AZ: Die Rettung, die keine ist

Die Kollegen auf den Medienseiten haben am Dienstag jubiliert: Die ebenso traditionsreiche wie insolvente „Abendzeitung“ in München ist gerettet. Der niederbayerische Verleger Martin Balle („Straubinger Tagblatt“) hat das Blatt übernommen. Allerdings unterliegen die Kollegen einem Trugschluss: Seit Dienstag gibt es keine „Abendzeitung“ mehr. Es gibt nur noch ein Blatt, das so heißt.

Zunächst einmal die Fakten: Balle ist ab sofort Mehrheitseigner, daneben beteiligt sich der Anwalt Dietrich von Boetticher an der Übernahme. Die „Süddeutsche Zeitung“ vermutet, dass Balle nicht mal eine Million Euro für die Traditionszeitung bezahlen musste. Von den knapp 100 Mitarbeitern des Verlags will Balle nach eigener Aussage maximal 25 übernehmen. Nach Tarif werden sie nicht bezahlt werden, auch das hat der Verleger bereits deutlich gemacht. Mit dem zynisch-ehrlichen Hinweis, bei keiner seiner Zeitungen Tarif zu bezahlen. Bei seinen niederbayerischen Blättern begründet er dies gerne damit, dass dort ja auch die Lebenshaltungskosten nicht so hoch seien. Wie man in München mit einem untertariflichen Gehalt überlebt, hat Balle noch nicht erklärt.

Das Blatt soll gedruckt wie online weiterbestehen. Weil das mit 25 Leuten naturgemäß nicht wirklich gut funktionieren kann, will Balle möglichst viel an Material aus seinem „Straubinger Tagblatt“ in der AZ unterbringen. Das „Straubinger Tagblatt“ ist also künftig eine Art „Mantelredaktion“ für die AZ – und da gehen die Schwächen der vermeintlichen Rettung bereits los. Das „Tagblatt“ ist eine extrem konservativ geprägte Heimatzeitung, deren Anspruch alles mögliche ist, nur nicht der, den die AZ mal hatte und den eine Großstadtzeitung generell haben muss. Und man tritt den Kollegen in Straubing auch ganz sicher nicht zu nahe, wenn man sagt: Das“Straubinger Tagblatt“ ist nicht gerade die erste Adresse, die einem einfällt, wenn man von einem journalistischen Profil und dem dazu gehörenden Anspruch spricht.

Davon abgesehen: Es ist ja nicht so, dass die Mantelredaktion in Straubing eine gut geölte Maschine für journalistische Inhalte ist. Politik und Wirtschaft bestehen zum allergrößten Teil aus dpa-Meldungen. Die kann man zwar auch in der AZ weiter verwursteln, aber wie soll ein Boulevard-Blatt aussehen, das aus Agenturmeldungen besteht?  Eigenen journalistischen Output liefern beim Tagblatt (neben den Lokalredaktionen) vor allem die Ressorts Niederbayern/Oberpfalz und der Sport. Für Niederbayern und die Oberpfalz wird sich aber in der Großstadt München ungefähr niemand interessieren, selbst wenn da plötzlich lauter Kisch-Preisträger in der Redaktion versammelt wären.

Der Sport vom „Tagblatt“ ist übrigens gar nicht mal schlecht. Aber seine Kernkompetenz besteht in erster Linie aus Eishockey und den „Straubing Tigers“. Was ja auch naheliegend ist: Der FC Bayern und die Fußball-WM liefern dpa, kein Mensch in Niederbayern kauft auch nur eine Zeitung mehr, weil ein Straubinger Sportredakteur in der Allianz Arena vor Ort ist. Was aber sollen dann die Sport-Kollegen aus Straubing der AZ zuliefern? Gerade der Sport wird in München bei fünf (!) Tageszeitungen vor Ort durch die kleinen Geschichten entschieden, die man nur hat, wenn man täglich präsent ist. Vielleicht sollte sich Verleger Balle mal einen Tag an den Trainingsgeländen vom FC Bayern und dem TSV 1860 gönnen. Und sich dann mal fragen, warum da wohl jeden Tag bei jedem Dreckwetter und selbst bei Nicht-Anlässen Reporter von AZ, tz und Bild München rumlungern. Bei tz und „Bild“ werden sie sich vor Lachen auf die Schenkel klopfen, wenn sie künftig dieses Terrain für sich alleine haben, während in der AZ nette Storys über das Straubinger Eishockey und dpa-Geschichten über den Rest stehen.

