So gibt man Inhalt eine Stimme

Podcast und Audios: Die Grundlagen from Christian Jakubetz on Vimeo.

Vor kurzem habe ich mal ein wenig rumexperimentieren müssen: Auf einem Termin traf ich überraschend einen interessanten Interviewpartner – und hatte ungefähr nichts brauchbares dabei, außer meinem iPhone. Also zeichnete ich das Interview als Audio auf, machte den Schnitt auch noch direkt dort – und siehe da, es war ein sehr brauchbares Audio entstanden.

Man kann, muss das aber nicht zwingend auf einem Smartphone machen. Wie man Audios sonst noch produzieren kann, was das kostet und warum man immer schön man selbst bleiben sollte, erklärt der geschätzte Daniel Fiene im Video. Mehr dazu gibt´s drüben beim „Universalcode“.

Das Medienjahr 2013: Immer noch auf Antwortsuche

Es ist ja unbestritten ganz praktisch, wenn man sich gerade Gedanken über so etwas Ähnliches wie einen Jahresrückblick macht – und dann kommen andere daher und nehmen einem den einen oder anderen Denkanstoß ab und greifen dabei auch noch auf ein wohl sortiertes Audioarchiv zurück. So geschehen am Donnerstag Abend, als Daniel Fiene und der Herr Pähler ihren Jahresrückblick bei DRadio Wissen rausgehauen haben und mir freundlicherweise erlaubt haben, geschlagene 90 Minuten meinen Senf dazu zu geben, was man übrigens hier nachhören kann.

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Aber natürlich sind auch 90 Minuten Sendezeit etwas kurz, man bringt nicht alles rein, was man gerne hätte und man hat natürlich auch noch den einen oder anderen weiterführenden Gedanken. Einen, der im Jahresrückblick gar keinen Platz gefunden hat — ist einer, für den ich wahrscheinlich wenigstens verwunderte Blicke bekomme. Weil — Kollegen schelten und gleichzeitig Politiker wenigstens vorsichtig verteidigen, das geht gar nicht, will man nicht dem Verdacht ausgesetzt sein, man  sei wahlweise Parteigänger, Lobbyist oder schlichtweg nicht ganz bei Trost. Trotzdem oder gerade deswegen: Ich bin gerade 2013 den Eindruck nicht losgeworden, dass nicht nur unsere Außenwirkung ein wenig gelitten hat, sondern dass Journalisten immer häufiger den Versuchung erliegen, in einer für aufgeheizten Stimmungen sehr empfänglichen Öffentlichkeit immer öfter mal jegliches Maß und Ziel verlieren.  Wenn man beispielsweise in diesen Tagen erlebt, wie an strafrechtlich relevanten Vorwürfen gegen Christian Wulff ein beschämend lächerliches Maß übrig bleibt und wenn man sich gleichzeitig vor Augen führt, wie Wulff wie ein Verbrecher niedergeschrieben wurde — dann kann man sich zwar fragen, ob nicht die Justiz gerade maßlos übertreibt. Aber man muss sich dann eben auch die Frage stellen, ob nicht die mediale Berichterstattung auch dazu geführt hat, dass eine Staatsanwaltschaft sich möglicherweise erst so richtig ermutigt oder vielleicht auch unter Druck gesetzt gefühlt hat, Wulff ordentlich auseinander zu nehmen.

Damit wir uns nicht missverstehen: dass Wulff sich in seinen Ämtern unmöglich gemacht hatte, steht außer Zweifel. Aber unter dem Strich wird folgende Bilanz bleiben: Ein Mann verliert sein komplettes Ansehen, seine Ehe und seine Ehre, er wird einmal komplett öffentlich durchleuchtet einschließlich aller Kontoauszüge, Freundschaften und seiner Hauseinrichtung. Das alles wegen eines Vorwurfs, der sich irgendwo im dreistelligen Eurobereich bewegt. Und der, so viel lässt sich prophezeien, demnächst wegen Geringfügigkeit nicht mehr weiter verfolgt wird.

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Natürlich ist der Fall Wulff der extremste seiner Gattung. Aber auch andere Geschichten haben gezeigt, dass wir mal wieder über unser Selbstverständnis nachdenken sollten. Beispielsweise dieses ominöse Slomka-Gabriel-Interview. Da war eine Journalistin nicht nur schlecht vorbereitet, sondern beharrte auch quengelig wie ein Kleinkind auf einem Randaspekt des Themas. Ein Aspekt, von dem man heute weiß, dass er tatsächlich irrelevant war. Und einer, zu dem Gabriel eine klare Antwort gegeben hatte; es war ja nicht so, dass er sich vor einer Antwort gedrückt hätte. Ganz ehrlich: Wäre ich an Gabriels Stelle gewesen, hätte ich Frau Slomka auch irgendwann mal gefragt, was der Unsinn soll.

