Immer schön langsam!

Die „Süddeutsche“ will sich auf weniger, aber dafür gehaltvollere Debatten im Netz konzentrieren. Klingt erst einmal paradox – wäre aber eine Tendenz, die dem Onlinejournalismus generell nicht schaden würde.

Möglicherweise also werden wir irgendwann in absehbarer Zukunft alle nach Erfolg bezahlt. Nach Reichweite. Nach Aktivitäten in sozialen Netzwerken und der Resonanz, die wir mit unseren Beiträgen irgendwo erzielen. In den USA ist das  schon gar kein so ungewöhnliches Modell mehr – und glaubt man diesem Beitrag hier, dann wird sich die Bezahlung nach Erfolg auch bei uns durchsetzen: Traffic verändert den Journalismus. Je mehr, je besser. Je schneller, je schöner.

Ist das so?

In dem an vielen Stellen leider eher langweiligen Roman „Circle“ wird immer wieder beschrieben, wie der Alltag im digitalen Overkill aussieht: Man ist gefangen in einer Spirale von ewiger und weitgehend nutzloser Kommunikation. In Inhalten, die nurmehr quantitativ gemessen werden, über deren Bedeutung aber damit noch lange nichts gesagt ist. Und tatsächlich ist das ja auch nicht ganz falsch. Man kann schon heute den ganzen Tag im (sozialen) Netz verbringen, ohne auch nur eine einzige Sache von Belang gesehen zu haben. Man kann auch den ganzen Tag Journalismus konsumieren, ohne auch nur das Geringste zu begreifen. Je mehr es also gibt und je schneller der Journalismus im Netz wird, desto mehr kommt es auch auf etwas an, was früher (paradox genug) Journalisten für ihre Nutzer erledigt haben: Selektion. Man kann nicht alles konsumieren und man sollte es auch erst gar nicht probieren.

Es ist auf den ersten Blick verlockend, wenn man Journalisten nach ihrer Resonanz, nach ihrem vermeintlichen „Erfolg“ bezahlen will. Gerade die ausschließlich auf Masse fixierten Zählweisen im Netz tragen dazu bei.  Die entscheidende Messgröße ist immer noch der einzelne Klick, auch wenn der über „Erfolg“ ungefähr gar nichts aussagt. Das sehe ich ja an meinem eigenen Blog: Ist ein Beitrag irgendwo prominent verlinkt, geht die Besucherzahl sprunghaft nach oben. Schaue ich mir aber dann speziell an solchen Tagen die Verweildauer an, dann ist das nachgerade paradox: Je höher meine Klickzahlen sind, desto mehr sinkt die Verweildauer. Was mit ein bisschen gesundem Menschenverstand nachvollziehbar ist: Man entdeckt irgendwo einen Link, der interessant aussieht, klickt darauf, liest oder sieht sich kurz mal rein – und ist dann aber ggf. auch schnell wieder weg. Medienkonsum im Netz, das ist so ein bisschen wie eine überdimensionierte Weinprobe: Man kann überall mal reinschmecken.

Ist es dann aber nicht paradox, wenn man versucht, die Flüchtigkeit im Netz durch noch mehr Flüchtigkeit zum Geschäftsmodell machen zu wollen? Würde man Journalisten tatsächlich nach solch vordergründigen Kriterien wie beschrieben bezahlen, man kann sich leicht ausmalen, wie der Journalismus bald aussähe: Heftig (kurz nachdenken bitte – und ja, das war ein Wortspiel!) Er würde noch mehr Teaser-Charakter bekommen, noch mehr Scheinanreize setzen, er würde nicht einfach nur SEO-optimiert, sondern zum Versuch, Aufmerksamkeit um nahezu jeden Preis zu bekommen.

Im Online-Journalismus müsste deshalb  eine Entwicklung einsetzen, die auf den ersten Blick paradox erscheint:  Weniger ist mehr. Weg von den atemlos dahingehechelten Eilmeldungen, weg vom zum Scheitern verurteilten Versuch, alle erdenklichen Kanäle irgendwie zuzuschütten. Diesen Kampf, falls er denn je einer war, hat der Journalismus, den man ernstnehmen will, verloren. Gegen die Heftigs und Buzzfeeds dieser Welt. Die sind da, die werden bleiben und das ist auch ok so.

Aber wirklicher Journalismus? Selektiv, ausgeruht, entspannt, so würde man ihn sich wünschen. Reduce to the max, dazu kann es sogar gehören, dass man nicht mehr überall teilweise sinnbefreite Debatten zulässt, wie es „süddeutsche.de“ gerade vorexerziert. Oder anders gesagt: Tempo ist kein Wert an sich, Masse auch nicht. Wenn Journalismus seinen Wert behalten will, dann wird er wieder langsamer und weniger hektisch. Dass ausgerechnet das rasend schnelle und gigantisch dimensionierte Netz dazu beitragen könnte, mag man als paradox bewerten. Die schlechteste Entwicklung wäre es dennoch nicht.

Echtzeit-Nichts

Es sind gerade goldene Zeiten für Nachrichten-Journalisten. Und für Menschen, die sich selbst als News-Junkies bezeichnen, obwohl dieser Begriff alleine schon verräterisch ist. In Asien sucht man nach einem mysteriös verschwundenen Flugzeug, in der Ukraine eine Lösung für einen schwelenden Konflikt und in München nach ein paar verschwundenen Steuermillionen und einem Urteil über Uli Hoeneß.

Und natürlich ist das wieder die hohe Zeit für Newsticker und Live-Blogs, für Tweets und alles andere, was inzwischen unter dem schönen Begriff „Echtzeit-Journalismus“ zusammengefasst wird. Das Dumme daran ist nur: An diesem Begriff stimmt nur der erste Teil. Mit Journalismus und mit Information haben die Fetzen, die man den ganzen Tag auf den großen deutschen Nachrichtenseiten so hingeworfen bekommt, nicht mehr sehr viel zu tun. Um genauer zu sein: eigentlich nichts.

Das wäre womöglich gar nicht so schlimm, wenn es nicht genau diese Online-Medien wären, die damit eine andere, zunehmend unschönere Seite im Netz befördern: die Neigung zu (vor)schnellem Urteil, ohne irgendetwas wirklich zu wissen, geschweige denn, es beurteilen zu können. Der fatale Hang zu dem, was inzwischen im allgemeinen Sprachgebrauch beschönigend Shitstorm genannt wird. Dabei handelt es sich dabei in den meisten Fällen nicht mehr um ernsthafte Debatten, sondern um das, was der Begriff impliziert.