Behalten will Balle das Lokale und das Feuilleton. Also, nur das, was man zum Überleben dringend braucht. Was Balle allerdings nicht hat: ein journalistisches Konzept. Eine Idee, was eine AZ der Zukunft ausmachen könnte. Balles Konzept zur Rettung besteht in erster Linie aus: sparen. Die AZ wird aus ihren bisherigen Räumen ausziehen, er druckt das Blatt künftig (in einem kleineren Format) in wesentlich geringerer Auflage selber. Und Arno Makowsky als Chefredakteur wird gehen. Natürlich ist das Reduzieren von Kosten in der jetzigen Situation unabdingbar. Aber wenn es das einzige ist, was Balle zu bieten hat, dann kann man sich das Ende des von Balle vorläufig auf ein Jahr begrenzten Experiments schon jetzt vorstellen. Wer übrigens sehen will, wie eine Zeitung aussieht, deren wesentliches Credo es ist, möglichst billig hergestellt zu werden: Nach einem Probeabo des „Straubinger Tagblatts“ wissen Sie es.

Natürlich hat Balle erzählt, was aus seiner Sicht inhaltlich mit der AZ passieren soll. Eine Art familien- und heimatfreundliches Boulevardblatt soll daraus werden, stellt er sich vor. Da würde man ihm wünschen, sich vorher mit dem Publikum in München auseinandergesetzt zu haben. Natürlich ist familienfreundlich immer toll, aber ob das ausgerechnet in Deutschlands Single-Hauptstadt eine wirklich probate Idee ist? Und heimatfreundlich? Für seine niederbayerischen Blätter hat Balle schon des öfteren postuliert, es sei nicht ihre journalistische Aufgabe, ständig jemandem weh zu tun. Mag sein, dass das in Niederbayern so ist. Aber erstens ist München München und zweitens war die AZ immer dann gut, wenn sie gegen den Strom geschwommen ist. Oder anders, verlegerfreundlicher formuliert:  wenn sie mal jemandem wehgetan hat. Insbesondere denen, denen das tiefschwarze „Tagblatt“ ausgesprochen ungern wehtut und es deshalb auch nie tut.

Dazu kommen Voraussetzungen, für die Balle nichts kann. Aber die er kennen müsste, wenn er sich auf den Münchner Markt traut. In München tummeln sich fünf Tageszeitungen, davon drei Boulevardblätter. Das alleine ist schon ein brutaler Wettkampf. Die AZ wird weiterhin diejenige bleiben, die die wenigsten Synergien mit anderen aufweisen kann. Vor allem auf dem Boulevardmarkt. Die tz profitiert von ihrer Stellung innerhalb des Verbundes der Ippen-Blätter und die Bild ist die Bild. Balle schafft jetzt tatsächlich ein paar Synergien. Aber er hat eben nur das „Straubinger Tagblatt“, die anderen gehören zu Deutschlands Verlagsriesen.

Und schließlich noch das: Die Abendzeitung hatte in den letzten Jahren einen ordentlich funktionierenden Online-Auftritt aufgebaut. Einen, der für ein lokales Angebot gute Abrufzahlen aufwies. Nicht umsonst dürften die anderen bisherigen Bieter für die AZ, insbesondere die SZ und die Ippen-Gruppe, ihre Angebote ausschließlich auf die Online-Ausgabe bezogen haben. Balle selbst hat es mit dem Internet nicht so sehr, weder persönlich noch strategisch. Und es dürfte kein Zufall sein, dass Balle seine Übernahme der AZ vor allem damit begründet, dass er an Print glaubt und ein entsprechendes Zeichen setzen wolle. Von Online war keine Rede.

Nein, diese Rettung der AZ ist keine. Sie hat nur ihr langsames Sterben verzögert.