Was daran besonders nervt: Zunehmend öfter erlebt man Totschlagargumente, ist sofort die Pressefreiheit bedroht und am besten gleich noch der ganze Staat, wenn die Menschen auf der anderen Seite des Schreibtisches irgendwann mal sagen, dass es so nicht geht. Spätestens dann, wenn sich Michael Konken und der DJV melden, ahnt man, dass die Debatte zu Tode geritten ist. Es ist nur einfach nicht so, dass an einem missratenen Interview grundsätzlich der Interviewte schuld ist und dass jede Berichterstattung auch durch ihren Hintergrund gerechtfertigt ist. Im Fall Wulff und auch bei der Debatte um Gabriel und Slomka habe ich mich jedenfalls dabei ertappt, dass mein inneres Zustimmungspendel ungewollt gegen die Journalisten-Seite ausschlug. Dass das ZDF in der „heute-show“ noch eine dünne Satire brachte und eine „Horst-Seehofer-Journalistenschule“ parodierte, machte die Sache auch nicht wirklich besser. Natürlich sind Politikeranrufe bei Sendern immer so eine Sache, aber trotzdem: Sowohl im Fall Wulff als auch bei Gabriel gäbe es schon ein paar Gründe, die dafür sprächen, dass Journalisten mal ein bisschen in sich gehen und über den Unterschied zwischen hartnäckiger Recherche bzw. hartnäckigem Nachfragen und Maßlosigkeit und Oberflächlichkeit nachdenken.

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Wenn man denn unbedingt das Medienjahr 2013 bilanzieren will, dann ist das ungleich schwieriger als 2012. 2012 schien die Sache eindeutig: Die FTD machte dicht, die FR stand kurz davor. Man redete vom Zeitungssterben und davon, dass es wohl doch schneller gehen könnte mit dem Siechtum analoger Medien. In diesem Jahr ist das Bild ambivalenter. Das hat kein Deal klarer gezeigt als der zwischen Springer und Funke. Da gibt es auf der einen Seite den Verkäufer, der offenbar dauerhaft nicht mehr an dieses Kerngeschäft der gedruckten Regionalzeitung glaubt und sich stattdessen radikal an einer digitalen Neuausrichtung des Hauses versucht. Dass er dieses Kerngeschäft nicht verramschen musste, sondern stattdessen einen sehr anständigen Preis erzielte, lag daran, dass auf der anderen Seite jemand stand mit genau gegenteiliger Auffassung: Bei Funkes glauben sie anscheinend noch sehr an die gedruckte (Regional-)Zeitung. Obwohl, sogar innerhalb der Funke-Handlungen kann man jede Menge Widersprüche entdecken. Man hat auf der einen Seite fast eine Milliarde für die Springer-Blätter ausgegeben, auf der anderen Seite aber weiter Personal abgebaut, Redaktionen geschlossen und ab 2014 als Sparmaßnahme auch noch alle Agenturen außer dpa gekündigt. Wie das alles zusammen gehen soll, wissen sie vermutlich nur bei Funke selber.

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Es war ansonsten übrigens ein Super-Super-Wahljahr (frei nach Pep Guardiola) in Deutschland. Das wäre eine gute Gelegenheit zu bilanzieren, wie sehr sich neue Formen des Journalismus etabliert haben und was sich seit 2009 geändert haben könnte. Leider muss man, durchaus überrascht, feststellen, dass das so rasend viel gar nicht wahr. Die üblichen Verdächtigen bei süddeutsche.de und bei „Zeit Online“ haben sich wohltuend abgehoben von der Routine der anderen. Bei den meisten muss man allerdings feststellen: alles wie gehabt. Die ganz großen, aufregenden Neuerungen sind 2013 ausgeblieben, auch bei denen, die sie eigentlich angekündigt hatten und von denen man sie vielleicht sich hätte erwarten dürfen. Die „Huffington Post“ jedenfalls — als wohl größte und spektakulärste Neugründung des Jahres — ist nicht unbedingt das, was man in Deutschland noch unbedingt zu seinem Medienglück gebraucht hätte.

Aber vielleicht ist das ja auch die Quintessenz des Medienjahres: Dass es irgendwann nicht mehr so weitergehen kann wie jetzt, das ahnen wir alle ja schon etwas länger. Die richtigen Antworten auf die vielen Fragen werden wir aber womöglich noch einige weitere Jahre suchen müssen.

Wie die SZ einmal einen Onliner beförderte

Auf die Zahl von „Likes“ bei Facebook sollte man an sich ja nicht zu viel geben. Es kann auch ein albernes Katzenvideo sein, bei dem sich die Likes nur so häufen. Trotzdem habe ich bei einem meiner gestrigen Beiträge in einer Mischung aus Amüsiertheit und Erstaunen festgestellt, was „Likes“ manchmal doch aussagen können.

Gepostet hatte ich:

facebook

Dass danach eine derart banale Feststellung, noch dazu völlig ironiebefreit für so viel Zustimmung sorgt (für meine Verhältnisse wenigstens, ich bin ja nicht Hans Sarpei) fand ich verblüffend. Nicht wegen der eigentlichen Sache – dass Plöchinger zum Besten gehört, was es im digitalen Journalismus gibt, ist unbestritten. Dass sie sich auch bei, sagen wir, Spiegel oder FAZ die Finger nach ihm abschlecken würden, ist ebenfalls unbestritten, insofern macht das schon Sinn, ihn mit solchen Entscheidungen ein wenig stärker an die SZ zu ketten.

Tatsächlich erstaunlich ist anderes: Man muss es also immer noch als eine meldenswerte Nachricht behandeln, wenn der oberste Onliner auch in die Chefredaktion der Zeitung/des Senders eingebunden ist. Man sagt nicht: Hey, super, der Plöchinger, der hat´s echt verdient! Sondern man denkt: Wow, eine Zeitung die einen Onliner in die Chefredaktion holt!

Man kann das ja –leider– auch nicht sehr viel anders denken. Weil in der überwiegenden Mehrheit der konventionellen Medien die Regel immer noch die ist, dass der Onliner, wenn er sehr viel Glück hat, weitgehend autark und mit journalistischer Kompetenz ausgestattet, sein Angebot machen kann.  Dass es eine ausformulierte, stringente Strategie gibt, wie aus dem Nebenher von analog und digital ein gemeinsames journalistisches Projekt gibt, kann immer noch nur eine Minderheit von sich behaupten.