Was soll auch rauskommen außer Shitstorms und vorschnelle Urteile, wenn beispielsweise „Spiegel Online“ die User dazu auffordert, etwas zu tun, was noch nicht mal ein Gericht kann? Nach eineinhalb Prozesstagen nämlich stellt „Spiegel Online“ ein Voting zur Debatte, das mit Journalismus nichts und stattdessen sehr viel mit wildem Spekulieren ohne jegliche Grundlage zu tun hat:

spon ticker

Gute Frage – an alle Küchenpsychologen und Schlaumeier, von denen sich zum Stand dieses Screenshots  8398 sicher waren: Logisch, Hoeneß wollte alles nur verschleiern. Wenn vox populi dann abgestimmt hat und angesichts der suggerierten simplen Lösungen auch nur simple Antworten rauskommen können, ist die Basis gelegt für den nächsten Shitstorm, für die nächste Empörungswelle, die in den unendlichen digitalen Weiten exakt so lange anhält, bis der nächste Aufreger kommt. Mit ein bisschen Glück also: ein paar Stunden.

Auf welcher Grundlage man diese komplexe Frage nach den Hoeneß-Motiven beantworten soll, erklärt „Spiegel Online“ dann mal lieber nicht. Es ist ja auch „mühselig“, all diesen schwierigen Details zu folgen. Und mal ehrlich, soll man sich jetzt wirklich durch 70.000 Seiten Material arbeiten, die eine Schweizer Bank zur Verfügung gestellt hat, wenn es doch auch viel einfacher geht und wenn man mit einem Voting schneller zu einem Urteil kommen kann? Da ist es  wesentlich amüsanter, wenn man unmittelbar nach der Feststellung, wie mühselig das alles ist, einen Tweet zitieren kann, wonach ein Zuschauer Ärger mit der Polizei bekommen hat und vermutlich seinen Ausweis abgeben muss.

spon ticker 2

Ansonsten lässt sich das, was dort (und nicht nur dort) getickert und gebloggt wird, mit einem Satz zusammenfassen: Nichts genaues weiß man nicht. Wie auch, wenn der Prozess eineinhalb Tage alt ist, ständig neue Informationen und Sachverhalte auftauchen und man auch als Laie schon seit dem ersten Tag ahnt, dass es mit den ursprünglich angesetzten vier Prozesstagen wohl nicht getan sein wird? Wie auch, wenn wir plötzlich über das rund Sechsfache der ursprünglich zu verhandelnden Betrags reden und über eine ganze Menge zusätzlicher Sachverhalte zudem? Das aber ist in der Systematik des Echtzeit-Journalismus nicht vorgesehen, weswegen der Ticker irgendwann mal beginnt, windelweich zu werden. Auszüge gefällig?

 

  • Es wird vermutlich nicht zu einer Urteilsverkündung am Donnerstag kommen.
  •  Es sei durchaus davon auszugehen, dass weitere Termine erforderlich sein werden.
  • Rupert Stadler, Audi-Chef und Stellvertreter von Hoeneß im Bayern-Aufsichtsrat, will sich weiterhin nicht zuZukunft von Hoeneß äußern.
  • Dass die kürzlich von Hoeneß überreichten Daten schon mehr als ein Jahr alt sind, war offenbar nicht ohne weiteres ersichtlich.

(Fettungen von mir)

Merken Sie was? Vermutlich muss man davon ausgehen, dass sich jemand offenbar zur Zukunft nicht äußern will. Das ist die gefühlte Quintessenz des sogenannten Echtzeit-Journalismus von heute nachmittag. Nichts genaues wissen, aber das sehr wortreich in rasanter Taktung weitergeben und als Interaktions-Attrappe die User fragen: Und, was sagt ihr dazu?

Nein, ich bin kein Kultur-Pessimist. Trotzdem glaube ich, dass eine solche Form des „Journalismus“ Menschen weder besser an den Geschehnissen beteiligt, noch dass dadurch irgendjemand klüger wird. Im Gegenteil, das ist eine Form von gefährlicher Information: Irgendjemand, der heute den ganzen Tag an diesem Ticker hing, ging mit Sicherheit mit dem Gefühl nach Hause, jetzt mehr zu wissen als heute vormittag. Dabei weiß er nach einem solchen Rumgetickere nichts, außer, dass heute der Hoeneß-Prozesss fortgesetzt wurde.

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Man mag diese eigenartige Form von „Information“ für ein Phänomen des Echtzeit-Journalismus halten. Tatsächlich sind diese bemühten Ticker und Liveblogs nichts anderes als die Quintessenz des (verkehrten) Wegs, auf den sich der Online-Journalismus in Deutschland begeben hat. Ein Weg, der hauptsächlich und immer noch wie seit vielen Jahren auf die vermeintlichen Stärken des Netzes setzt. Auf die Schnelligkeit, auf die Möglichkeit, vor jedem und allem anderen irgendwas zu melden. Ich fürchte, in vielen Redaktionen geht man immer noch davon aus, dass Nutzer im Netz nicht in der Lage und nicht willens sind, sich auf längere, erklärende und anspruchsvolle Stücke einzulassen. Das würde zwar diametral dem Erfolg beispielsweise von dem generell immer sehr ausgeruhten „Zeit Online“ widersprechen, aber offensichtlich ist das common sense bei vielen großen Nachrichtenseiten: Hauptsache schnell, erklären kann man dann ja immer noch genug. Dabei begibt man sich lediglich in ein nicht zu gewinnendes Rattenrennen, in dem die Klickzahlen zählen und eine Marke wie der „Spiegel“ sich sukzessive selbst ruiniert (bei „Focus Online“, wo heute zweitweise drei Ticker gleichzeitig liefen, existiert wenigstens kein Name mehr, den man noch ruinieren könnte).

Mich erstaunt immer wieder diese Mutlosigkeit gerade in digitalen Redaktionen. Diese Mutlosigkeit, mit der darauf verwiesen wird, dass der User es so wolle und dass man sich als potentieller Kostenverursacher auch irgendwie rechtfertigen bzw. finanzieren müsse. Das mag vordergründig nachvollziehbar sein, aber diese Argumentation führt in die Sackgasse. Weil inzwischen deutsche Nachrichtenseiten ziemlich oft klassische me-too-Angebote sind, die weitgehend das Gleiche machen und um dieselbe Klientel buhlen. Dabei gibt es einen Markt für anspruchsvollen, ordentlichen Online-Journalismus. Den machen dann dummerweise immer nur die, auf die wir dann auf irgendwelchen Panels verweisen, weil sie so vorbildlich sind.

