den Medien gefördert wurde, wo Proteste geframed wurden und jede kritische Stimme mit totaler wehemmenz bekämpft wurde.

    Nein, diese Medien sind in meinen Augen die Ursache für die aktuelle Stimmung in den sozialen Medien. Das was ihr als „Haltung und Mindeset“ beschrieben habt, machen sich auch die zu eigen, die nicht eine Journalismusschule besucht haben. Daher nicht auf der selben Linie sind und das beginnt zu stören.

    Es wäre Zeit damit zu beginnen zu akzeptieren, dass auch andere Meinungen ihr Recht haben zu existieren und in der Öffentlichkeit geäußert zu werden. Toleranz heißt abweichendes zu erdulden, nicht von allen das Gleiche zu wollen. Aber solange es darum geht, „andere“ zu bekämpfen solange wird sich dieser Tonfall und der Hass weiter aufbauen.

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