Das ist, man kann das leider nicht anders sagen, an der Schwelle zum Jahr 2014 grotesk. Es ist bezeichnend, dass man immer noch das alte Lamento darüber anstimmen muss, wie wenig digitaler Journalismus in Deutschland praktiziert wird, wie sehr man immer noch an alten Ideen und überkommenen Strukturen hängt. Natürlich ist es wunderbar, wenn die SZ jetzt ihren Plöchinger auch in die Print-Chefredaktion holt. Aber andersrum stellt sich trotzdem die Frage: Wie soll das denn sonst gehen? Onliner als Anhängsel, als Dienstleister, als Zusatzangebot?

Ich würde eher eine andere Theorie aufstellen: Die SZ hat´s erkannt, spät, aber immerhin. Der Onliner gehört selbstverständlich in alle relevanten redaktionellen und strategischen Entscheidungen des Hauses einbezogen. Wer ihm das nicht zutraut, sollte beizeiten auch mal darüber nachdenken, ob er den richtigen Onliner beschäftigt. Und wer spätestens in einem Jahr immer noch nicht eine Struktur geschaffen hat, in der Online wie selbstverständlich bei jeder Entscheidung eine maßgebliche Rolle spielt, kann in zwei Jahren seinen Laden zusperren. Weil sich die Vorzeichen geändert haben. Wer heute noch behaupten würde, die Zukunft der SZ sei die gedruckte Zeitung, wird mit Plöchinger nicht unter zehn Jahren bestraft.

Klammern an „Bild“ und ein zahlendes Prozent

Wenn man sich die Reaktionen auf die erste Zwischenbilanz des „Plus“-Modells der „Bild“ anschaut, dann könnte man meinen, die Branche habe tatsächlich den Wunsch des Konzerns bei der Einführung der Bezahlinhalte erfüllt: feste Daumen drücken! Anders lässt sich der manchmal mehr und manchmal weniger verhaltene Jubel angesichts der Erfolgsmeldungen von Springer kaum erklären. „Springer zeigt, wie man im Internet Geld verdient“, habe ich heute schon gelesen. Nüchtern betrachtet hat „Bild“ dagegen nur eines bewiesen: Bezahlinhalte werden für alle, die nicht gerade sehr spezialisierte Themen bearbeiten, bestenfalls ein kleines Zusatzgeschäft bleiben. Und: Für die überwiegende Masse ist „Paid Content“ schlichtweg kein Thema. Und noch ein letztes: Für die ganz überwiegende Masse sind die Angebote, die Webseiten vor der Paywall stehen haben, meistens schon ausreichend. Um hinter die Bezahlschranke zu wollen – dazu muss man schon ein beinharter Fan des jeweiligen Angebots sein.

Gehen wir also das Beispiel „Bild“ mal genau durch: Innerhalb eines halben Jahres hat man rund 150.000 Digital-Abos abschließen können. Klingt in absoluten Zahlen viel, ist relativ gesehen aber nur unwesentlich über dem, was andere Häuser auch schaffen. „Bild“ liegt bei einer Konversion von rund einem Prozent. Gemessen bspw. an NYT oder auch der eigenen „Welt“ ist das etwas mehr als gewohnt, unter dem Strich heißt das aber eben auch: 99 Prozent der Leser nutzen „Bild“ nach wie vor, ohne für die Digital-Ausgabe zu bezahlen. Und schließlich muss man noch einen sehr speziellen Trumpf ins Feld führen, den „Bild“ hat: Bundesliga-Bewegtbilder. Das hat sonst niemand zu bieten. Es wäre also mehr als erstaunlich, hätte „Bild“ es nicht geschafft, eine höhere Konversion als andere zu erzielen.

Wenn man also davon ausgeht, dass 99 Prozent der Nutzer nicht bereit sind, für digitale Inhalte Geld auszugeben – ist es dann wenigstens dieses eine Prozent? Die Frage stellt sich im Falle „Bild plus“ nicht. Weil „Bild“ ja das Angebot nicht reduziert, sondern erweitert hat. Wer also wirklich alle Geschichten lesen will, muss zahlen. Das machen ein paar Hardcore-Fans, der Rest kommt ganz gut mit dem aus, was kostenlos zu lesen ist. Es ist also ein bisschen wie bei einer DVD: Man kann die Standardausführung bekommen und wenig bezahlen. Wenn man richtiger Fan ist, kauft man sich irgendeine Deluxe-Edition mit Bonusmaterial und anderen Gimmicks. „Bild plus“ ist also eine Art „Bild Deluxe“ – und deshalb sagt dieses Modell nicht sehr viel darüber aus, ob Menschen bereit sind, für Journalismus Geld auszugeben.

Zumal sich am grundsätzlichen Geschäftsmodell der „Bild“ nichts geändert hat: Es basiert immer noch zu 99 Prozent auf Reichweite und Werbung. Erst aus der Reichweite — die ja bei „Bild“ zweifelsohne enorm ist — entsteht die Möglichkeit, mit Zusatzinhalten nennenswert Geld zu verdienen. Da reicht dann schon eine Konversion von einem Prozent aus, um in den Millionenbereich zu kommen. Stellen wir uns dieses Modell bei einem Regionalzeitungsverlag vor, dann sehen die absoluten Zahlen schon nicht mehr so wirklich rosig aus.