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Letzter Gedanke am Rande noch: Beim „Tagesanzeiger“ in Zürich habe ich heute dieses Stück über Nordkorea gefunden. Kann mir jemand aus dem Stand drei deutsche Redaktionen nennen, die es in dieser Form und in diesem Umfang und derart prominent platziert ebenfalls gebracht hätten?

Wie „Spiegel Online“ die Kanzlerin mal Geschichte schreiben ließ

Eigentlich wollte ich hier nur einen Screenshot posten. Und ein paar spöttische Anmerkungen. Bis mir dann beim Posten und beim Spötteln noch ein paar andere Sachen durch den Kopf gegangen sind. Beispielsweise, dass sich (Online-)Journalismus irgendwann mal selbst erledigt, wenn er sich in einem Stadium der Daueraufgeregtheit von einer Banalität zur anderen hangelt. Dass er sich dann erledigt, wenn er zwar permanente Aktualität und Betriebsamkeit vortäuscht, sich aber dahinter ungefähr nichts Substanzielles verbirgt. Dass er sich in ein Rattenrennen um die vermeintlich aktuellste Berichterstattung begibt, das er nicht gewinnen kann. Und dass man in einem solchen Nachrichtenkäfig wirklich nicht Journalist sein möchte. Wie muss man sich das eigentlich vorstellen? Der CvD springt auf und scheucht seine Truppe durch die Gegend, dass sie sofort alles stehen und liegen lassen soll, um der Welt das folgende mitzuteilen:

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Vermutlich wird das schlagende Argument der SPON-Truppe sein:  Wir sind erfolgreich so wie wir sind. Sehr erfolgreich sogar. Das mag auch alles sein, aber für mich selbst (und das ist jetzt ganz persönlich und weder wissenschaftlich noch argumentativ belegbar) stelle ich mehr und mehr fest, mich aus diesem Dauer-Newsstream im Netz zunehmend rauszunehmen. Man erfährt vieles und man weiß nichts. Das hat nicht mal mehr mit der schieren Menge zu tun, die im Netz auf mich zukommt. Sondern mit der schieren Menge an Belanglosigkeiten. An Irrelevanz. An Kram, den ich weder einordnen kann noch einordnen will, weil es schlichtweg völlig egal ist, ob die Kanzlerin im Sitzen spricht oder im Stehen. Von mir aus kann sie auch einen Kopfstand machen, das wäre dann beinahe schon wieder lustig. Aber insgesamt ist mir meine Zeit zu schade, als dass ich sie mit einer riesigen Heißluftblase verbringe, die sich „Newsstream“ nennt.

Man könnte das aber auch anders sehen. Kürzer, knapper. Man könnte einfach von einem Versagen des Journalismus sprechen.

Jugendsender, Facebook-Seiten und andere Innovations-Attrappen

Manchmal sind es ja die ganz simplen Anlässe, die dann zu längeren Überlegungen führen. Beispielsweise das automatisierte Abbuchen des Rundfunkbeitrags, bei dem man für ein Quartal mal eben gute 50 Euro los wird. Der Gedanke ist zwar weder neu noch originell, drängte sich aber auf: Für was eigentlich? Das öffentlich-rechtliche System würde mir jetzt antworten: Für über 60 Hörfunkwellen, für ARD und ZDF und die Dritten und den Deutschlandfunk und für jede Menge herausragender journalistischer Qualität (und aus Transparenzgründen der Hinweis: auch für mich selbst, ich bin auch schon von Gebührengeldern bezahlt worden). Selbst wenn ich dem uneingeschränkt zustimmen würde, was ich keineswegs tue, dann würde ich mir denken: stimmt, und für Rundfunkorchester, Fernsehballette, unfassbar riesige und intransparente Verwaltungskosten, für Apparatefernsehen, für den Einfluss des deutschen Bauernverbands, der FDP und des Straubinger Zeitungsverlegers auf den Chefredakteursposten des ZDF und für vieles andere auch, wofür ich über 200 Euro im Jahr eher ungern ausgebe.

Man könnte jetzt also eine umfangreiche Debatte über Sinn und Unsinn des öffentlich-rechtlichen Rundfunks führen, wenn man das denn wollte. Man könnte es allerdings auch so sehen: Die Öffentlich-Rechtlichen stehen exemplarisch für das, was in den „alten“ Medienlandschaft passiert. Oder besser gesagt: nicht passiert. Man könnte es auch so formulieren: Wir „alten“ Medienmacher kommen immer erst da an, wo wir den Konsumentennachwuchs vermuten, wenn der schon lange wieder ganz woanders ist. Das Beispiel Facebook ist da nur eines von vielen.  Während sich bei uns Facebook gerade mal als Standard für Social-Media-Anwendungen zu etablieren beginnt, zieht die Karawane junger Mediennutzer schon lange weiter. Möglicherweise werden wir in dem Moment, in dem dann auch mal der mediale Mainstream Facebook als Selbstverständlichkeit ansieht, schon lange nicht mehr über Facebook reden, weil es dann so hip ist wie StudiVZ.

Es geht also schon lange nicht mehr um das, was wir lange Zeit glaubten: dass wir einfach ebenfalls ins Netz übersiedeln müssten, der Rest ergebe sich dann schon. Dass man einfach nur das, was man vorher in der heilen analogen Welt gemacht hat in diesem Internet fortführen müsse und dann ist wieder alles wie vorher. Tatsächlich aber hat die digitale Generation nicht einfach nur den Kanal gewechselt — sondern auch gleich noch einen beträchtlichen Teil der bisher bekannten Nutzungsweisen mal eben über Bord geworfen.

Das ist noch nicht überall angekommen, noch lange nicht. Mein Lieblingsbeispiel (deshalb auch das Intro mit den öffentlich-rechtlichen Sendern): der geplante Jugendkanal von ARD und ZDF, der vermutlich eh schon wieder tot ist, weil den Ministerpräsidenten der Länder berechtigte Zweifel gekommen sind, ob das in dieser Form eine geeignete Art ist, dem Totalverlust an jungen Zuschauern entgegen zu wirken. Zur Erinnerung: Die Zuschauer des öffentlich-rechtlichen Fernsehens  sind im Durchschnitt nochmal ein Jahrzehnt älter als ich, was schon schwer vorstellbar ist. Sie sind irgendwo in den Sechzigern angesiedelt und selbst das Satiremagazin „Quer“ im Bayerischen Fernsehen schafft es als das „jüngste“ Format des BR gerade mal auf einen Altersdurchschnitt von 58. Das ist, bei allem Respekt vor uns Älteren, keine sehr verlockende Perspektive. Und eine tragfähige für die Zukunft ohnehin nicht.