„Bild“ ist auch aus anderen Gründen keine Blaupause für andere Verlage. Zum einen: „Bild“-Geschichten werden ausreichend von anderen Medien nacherzählt, auch und vor allem solche, die sich hinter der Bezahlschranke verbergen. Das klingt auf den ersten Blick ärgerlich, ist es aber auf den zweiten Blick gar nicht. Dadurch geraten nämlich auch die „Bild“-Geschichten in die sozialen Netzwerke, die normalerweise wegen der Bezahlschranke dort kein Thema wären. Soll heißen: „Bild“ bleibt trotz allem im Gespräch. Das wäre bei kleineren Medien, die weder die Reichweite noch die Themen haben, anders. Wer sich hinter die Bezahlschranke stellt, stellt sich auch bei sozialen Netzwerken ins Abseits. Und zum anderen: „Bild“ hat auch kostenfrei ein Angebot, das groß genug ist, um Reichweite zu generieren. Wenn — mal angenommen — eine Regionalzeitung nur noch die dpa-Meldungen aus dem überregionalen Geschehen frei empfänglich und den Rest bezahlpflichtig macht, dann muss sie mit massiven Einbrüchen in der Reichweite rechnen. „Bild“ kann beides, sowohl Reichweite als auch Paid Content, das ist der Unterschied.

Wobei nicht mal „Bild“ ungeschoren davon kommt, wenn es um Reichweite geht: Ein halbes Jahr nach der Einführung liegen die Reichweiten unterhalb der vor der Bezahlschranke (wenn auch, zugegeben, von einem sehr hohen Niveau kommend). Ob man allerdings schon irgendeine gültige Aussage darüber treffen kann, wie sich Bezahlschranken auf die Reichweite auswirken können, sei dahin gestellt:

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Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Drei gewinnen leicht bzw. halten ihr Niveau, drei verlieren teilweise spürbar: Es scheint immer noch so zu sein, dass regionale und produktspezifische Eigenheiten die entscheidende Rolle spielen bei dieser Frage. Und natürlich spielt auch die Form der Bezahlschranke eine wichtige Rolle. „Bild“ hat sein Angebot ja nicht wirklich reduziert, es gibt keine spürbaren Einschränkungen, außer der, dass man jetzt eine ganz bestimmte Geschichte nicht lesen kann. Nachdem aber dort noch etliches anderes Zeugs steht…so what?

Trotzdem bleibt, bei allen Besonderheiten, zumindest eine Feststellung, die vermutlich eine gewisse Allgemeingültigkeit hat: Zahlen für Journalismus, das wird im Netz weiterhin eine kleine Minderheitenveranstaltung bleiben. Bei Konversionsraten von einem Prozent wäre es absurd, irgend etwas anderes zu glauben.

Xaver, Franz-Peter und der Attrappen-Journalismus

Helmut Schmidt hatte es ja wie immer schon gleich gewusst: Wenn es so werde wie 1962, dann werde das „nicht sehr schlimm“, prophezeite der Lieblingsweise der Deutschen den Ausgang des Sturmtiefs namens „Xaver“. Tatsächlich war „Xaver“ dann auch wirklich nicht sehr schlimm. Und heute redet keiner mehr drüber.

Ist ja auch schon einen ganzen Tag her, als man mehr oder weniger prophezeite, wir werden alle sterben (und das auch noch dumm).

Journalismus ist in diesen Tagen zu einer ziemlich aufgeregten Sache geworden. Zu einer zudem, die sich in einer fatalen Wechselbeziehung befindet: Es muss schnell gehen und das Publikumsinteresse ist immer eindeutiger messbar. Deshalb reichen inzwischen ein paar geschickt eingestreute Reizworte, um die Herde in helle Aufregung zu versetzen. Ich würde beinahe wetten wollen, dass diejenigen Meteorologen, die zum ersten Mal den Vergleich zwischen „Xaver“ und „irgendwas mit 1962“ in die Welt setzten, das sehr bewusst gemacht haben. Der Schlüsselreiz Sturmflut 1962 löst jedenfalls bei Journalisten und Publikum ganz andere Reflexe aus, als wenn man einfach nur gesagt hätte: Es dürfte in den nächsten Tagen zu einem ziemlich schweren Wintersturm kommen.

So aber: 1962! Sturmflut! Drama! Tote! Dabei hätte man gerne mal einen Journalisten gehört, der des Altkanzlers simple Überlegung aufgegriffen hätte: Wenn vor einem halben Jahrhundert  eine Flut Schaden anrichten konnte, sich seitdem die Sicherheitsvorkehrungen erheblich verbessert haben und die Flut trotzdem „nur“ die Höhe von damals erreicht – was ist daran dann eigentlich so bedrohlich? Aber das hätte natürlich die ganze schöne Gruselgeschichte ziemlich zerstört.

Und sogar der arme Helmut Schmidt musste dran glauben: Statt einfach mal die Betriebs-Temperatur zu senken, tickerte „Spiegel Online“ raus: Helmut Schmidt gibt Entwarnung! Im ersten Moment dachte ich, ich sei beim „Postillion“ gelandet.