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Das Interessante an der aktuellen Situation ist also: Da verändert sich gerade mal eben die ganze Medienwelt überaus dramatisch – und wir reden immer noch darüber, dass man die analogen Medien dann halt einfach mal ins Netz holt und ein bisschen Social Media drumrum drapiert und dann ist alles wieder gut. Man müsste also (wenn er denn jemals kommt) befürchten, dass ein Jugendkanal von ARD und ZDF so aussieht, wie jüngere Menschen aus der Sicht älterer Menschen gerne fernsehen würden. Man hat vor Augen, wie irgendjemand Meldungen aus diesem Twitter vorliest und wie man eine eigene Facebook-Seite entwickelt und womöglich ab und an auch noch Leute ins Studio eingeladen werden. Oder womöglich sogar per Google Hangout dazu geschaltet werden. Aber alles in allem wäre es eben immer noch Fernsehen, so wie wir es kennen.

Aber es ist ja nicht so, dass nur die öffentlich-rechtlichen nicht so recht wissen, wie sie diesem Internet begegnen sollen. Generell lässt sich feststellen: Auch im 20. Jahr dieses Internets gibt es immer noch einen gravierenden Denkfehler: zu glauben,  es reiche aus, dass man analoge Medien einfach auf digitalen Plattformen ausspielt. Nichts anderes aber passiert momentan an vielen Stellen:  TV-Sender (da sind sich private und öffentlich-rechtliche erstaunlich ähnlich) stellen ihre gesendeten Inhalte auch in Mediatheken zur Verfügung und ab und an gibt es auch mal ein paar Outtakes oder anderes Bonusmaterial dazu. Zeitungen und Zeitschriften packen ihre gedruckten Produkte in mehr oder weniger solide gemachte Apps und bauen mehr oder weniger solide Webseiten. Gemeinsam diskutieren sie dann darüber, wer im Netz der Zukunft „Presse“ und wer „Rundfunk“ sein darf, ganz so, als hätten sie es in der Hand, das Netz nach Claims aufzuteilen. Die etwas fortschrittlicheren haben Social-Media-Strategien, andere dann wieder eher nicht. Dass aber mittlerweile ein junges Publikum diesen Plattformen schon wieder gar nicht mehr viel abgewinnen kann, ist noch nicht angekommen.

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Vielleicht muss man deshalb mal mit ein paar Zahlen hantieren: Bei den auf iOS installierten Apps hat mittlerweile „WhatsApp“ „Facebook“ als Nummer eins abgelöst, der Rückzug vom ganz großen Publikum hin zu offenbar kleineren Gruppen und damit auch zu weiter fragmentierten Märkten ist unübersehbar. Bei der Nutzung von Bewegtbild spielt das Webvideo bei diesem Publikum eine ungleich größere Rolle als das lineare Programm, der gebaute TV-Beitrag ist für diese Zielgruppe bestenfalls noch ein Relikt aus vergangenen Tagen. Natürlich verweisen TV-Sender in einem solchen Zusammenhang gerne auf ihre Reichweite und Nutzungsdauern, die in der Tat zumindest in Deutschland noch so sind, dass man nicht gerade von einer schweren Krise sprechen müsste. Aber bereits in den USA sieht das mittlerweile schon ganz anders aus – man könnte es durchaus als drohendes Unheil bezeichnen, was der „Business Insider“ beschreibt. Zusammengefasst: In den USA verabschiedet man sich inzwischen eindeutig vom klassischen, linearen TV.

Über die Auflagenentwicklung der Tageszeitungen in Deutschland muss man in diesem Zusammenhang nicht mehr sehr viel sagen. Wohin die Reise geht, ist offensichtlich. Man kann bestenfalls darüber diskutieren, wie schnell und linear es mit dem Auflagenrückgang weiter gehen wird. Dass es schon lange da ist und nicht mehr aufzuhalten sein wird, bestreiten mittlerweile nicht mal mehr die, die jeden, der so etwas vor ein paar Jahren prophezeite, wahlweise als Schwarzseher, Printhasser oder schlichtweg Luftnummer bezeichneten.

Umgekehrt: Die Bedeutung des Netzes als Informationsquelle Nummer 1, als das neue Supermedium schlechthin, geht ungebremst weiter. Inzwischen stimmen beinahe zwei Drittel der 14-29jährigen der Aussage zu, dass das Netz für sie das wichtigste Informationsmedium sei. Und selbst bei den bis 39jährigen sagt das beinahe die Hälfte der Befragten von sich.

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Kurzum: Die allermeisten Debatten, die heute noch in Sendern und Verlagen geführt werden, gehen an der eigentlichen Problematik vorbei. Weil sie das wahre Ausmaß dessen, was gerade am Markt passiert, immer noch unterschätzen. Weil sie mit einem ein bisschen aufgepeppten Jugendsender und ein paar Webseiten und krampfhaft bemühten Facebook-Auftritten etwas kompensieren wollen, was gar nicht mehr zu kompensieren: den Abriss zu einer ganzen Generation.  Auch die Tatsache, dass ein Wechsel des Trägermediums nicht zwingend auch den Abkehr von einer Medienmarke bedeuten muss, greift in diesem Fall nicht.  Weil Medienmarken wie die ARD, das ZDF oder diverse Zeitungstitel diese Generationen gar nicht mehr erreichen. Weil sie für diese Generation häufig gar nicht mehr relevant sind, weil sie sich irgendwo da aufhalten, wo der Medienkonsumenten-Nachwuchs noch nie war. Oder sich zumindest nie heimisch gefühlt hat.

Bisher also war das in den Köpfen der meisten Strategen so: Man hat sein Muttermedium, das man mit etwas Internet drapiert. Immer in der Hoffnung, dass das Publikum aus dem Netz wieder zurück kommt zur guten alten Mutter TV/Zeitung. Das ist die grundlegend falsche Denkweise. Ein Medium funktioniert heute nur noch, wenn es als stringentes Ganzes wahrgenommen wird, das auf allen Kanälen gleichermaßen glaubhaft, kompetent, unterhaltsam daher kommt. Jugendsender und Facebook-Auftritte sind so, wie sie momentan von den meisten gehandhabt werden, Innovations-Attrappen.