Stattdessen also das: Liveticker auf nahezu allen etablierten Webseiten, die aufgeregt im Minutentakt davon berichteten, dass in Cuxhaven ein Baum umgefallen sei.Ein (natürlich) ARD-Brennpunkt, in dem wie schon den ganzen Tag zuvor in anderen Sendern Menschen mit Puschelmikrofonen im Wind standen und dann in ihr Mikro brüllten, dass es windig sei. Der Klick- und Quotenerfolg gibt den Brennpunktmachern und LIvetickerern wie immer recht, der „Brennpunkt“ war am Donnerstag Quotensieger im Gesamtprogramm. Auf der anderen Seite zeigt genau das die Problematik einer solchen Form von Journalismus: Man erzeugt künstlich ein Interesse und rechtfertigt die Berichterstattung dann mit dem großen Interesse am Thema. Was bleibt, ist eine Art gefühlte Information, nichts aber, was mit wirklicher Information zu tun hat. Eine Informationsattrappe sozusagen. Am Ende wird es „Xaver“ nicht mal in irgendeinen Jahresrückblick schaffen, was auch damit zu tun hat, dass Jahresrückblicke in Zeiten von Informationsattrappen-Journalismus jetzt schon im November gesendet werden.

Kann sich übrigens noch jemand an den „Protz-Bischof“ erinnern, als ein ganzes ARD-Team den Vatikan belagerte und in Live-Aufsagern atemlos ins Mikro hechelte, man habe weder den einen (den Bischof) noch den anderen (den Papst) gesehen, es werde aber womöglich schon bald eine Entscheidung fallen? Mit ein bisschen zeitlichem Abstand fällt die Lächerlichkeit eines solchen Journalismus noch stärker ins Auge. Der Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli übrigens betont und schreibt immer wieder, schon seit Jahren keinen „News“- oder Nachrichtenjournalismus mehr zu verfolgen. Und deswegen kein bisschen schlechter informiert zu sein. Ganz ehrlich: Exakt das werde ich ab dem heutigen Tag auch — naja, wenigstens versuchen.

Und wer wissen will, wie so ein Attrappen-Journalismus aussieht, bitte sehr:

Datenjournalismus: Über die Perspektiven im Lokalen

Datenjournalismus im Lokalen from Christian Jakubetz on Vimeo.

Möglicherweise haben wir die Möglichkeiten des Datenjournalismus bisher auch einfach nur unterschätzt – und gedacht, das sei nur was für große, personell aufgemotzte Redaktionen. Stimmt ja gar nicht, sagt Philipp Ostrop von den „Ruhr Nachrichten“ in Dortmund. Zweiter Teil meines kleinen Interviews mit dem Dortmunder Lokalchef.

Für vorn, da wo es nix kostet

Man kann beinahe eine Wette darauf abschließen: 2014 wird das Jahr, in dem wir mehr über die Finanzierung als über die Inhalte im Journalismus diskutieren werden.

Bisher war das ja alles nicht so wirklich ruhmreich, was sich die Branche hat einfallen lassen. Es regiert noch immer das Mantra, guter Journalismus sei nicht umsonst zu haben. Weswegen man, einfache wie vermeintlich logische Konsequenz, Geld dafür verlangen müsse, der Kunde werde das schon irgendwann mal verstehen. Ich würde ja in solchen Fällen immer gerne die Gegenfrage stellen: Und was, wenn nicht? Aber das ist natürlich hypothetisch und polemisch zugleich. Festzuhalten bleibt vorerst, dass man über die bisherigen Paywall-Versuche der deutschen Medienunternehmen nicht allzu weiß, außer, dass es sie gibt. Mit konkreten Zahlen wird wenig hantiert, was einigermaßen erstaunlich und auch irgendwie verdächtig ist angesichts des Ballyhoos, das bei der Einführung der Mauern und Schranken gemacht wurde. Was man ebenfalls weiß: SZ, FAZ und andere sind gerade intensiv dabei, ihre Mauern hochzuziehen. Und beim „Spiegel“ hat Chefredakteur Wolfgang Büchner jetzt einen klaren Kurs verkündet: Online und Print bleiben strikt getrennt, Artikel aus dem Heft sollen nicht mehr verschenkt werden, stattdessen sollen sich hinter einer Paywall zusätzliche Informationen und Materialien zu Geschichten verbergen.

So weit, so plausibel. Dass in den USA die ersten Blätter schon anfangen, ihre Paywalls einzureißen, kann man in diesem Zusammenhang einfach mal dahin gestellt lassen. Und man muss (und kann) auch nicht jedes Detail aus dem US-Markt auf den deutschen Markt transferieren. Trotzdem gibt es ein paar Dinge, die bei den Erfahrungen in den USA interessant sind.

Die wichtigste Erfahrung stammt womöglich aus Dallas. Sie besagt nichts anderes, als dass den dortigen Zeitungslesern gar nicht bewusst ist, dass sie für Journalismus bezahlen. In ihrer Wahrnehmung bezahlen sie Geld für anderes: für den Rohstoff Papier, für eine aufwendige Zeitungsproduktion, für die Lieferung bis vor die eigene Haustür. Das mag absurd, weil selbstverständlich auch die Arbeit eines oder vieler Journalisten bezahlt werden muss. Aber was nutzt das, wenn es die Leser schlichtweg nicht so wahrnehmen?

In Dallas hat man deswegen ein Experiment unternommen: Den Lesern wurde das Angebot gemacht, online exakt den selben Inhalt wie in der Zeitung zu beziehen, zu einem verglichen mit der Printausgabe um 90 Prozent reduzierten Preis. Nur 5 Prozent der Leser äußerten Interesse – was die Vermutung nahelegt, dass sie den Aufwand der Zeitungsproduktion und Auslieferung richtig einschätzen können. Oder, anders und negativer formuliert: dass sie den journalistischen Aufwand hinter einer Webseite nicht richtig zu schätzen wissen.