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Und eines noch zum Schluss: Wenn man sich ein bisschen umhört in den Verlagen und den Sendern im Jahr 2013, dann bekommt man unter der Hand gerne mal gesagt, den Wandel sei dann doch sehr viel schneller gegangen als erwartet. Kleiner Tipp für 2014: Das Karussell wird sich noch schneller drehen. Und wenn ihr so weiter macht, bleiben ganz sicher nicht alle oben.

Die HuffPo, das journalistische Soufflee

Jetzt muss ich, entgegen meines eisernen Vorsatzes, doch noch mal zwei Sätze zur „Huffington Post“ loswerden: Inzwischen sind die ersten Jubelmeldungen aus dem Hause Burda rausgegangen (was nicht anders zu erwarten war). Demnach bringt es die HuffPo auf hochgerechnet rund 6 Millionen Visits, was für ein neues Angebot ein ziemlich gutes Ergebnis wäre.

Wenn man sich die Zahlen dann aber genauer ansieht, dann kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass die Zahlen in etwa so sind wie das Angebot: etwas aufgeblasen und bei genauerem Hinsehen eher ernüchternd. Besucher über Suchmaschinen-Traffic: gut 4 Prozent. Aus sozialen Netzwerken: rund 6 Prozent. Direktes Ansteuern der Webseite über den Browser: rund 15 Prozent.

Und jetzt kommt´s: Fast zwei Drittel des Verkehrs der HuffPo generieren sich die beiden glücklichen Eltern selber – rund 66 Prozent des Traffics kommen nämlich von „Focus Online“ oder „AOL“. Das kann man natürlich machen, zeigt aber auch, wie schwachbrüstig das Angebot außerhalb des eigenen Mikrokosmos ist. Und wenn man dann noch angesichts des enormen Anfangs-Ballyhoos die Zahlen auf rund 2 Millionen Besucher runterrechnet, die nicht von Focus oder AOL kommen, dann ist man auf dem Level einer kleinen Regionalzeitung.

Oder anders, böser gesagt: Es besteht noch Hoffnung, dass man nur mit heißer Luft dann doch nicht zwingend erfolgreich ist.

Lebt eigentlich die HuffPo noch – und wenn ja, warum?

Das Beste, was einem Projekt passieren kann, ist Aufmerksamkeit. Im umgekehrten Fall bedeutet das: Wenn keiner mehr darüber redet, dann ist das der GAU. Im Fall der Huffington Post Deutschland nähert sich dieser GAU allmählich, weil kaum mehr einer darüber redet, außer dieses kleine Blog und ein paar andere noch.

Tatsächlich liefert die HuffPo nur noch sehr, sehr wenig Anlass, sich über sie ernsthaft zu unterhalten. Die Substanzlosigkeit, das Fehlen jeglichen Esprits und einer Haltung, die etwas anderes ist als ein bemühtes „Wir sind neu und anders“, das alles, was man zu Beginn bemängeln konnte, hat sich nicht wirklich geändert. Weswegen sich ein alter Verdacht neu aufdrängt: Irgendwie wollten sie bei Burda mit wenig finanziellem Aufwand eine Menge Geld verdienen, dafür spricht u.a. der hehre Anspruch, in den kommenden Jahren zu den Top 5 der deutschen Webseiten zu gehören. Das schafft man normalerweise nicht mit einer 15-Mann-Redaktion und auch nicht mit einem ziemlich dahingeschlamperten Nicht-Konzept.

Bis heute hat es die HuffPo nicht geschafft, einen ihrer grundlegenden Irrtümer zu korrigieren: Nur, weil die Pressesprecher von halbwegs bekannten Menschen mediokre Allerweltstexte zur Verfügung stellen und man das dann halbwegs marktschreierisch als „Blogger“ firmieren lässt, entsteht noch keine Relevanz. Dass es sich bei diesen vermeintlichen „Bloggern“ sehr häufig um eine PR-geleitete Mogelpackung handelt, bemerkt man selbst dann sehr schnell, wenn man sich nicht beruflich mit Medien und Journalismus auseinander setzt. Dass sich von den Größen der deutschen Bloggosphäre kaum jemand fand, der für die HuffPo schreibt, sagt einiges über das Projekt aus. Dass sich die Klagen derjenigen, die sich breitschlagen ließen, allmählich häufen, übrigens auch.

In den USA gründete sich ein beträchtlicher Teil des HuffPo-Erfolgs darauf, dass sie sich als linksliberale Gegenstimme zum erzkonservativen Fox-Imperium etablierte. In Deutschland will die HuffPo zwar auch irgendwie anders sein, ist aber bisher nur laut und seelenlos. Und will wirklich irgendjemand Cherno Jobatey abnehmen, dass er sich plötzlich zum Gesicht einer digitalen Mediengesellschaft fernab der großen Konzerne aufschwingt? Und selbst wenn er es täte – nähme irgendjemand Burda bzw. Tomorrow Focus ab, dass man das dort wirklich wollte?

So bleibt die HuffPo der merkwürdige Versuch eines medialen Establishments, sich einen irgendwie innovativen und revolutionären Anstrich zu geben. Herausgekommen ist ein Angebot, das niemand so wirklich braucht – und über das deshalb niemand so richtig mehr redet.

Einen heißen Kandidaten für die Rubrik „Flop des Jahres“ im Jahr 2013 gibt es damit jetzt jedenfalls. Ist ja auch schon mal was wert.

Scheinriese Twitter

Vielleicht ist es einfach mal an der Zeit, sich ein paar Dinge einzugestehen. Beispielsweise, dass wir in unserer digitalen Journalistenblase gerne mal über Dinge reden, die bei genauerer Betrachtung Scheinriesen sind. Twitter beispielsweise, das ist so ein kleiner, böser Scheinriese. Einer, der uns von weitem betrachtet erst mal enorm groß und bedeutend vorkommt, der aber immer mehr zusammenschrumpft, wenn er näher kommt.

Das wäre erst mal gar nicht schlimm. Die Größe einer Sache falsch einzuschätzen, das passiert täglich irgendwo, in irgendeiner beliebigen Branche auf der Welt. Schwierig wird es erst dann, wenn man beginnt, die Dinge verzerrt wahrzunehmen. Speziell bei Twitter und seiner schnellen Daueraufgeregtheit ist mir das schon ein paar mal aufgefallen (und mehr oder weniger sauer aufgestoßen). Ich erinnere mich an die Nominierung von Gauck zum Bundespräsidenten, bei der ich in meiner Timeline innerhalb kürzester Zeit das Gefühl hatte, demnächst würde sich Deutschland zu neuen Montagsdemos erheben. Ich erinnere mich an den Piratenhype, bei dem man innerhalb der letzten 18 Monate bei Twitter den Eindruck bekommen konnte,die Frage sei nur noch, ob die Piraten die absolute Mehrheit erreichen oder vielleicht doch nochmal einen Koalitionspartner brauchen. Und nach der Wahl am Sonntag musste man davon ausgehen, dass es sich bei dem Ergebnis nur um das Ergebnis eines Staatsstreichs handeln konnte. In meiner Timeline habe ich jedenfalls keinen bekennenden Unionswähler gefunden.

Trotzdem hat es Twitter zu einer verblüffenden Bedeutung gebracht. Kaum eine politische Sendung mehr, bei der es nicht zum guten Ton gehört, irgendjemanden Tweets vorlesen zu lassen. „Was sagen die Menschen bei Twitter“ ist eine gerne suggerierte Frage, dabei ist diese Fragestellung schon falsch: „Die Menschen“ – falls es so etwas gibt – befinden sich gemessen an den Einschaltzahlen einer durchschnittlichen TV-Sendung in einem größeren Kanal höchstens zu einem Bruchteil bei Twitter. Meinungsfreudig und sehr aktiv womöglich, aber eben nur ein Bruchteil.

Nicht einmal das wäre zu kritisieren, müsste man nicht davon ausgehen, bei Twitter eine sehr spezielle Klientel zu finden, die sich zu einem beträchtlichen Teil aus Menschen speist, die irgendwas mit Medien zu tun habe und sich selbst – gelernt ist gelernt – zu einer Art Überrelevanz hochschaukeln. Anders gesagt: Twitter ist wichtig, weil wir wichtig sind, gerne wichtiger wären und gerne hätten, dass sich unsere Wichtigkeit irgendwo entsprechend widerspiegelt. Eines dagegen ist Twitter sich nicht: ein halbwegs repräsentativer Querschnitt durch irgendwas, es sei denn, man nimmt unsere digitale Medienblase als repräsentativ für irgendwas.

Was Journalisten mit Twitter anfangen können from Christian Jakubetz on Vimeo.

Was aber ist Twitter dann? Und was kann man mit Twitter als Journalist anfangen, außer sich selbst in Szene zu setzen und der geneigten Followerschaft jeden Tag die eigene Grandiosität auf 140 Zeichen mitzuteilen (nebenbei bemerkt: Twitter ist vermutlich das narzissmusfördernste Instrument seit Menschengedenken). Mit Frederik Fischer, CEO der Twitter-Suchmaschine „Tame“, habe ich mich darüber unterhalten. Das Ergebnis gibt´s im Video – und mehr über „Tame“ hier.

Und als kleine satirische Erinnerung daran, wie es aussieht, wenn Twitter in Wahlsendungen auftaucht und welche charmanten Rituale Journalisten und Politiker in Wahlsendungen sonst so betreiben – bitte sehr (Transparenzhinweis: Ich bin auch dabei).

Plus ist stuss: Was die Branche von „Bild“ lernen kann

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Vor ein paar Tagen haben Fotografen den gewesenen Fußball-Bundestrainer Rudi Völler dabei fotografiert, wie er öffentlich mit einer Frau geknutscht hat. Es war seine eigene, mit der seit etlichen Jahren verheiratet ist. Bei „Bild“ nahmen sie das zum Anlass, dazu die gewohnt hochtrabenden Zeilen über Liebesglück zu schreiben und darüber, wie schön es doch sei, dass es irgendwie auch Paare gibt, die sich nach wenigen Jahren als selbstverständlich allerbeste Freunde wieder trennen. Und sie hängten dort ein großes „Plus“ vor den Text, was erstens wohl bedeuten sollte, dass es sich dabei um „Premium Content“ handelt und zweitens, dass man ihn nur lesen darf, wenn man diese hochkarätige journalistische Leistung zu schätzen weiß und gerne dafür bezahlt.

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Ein paar Tage später ist das RTL-Halbnacktsternchen Micaela Schäfer dabei erwischt worden, wie sie mit einem bisher unbekannten Mann geknutscht hat. Ebenfalls öffentlich. Bei „Bild“ nahmen sie das zum Anlass, dem Text die gewohnt mittelulkige Überschrift „Wer schäfert da an Micaela rum?“ zu verpassen. Auf das „Plus“ haben sie verzichtet, man durfte den Text also auch als nichtzahlender User genießen.

Nein, bevor Sie das jetzt denken: Das wird jetzt keiner der in der letzten Zeit öfter gelesenen Blogtexte, in denen man den „Bild“-Leuten unter die Nase reibt, wie dumm dieses Pay-Modell doch ist. Und auch die Tatsache, dass „Bild“ seit Einführung der Paywall acht Prozent Reichweite verloren hat, habe ich eher schulterzuckend zur Kenntnis genommen – das bedeutet nach vier Wochen und ohne entsprechende mittelfristige Vergleichswerte erst einmal ungefähr gar nichts. Genau genommen geht es in diesem Beitrag nicht mal wirklich um die „Bild“. Sondern um die Crux des Bezahlinhalts von Journalisten. „Bild plus“ ist ein unfreiwilliges role model für eine ganze Branche. Weil zu erwarten ist, dass sich sehr ähnliche Probleme, wie sie die „Bild“-Redaktion inzwischen tagtäglich plagen, auch bei vielen anderen in abgewandelter Form zeigen werden.