Das ist auch deshalb interessant, weil es die unsinnige Mehrheitsmeinung widerlegt, Leser würden den Wert des Online-Journalismus nicht schätzen und seien es schlichtweg nicht gewohnt, dafür Geld auszugeben – der vielzitierte „Geburtsfehler“ des Internet halt. Tatsächlich aber wäre es, legt man dieses Dallas-Experiment zugrunde, anders: nämlich, dass Konsumenten Journalismus überhaupt nicht als materiellen Wert schätzen. Er ist halt einfach da, eine Art Grundversorgung, ein Menschenrecht. Natürlich mag man das als unsinnig empfinden, aber der Online-Journalismus ist damit nicht alleine. Pay-TV funktioniert in Deutschland bis heute nur sehr mäßig. Neben einer Reihe von anderen Gründen vor allem aus diesem: Es gibt ein riesengroßes Angebot an Free-TV-Sendern. Warum man für Fernsehen bezahlen soll, erschließt sich immer noch nur eine Minderheit. Oder ein anderes Beispiel: Fußball. Am Versuch, Fußball bezahlpflichtig zu machen, hat sich bisher noch jeder die Zähne ausgebissen. Dabei könnte man leicht verargumentieren, warum Fußball Geld kosten soll. Die Produktions- und Rechtekosten sind so horrend, das versteht jeder noch so blauäugige Laie. Tut er aber nicht. Vielleicht will er auch einfach nicht.

Kommt Ihnen das womöglich bekannt vor?

Was ich sagen will: Die Diskussion um Bezahlinhalte im Netz ist immer noch eine sehr theoretische. Und sie setzt Dinge voraus, die man nicht voraussetzen sollte. Dass Menschen verständnisvoll mit dem Kopf nicken und danach wohlwollend den Geldbeutel zücken, wenn es um journalistische Inhalte geht, ist eine Mär. Schon immer gewesen, sogar zu analogen Zeiten. Man muss sich ja nur mal das Spektakel anschauen, dass übrigens auch gerne Journalisten entfachen, wenn es um einen Rundfunkbeitrag von knapp 18 Euro im Monat geht. Das wird schnell zum Politikum, wer sich profilieren will, der schlägt einfach mal drauf – und auf die Titelseiten der Zeitungen schafft es jede Gebührenerhöhung allemal, selbst wenn es nur um Centbeträge geht.

Und da reden wir von 18 Euro. Im Monat.

Woher nimmt man dann also die Gewissheit, dass die Leute dann schon zahlen werden? Weil man sie zwingt? Auch da fällt mir Leo Kirch ein, der vor 15 Jahren mal die Fußball-Bundesliga aus dem Free-TV auf einen unattraktiven 20.15 Uhr-Sendeplatz verbannt hat, in der Hoffnung, dass die Menschen in Scharen dann Pay-TV-Verträge abschließen. Das Resultat war, dass Kirch eine Zeitlang vermutlich mal der meist gehasste Mensch Deutschlands war. Vielleicht ist die Wahrheit ja eine ganz simple: Man kann nicht etwas kostenpflichtig machen, was es vorher umsonst gab. Das ist irrational, ich weiß, aber Benzinpreise sind auch irrational.

Bei alledem, was jetzt auch Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner angekündigt hat, ist für mich eine Gretchenfrage schlichtweg immer noch nicht beantwortet: Was sollen denn jetzt diese Zusatznutzen und Inhalte sein, die man hinter Schranken verstecken will und auf die sich dann zumindest die Zahlungswilligen stürzen? Scans der Notizbücher der Spiegel-Reporter? Informationen, die nur Bezahl-Leser bekommen? Diese Grundsatzfrage hat für mich noch niemand schlüssig beantwortet, weder „Bild“, deren Bildplus-Geschichten ohnedies fröhlich von anderen Mitbewerbern nacherzählt werden, noch die Kollegen der „Braunschweiger Zeitung“, die mal in einem Werbetext für ihr Bezahlangebot ernsthaft schrieben, dafür gebe es dann auch Verkehrsmeldungen und das Fernsehprogramm?

Verabschieden wir uns deshalb also mal von der Idee, dass es die Inhalte sind, die Menschen sofort zur Kreditkarte greifen lassen. Vorstellbar, wenn überhaupt, ist anderes: dass man aus Redaktionen, aus Medienmarken eine Art Community macht, für deren Zugehörigkeit man bezahlt. Der „Guardian“ liebäugelt mit einer solchen Idee. Keine, bei der ich sofort aus Begeisterung aus dem Sessel springen würde. Aber wenigstens ein Ansatz, sich von dieser Inhaltegläubigkeit zu verabschieden.

Im Übrigen habe ich schon vor 25 Jahren in einer kleinen Lokalredaktion im wunderbaren Dingolfing eines gelernt: wie nämlich Leser den Wert von Inhalten einschätzen. Immer, wenn Vereinsvertreter eine Meldung für den Lokalteil vorbeibrachten und sich nicht so recht auszudrücken wussten, sagten sie: „Für vorn. Da wo es nix kostet.“

Medienwandel: Das sagt der DJS-Chef

DJS-Chef Sadrozinski über die Journalismus-Trends 2014 from Christian Jakubetz on Vimeo.