Das entscheidende Problem von „Bild plus“ ist ja nicht einmal, dass man dort versucht, auch Totalbagatellen als Bezahlinhalt zu verkaufen. Man wäre mit enormer Naivität versehen gewesen, hätte man geglaubt, mit Einführung der Bezahlschranke würde „Bild“ plötzlich dem „Spiegel“ oder der „SZ“ Konkurrenz machen wollen (und können). Das Problem ist: Die Auswahl dessen, was „Plus“ ist und was nicht, wirkt hoffnungslos willkürlich und damit für den Nutzer nicht nachvollziehbar. Der knutschende Völler ist wichtiger, relevanter, unterhaltsamer als die knutschende Nacktschnecke Schäfer? Die Begründung dafür würde ich gerne hören. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass es keine gibt, außer der vielleicht, dass an dem einen Tag nicht so viel los war und man den Völler dem internen 20-Prozent-Quorom drangab. Und am anderen Tag war eben mehr los, da gibt´s dann auch schon Schäfer gratis. Bewertung des Paid-Content nach aktueller Nachrichtenlage, sozusagen. Dass mag jeder nachvollziehen können, der schon mal irgendwann in einer Redaktion gearbeitet hat, der Nutzer allerdings wird das nicht können.

Verwunderlich ist das alles nicht. Man liest und hört zwar immer sehr viel von diesem „Premium Content“, aber immer, wenn ich einen Verfechter dieser Idee frage, was genau darunter zu verstehen sei, werden die Antworten gerne schwammig. Man hört dann irgendwas von „hochwertig“, „exklusiv“ und „journalistischer Höchstleistung“. Aber was genau das sein soll, weiß naturgemäß eigentlich keiner so ganz genau. Würde man dieses Argument übrigens weiter denken, dann würde am Ende die Idee eines Journalismus 1. und 2. Klasse entstehen, was der Grundidee des Journalismus leicht widersprechen würde. Wirklich gute Inhalte nur für die, die es sich leisten können und wollen?

Doch selbst wenn man davon absieht: das Problem wird die Klassifizierung bleiben, weil sie letztendlich, das Beispiel „Bild“ zeigt das gerade sehr gut, willkürlich ist und bleiben wird.

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Das alleine aber ist noch nicht das Problem, wie ein weiterer Blick auf „Bild“ zeigt. Als am Wochenende das Wimbledeon-Finale mit Sabine Lisicki anstand, da machten viele Sportredaktionen das, was sie immer zu solchen Angelegenheiten tun: Sie schätzen die Chancen der Deutschen ein, dieses Endspiel zu gewinnen. Sowas kann ganz amüsant sein; wenn man sich aber für das Thema interessiert, kommen da selten Dinge zu Tage, die man noch gar nicht wusste. Im Falle Sabine Lisicki hat mir sogar schon meine Erfahrung aus ein paar Jahren aktives Tennis geholfen: enormer Aufschlag, starke Vorhand, enorme mentale Stärke. Im Wesentlichen las man also am Freitag und Samstag, dass Sabine Lisicki einen enormen Aufschlag, eine starke Vorhand und viel mentale Stärke hat. Man konnte das auf allen relevanten Nachrichtenseiten lesen und auch bei „Bild“. Das heißt, nicht ganz: Die Einschätzung, dass Lisicki wegen ihrer Vorhand, ihres Aufschlags und ihrer mentalen Stärke dieses Spiel gewinnen könnte, war „Plus“-Inhalt.

Neben dem Problem, dass man sich auch über diese Einschätzung als „Premium Content“ vortrefflich streiten kann, zeigt die Lisicki-Epidsode auch noch ein weiteres Grundproblem auf: Sofern man nicht sehr spezialisierte Themen und Zielgruppen hat (und welche Tageszeitung hätte die schon?), muss man immer damit rechnen, dass irgendjemand anderes die selbe Geschichte auch hat, kostenlos noch dazu. So dass die Frage für den „Bild“-Nutzer gleich eine doppelte wäre: Warum ist das Plus-Inhalt und wieso soll ich für eine Geschichte bezahlen, die ich anderswo genauso bekomme?

Selbst wenn ich also in Erwägung ziehe, dass weder ich noch die allermeisten der Leser dieser kleinen Seite potentielle Bild-Bezahl-Kunden wären: Ich habe auch nach vier Wochen nicht einen einzigen Grund entdeckt, der für das Thema „Paid Content“ bei nicht-spezialisierten journalistischen Angeboten Hoffnung aufkommen lässt. Wer sich erinnert: Es ist noch nicht so lange her, als „Bild“ auf die erstaunliche Idee kam, seine Webseite für Nutzer des iPad zu sperren. Man weiß auch, was daraus geworden ist. Ich wage die Prognose, dass „Bild plus“ über kurz oder lang einen ähnlichen Weg gehen wird.

Bild dir deine Paywall: Was plus, das muss

Vermutlich muss man Matthias Döpfner und dem Springer-Verlag dann doch dankbar sein. Dafür, dass sie die „Bild“ zum role model gemacht haben, an dessen Entwicklung sich später mal belegen lässt, warum es nur so eine mittelgute und theorielastige Idee war, mit Premium- oder Plusinhalten die Leute zum Bezahlen bewegen zu wollen. Und warum diese Idee an der eigentlichen Problematik bei der Finanzierung von Journalismus haarscharf vorbeigeht.

Aber der Reihe nach: Seit heute gibt es das seit langem angekündigte und mit einigermaßen viel Tamtam vorgestellte Modell „Bild plus“. Das beinhaltet im Wesentlichen, dass auch bei „Bild“ ab sofort nicht mehr alles kostenlos sein soll. Vermutlich würden Döpfner und all die anderen Paid-Content-Epigonen das so formulieren: Der Leser muss jetzt endlich mal begreifen, dass guter Journalismus Geld kostet und deshalb bezahlt werden muss. Als Gegenleistung – auch das gehört seit Jahren zu der immer wieder durchgekauten Argumentation – bekommt er noch mehr, noch besseren, noch exklusiveren Inhalt. Wobei man sich übrigens schon auch mal die Frage stellen kann, warum der Leser/Nutzer das bisher noch nicht bekommen hat, aber das nur nebenbei. Jedenfalls, die Formel soll künftig lauten: Mehr Bezahlung = mehr und besserer Inhalt.

Und so sah das heute früh bei bild.de aus:

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Die „Plus“-Inhalte, die ausschließlich den zahlenden Kunden vorbehalten sind, sind an diesem Tag u.a.:

Der Fußballer Robert Lewandowski bekommt eine Verdreifachung seines Gehalts, damit er in Dortmund bleibt.

Beim ZDF sind sie sauer auf Markus Lanz, weil er gerade „Wetten, dass…“ totmoderiert.

Ein Interview mit Schumi.

Eine Tabelle, wie viele Rentner auf Hartz4-Niveau leben müssen.

Eine Übersicht, bei welchen Sternzeichen es im Bett besonders knistert.