Das muss irgendwie in der Natur der Sache liegen: Immer, wenn es auf das Jahresende zugeht, dann wird viel über Medienwandel gesprochen und diskutiert. Da hat es sich gut getroffen, dass ich mitten auf einer Baustelle den Leiter der Deutschen Journalistenschule getroffen habe – und ihm ein paar Fragen stellen konnte. Jörg Sadrozinski erklärt deshalb in diesem Video, wo er die Trends für das Jahr 2014 sieht. Und warum die Entwicklung vielleicht nicht immer einfach, dennoch aber spannend ist…

Fünf Dinge, die Sie 2014 am meisten bereuen könnten

Etablierten Medien vorhalten, was sie alles versäumen, falsch machen – und keine Alternativen aufzeigen? Das gehe ja nun nicht wirklich,  war eine der kritischen Reaktionen auf diesen Beitrag.  Durchaus berechtigt, diese Anmerkung. Deswegen, und weil bald ein neues Jahr beginnt und man das gerne als Gelegenheit nimmt, ein bisschen grundsätzlich zu werden: Hier kommen fünf Tipps, wie man Journalismus im Jahr 2014 betreiben sollte.

#1 Arbeiten Sie transmedial

Och nö, mögen Sie sich jetzt denken – nicht schon wieder so ein buzzword. Transmedia, das klingt erst mal so, als hätte sich jemand gedacht, dass der Begriff „Crossmedia“ jetzt aber wirklich schon ein bisschen arg ausgelutscht und deshalb nicht mehr so richtig verwendbar ist. Und dass es doch bestenfalls eine akademische Diskussion sei, den Unterschied zwischen Trans- und Crossmedia zu definieren (für alle, die es genau wissen wollen: im „Medienwiki“ des Mediencampus Bayern habe ich aufgeschrieben, was genau unter transmedialem Arbeiten zu verstehen ist).

Tatsächlich aber ist der Begriff Transmedia vor allem eines: die Quintessenz dessen, was in den vergangenen Jahren des Medienwandels passiert ist. Die Konsequenz der Digitalisierung sozusagen: Wenn Medien bisher eine gut frequentierte Einbahnstraße waren, in denen wir Journalisten die Fahrtrichtung vorgegeben haben, dann sind sie jetzt ein kaum mehr zu überblickendes Netz, in dem jeder seine sehr eigenen Wege geht und sich vermutlich nicht mehr sehr viel darum schert, was genau Journalisten dazu zu sagen haben. Transmediales Arbeiten bedeutet also (um in der Metapher zu bleiben): Journalisten sind nicht mehr die Wegweiser und Gatekeeper in der Einbahnstraße, sondern Begleiter durch den ganzen Tag. Was (denken Sie sich bitte an dieser Stelle gerne auch einen tiefen Seufzer meinerseits) mit sehr viel Arbeit verbunden ist. Und mit dem stetigen Lernen über neue Kanäle dazu. Transmediales Arbeiten bedeutet ja in der Konsequenz nicht einfach, dass man mit copy&paste Inhalte auf andere Kanäle kopiert oder dass man Facebook und Twitter zu Linkschleudern umbaut. Transemdiales Arbeiten heißt, Geschichten auf verschiedenen Kanälen zu erzählen, die auf diesem einem Kanal alleine überlebensfähig sein können. Man muss das so banal erklären, damit klar wird, warum Links bei Facebook eben nicht transmediales Arbeiten sind. Ein Link ist eben keine alleine überlebensfähige, stabile Geschichte. Er ist nur ein Link.

Transmediales Arbeiten hat, Sie bemerken es vermutlich schon, sehr viel mit Kommunikation zu tun. Wenn man also ernsthaft soziale Netzwerke für sich nutzbar machen will, ist es zuwenig, dort einfach nur vor sich hinzublubbern. Wer nicht kommunizieren will, kann sich den Auftritt dort auch gleich schenken. Zu Ende gedacht heißt das eben aber auch: Man muss erstens die Funktionsweisen und die Eigenheiten von Blogs, Twitter, Facebook, Instagram, Google + und diversen Foren verstehen lernen und verinnerlichen. Und man muss zweitens überall dort mit Menschen reden, sie ernst nehmen, manchmal sogar auch nur einzelne. One-to-one-Kommunikation, wie das auf neudeutsch so schön heißt. Klingt wohlfeil und ist vermutlich sauanstregend. Und viel Arbeit. Und unvermeidlich. Deswegen lautet Ratschlag 2:

#2 Sie müssen reden!

Eines haben Generationen vermutlich ja gemeinsam: Sie erzählen immer den jeweils nachfolgenden Generationen, um wie viel besser früher ungefähr alles gewesen sei. Wir ganz Alten (vulgo: zwischen 40 und 50) schwärmen gerne von den Zeiten, als man noch ausschließlich für ein Medium arbeiten musste und sich nicht mal im Traum Gedanken darüber gemacht hätte, was jetzt die Kollegen anderer Gattungen aus dem Thema machen. Die hinter uns denken seufzend an die Zeiten zurück, in denen man noch neben seinem eigentlichen Kram nur noch ein bisschen was für die Homepage der Redaktion machen musste. Vermutlich wird die Generation der heute 20-30jährigen später mit leuchtenden Augen erzählen, wie schön es war, als man neben diversen multimedialen Ausspielungen und der Homepage nur noch Facebook und Twitter machen musste. Dazu dürften sie auch allen Grund haben, weil sie nebenher noch in diversen Messengerdiensten unterwegs sind und sich parallel in Hangouts und Videochats mit Nutzern über die Aktualisierungen der letzten zwei Stunden auseinandersetzen dürfen.

Mag sein, dass letzteres Szenario überspitzt ist. Aber im Kern geht es darum: Wir müssen reden! Reden dürfte ein ganz essentieller Bestandteil des Journalismus werden. Aber nicht so, wie wir es bisher kennen, nämlich dass wir reden und die anderen zuhören. Reden bedeutet in diesem Fall tatsächlich: möglicherweise Dialog eins zu eins. Das liegt – nüchtern betrachtet – in der Natur der Sache: per se ist das Internet ein dialogisches Medium. Wenn man dort keinen Dialog will, ist man vermutlich schlichtweg falsch aufgehoben. Man müsste also das Berufsbild des Journalisten und seine Ausbildung um einen wesentlichen Punkt ergänzen: Kommunikation. Wenn Journalisten ihren Beruf ernst nehmen, dann sind sie die Moderatoren und Kommunikatoren einer digitalen Gesellschaft. Das ist übrigens ein sehr ehrenwerter Beruf und außerdem eine sehr hübsche Erklärung dafür, wenn man wieder jemand fragt, was wir bei diesem Facebook und diesem Twitter überhaupt verloren haben.

Ach, übrigens, weil wir gerade bei Facebook und Twitter sind: Die meistinstallierte App in Deutschland und die von Jugendlichen in den USA als wichtigste Web-Anwendung bezeichnete Sache ist übrigens nicht mehr Facebook. Es ist „WhatsApp“. Wenn Sie schon dabei sind, sollten Sie sich darüber auch noch ein paar Gedanken machen.

#3: Kaufen Sie sich sofort Smartphones und Tablets!

Ja klar, ich weiß, haben Sie schon lange alles. Nein, noch nicht? Dann aber sofort Abmarsch in den Laden und kaufen. Ob Sie sich für Android oder Apple oder ganz was anderes entscheiden, das ist völlig unbedeutend. Aber auch diejenigen, die schon im Besitz solcher Gerätschaften sind, sollten ab sofort ihre hübschen Gadgets mit anderen Augen sehen. Nämlich als Geräte, die mehr und mehr zum Mittelpunkt des Medien-Universums werden. 2014 wird vermutlich das erste Jahr werden, in dem die Online-Nutzung über mobile Geräte die der stationären PC´s übersteigt. 56 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 19 haben bereits ein Smartphone, Tendenz steigend. Tablets sind gerade dabei, dem guten alten Netbook den Todesstoß zu versetzen – und sogar „richtige“ Notebooks haben mit der Konkurrenz der Tablets zu kämpfen.

Vor allem für den heutigen Nachwuchs und damit den Mediennutzer von morgen gilt eines ganz sicher: Was nicht auf diesen mobilen Geräten stattfindet, existiert nicht. D.h., dass die Zeiten, in denen es bereits als Ausweis einer Strategie galt, eine mobil-optimierte Webseite zu haben, schon wieder vorbei sind. Wie werden Inhalte mobil genutzt, welche Möglichkeiten bieten Apps? All das sollte man wissen, ehe man anfängt, Journalist und Redaktion zu spielen.

Daneben bieten Smartphones und Tablets auch noch einen ganz anderen Aspekt: Sie sind für Journalisten wunderbare Produktionsgeräte und bieten zusätzliche Optionen. Lernaufgabe also für 2014: mit mobilen Geräten für mobile Geräte arbeiten.

#4 Instagram wird das neue Twitter

Wir Journalisten lieben ja Twitter. Das ist durchaus in Ordnung. Man sollte sich nur darüber im Klaren sein, dass Twitter möglicherweise auch so etwas wie eine appgewordene Filterblase für uns Medienschaffende ist. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Twittern Sie ruhig weiter, wenn Sie es schon tun. Wenn Sie es noch nicht tun: Fangen Sie es noch heute an. Trotzdem glaube ich fest daran, dass Instagram der von uns Journalisten bisher am meisten unterschätzte und in seinen Potentialen am wenigsten genutzte Dienst ist. Mit Fotos und Videos und Text mobil arbeiten zu können – das kommt dem, wie man Journalismus 2014 definieren sollte, schon ziemlich nah. Näher jedenfalls als Statusmeldungen auf 140 Zeichen. Eine Minimultimedia-Applikation sozusagen, eine journalistische Quintessenz. Und übrigens: Auch Intagram gehört inzwischen zu den 20 meistinstallierten Apps auf iOS-basierten Smartphones.

#5 Video wird das neue Foto

Instagram kann jetzt also inzwischen auch Video, wenn auch maximal 15 Sekunden (immerhin, neun Sekunden mehr als Vine). Jedes bessere Handy hat inzwischen eine Videofunktion implementiert und digitale Spiegelreflexkameras sind inzwischen ab einer bestimmten Kreisklasse ein veritabler Ersatz für TV-fähige Kameras. Auf YouTube werden täglich hunderte Stunden neues Videomaterial hochgeladen und wer es gerne etwas hochwertiger hat, ist mit Vimeo bestens bedient. Kurzum: Das bewegte Bild ist kein Privileg des Fernsehens, schon lange nicht mehr. Es ist allgegenwärtig und möglicherweise das wichtigste Tool, das Journalisten zur Verfügung haben. Videos können sehr kurze Momentaufnahmen sein (siehe: Instagram und Vine), sie können klassische gebaute journalistische Beiträge sein, sie können als Webvideos zu einer völlig neuen Darstellungsform werden, sie können Bestandteile von multimedialem Storytelling werden. Vor allem aber werden Videos in ihrer Bedeutung über kurz oder lang das, was heute das Foto ist: visuelle Elemente einer journalistischen Berichterstattung, generell unverzichtbar, integriert in alle möglichen Formen von Bericht oder Reportage. Und natürlich: inzwischen auch mobil problemlos nutzbar. Eine journalistische Strategie ohne Video-Komponente, ein Journalist, der sich nicht mit Video auseinandersetzt? Komplett undenkbar.