Bevor es Ihnen selbst einfällt: Natürlich ist es das Dümmste was man machen kann, wenn man seine eigenen Interessen als Maßstab anlegt und dann sagt: DAFÜR würde ich nie im Leben was zahlen. Dass die Bild-Zielgruppe auch mit Bild-typischen Themen gefüttert werden will, leuchtet ein. Dass dazu Fußball und Fernsehen gehören, auch. Das Problem, das „Bild“ schon am ersten Tag hat und vermutlich auch weiterhin haben wird: Selbst wenn der Verlag noch so sehr jeden Tag seine Redakteure triezen wird mit der Aufforderung, noch mehr Plus-Content zu erstellen, er wird sich nicht finden lassen. Das Thema Lewandowski beispielsweise ist in den letzten Tagen so ausgiebig in nahezu allen Medien debattiert worden (und dürfte zudem noch so viele Wendungen nehmen), dass die Nachricht, der BVB zahle seinem Topstürmer jetzt erheblich mehr Geld, nur mäßig sensationell ist. Ebenso die Sache mit Lanz und Wetten, dass…: Kaum ein Medium, dass sich nicht mit dem Samstagabend-Desaster auseinandergesetzt hat.  Es kracht ein bisschen hinter den Kulissen? Mag sein, aber ist das jetzt die Premium-Information, für die ich sofort ein Bildplustotaldigital-Abo abschließe? Tabellen mit irgendwelchen Rentner-Einkünften und Übersichten mit der Sex-Kompatibilität von Sternzeichen? Come on, Bild…gibt´s an jeder digitalen Straßenecke.

Und nicht nur, dass die Plus-Inhalte von „Bild“ jetzt nicht so wirklich premiumplus sind. Dazu kommt anderes: Die klassischen Bild-Geschichten, die gestern noch kostenlos waren, sollen heute Geld kosten. Kleinkinder beispielsweise, die an einer Schule als Lehrer eingesetzt werden, das sind die Geschichten, die „Bild“ mag und die Leser mutmaßlich irgendwie auch. Bis gestern gab es sowas im Überfluss kostenlos, jetzt soll eine dieser Allerweltsgeschichten, die „Bild“ seit gefühlten hundert Jahren veröffentlicht, plötzlich bares Geld wert sein? Da werden die Herren Döpfner und Diekmann aber noch eine Menge Überzeugungsarbeit leisten müssen, bis ihnen das jemand ernsthaft abnimmt.

Es ist die alte Problematik und sie ist nicht mal ein Phänomen der digitalen Zeit: Journalismus hat sich noch nie über den Kaufpreis für seine Inhalte finanzieren lassen.  Man kann das beklagen, aber in den Köpfen der allermeisten Nutzer ist Journalismus eben nichts, was teuer bezahlt werden muss, selbst wenn es Matthias Döpfner noch so oft einfordert. Journalismus ist immer da gewesen und wird es immer auch sein müssen, so wie die Fußball-Bundesliga, die ja auch ein elend teures Wirtschaftsgut ist und von den allermeisten Menschen als allgemeines Grundrecht angesehen wird. Fußball ist teuer und muss deshalb bezahlt werden? Frag nach bei den Überresten von Kirch Media und bei „Premiere“, wie einleuchtend eine solche Argumentation wohl ist.

Beides, Bild und Bundesliga, steht deshalb wunderbar exemplarisch für die Reihe: Man müsste eigentlich. Man macht es trotzdem nicht.

„Premiere“ und Kirch Media übrigens hat das Beharren auf dem „Man müsste eigentlich“-Standpunkt letztendlich die Existenz gekostet.

Twitter, eine Liebe auf den vierten Blick

Es ist gerade mal die Kleinigkeit von vier Jahren her, da habe ich an dieser Stelle und an ganz vielen anderen auch verkündet, dass dieses „Twitter“ eine ziemlich unnütze Modeerscheinung sei. Ich erinnere mich sogar an eine Textpassage, die ich mit ganz besonderem Stolz formuliert hatte: „Twitter“ sei ein weiterer Beitrag zu mehr Geschwätzigkeit in einer ohnehin geschwätzigen Welt (toll, oder?). Ich hatte mir da meinen Account gerade angelegt und war auch Tage danach eher ratlos, was das jetzt bringen soll: 140 Zeichen, das ist für jemanden, der gerne auch mal Texte von 100facher Länge schreibt, so was wie die Höchststrafe.  Zumal es damals immer diesen Vergleich mit der SMS gab und ich SMS-schreiben damals schon nicht sonderlich gerne mochte. Die Zukunft des Journalismus besteht also demnach aus einer Aneinanderreihung von SMS-artigen Texten? Ich hielt das damals für den größtmöglichen Verwirrtheits-Exzess.

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Heute, vier Jahre später, habe ich einen freundlichen Erinnerungstweet bekommen, seit nunmehr genau seit vier Jahren bei Twitter zu sein. In nackten Zahlen ausgedrückt hat sich mein Verhältnis zu Twitter, nun ja, etwas gebessert: Ich habe „Twitter“ tatsächlich als etwas zu schätzen gelernt, was weitaus mehr ist, als das schnelle zeichenlimitierte Verströmen von Heißluft. Ich mag das schnelle und unmittelbare Interagieren, das nachrichtentickerartige meiner Timeline – und ja, auch das: Meine Timeline bringt mich immer wieder herzlich zum Lachen. Fußball schauen oder Fernsehen, das wird durch die Twitter-Timeline meistens erst so richtig unterhaltsam. Ich weiß nicht, wie viele sensationell lustige Tweets ich schon gelesen habe. Und nicht nur das: Meine Timeline hat mich auf viele gute Themen gebracht, hat mir Anregungen geliefert und mir ab und an auch mal gezeigt, wenn ich auf dem Holzweg bin.

Twitter ist für mich aber auch etwas anderes geworden: ein sicherer Indikator für Themen, für Dinge, die das Netz (ja, ich weiß, es gibt nicht das Netz)bewegen. So sehr mich die dauerhaft hohe Betriebstemperatur bei Twitter manchmal nervt, so sehr ich es nicht mag, wenn mal eben auf 140 Zeichen rumgebrüllt oder draufgeschlagen wird, so sehr weiß ich aber auch: Wenn heute Twitter darüber spricht, dann gibt es eine gute Chance, dass dieses Thema morgen auch in den restlichen digitalen und analogen Sphären eines sein wird. Twitter also als eine Art Frühwarnsystem; ein Wert, den man gerade für Journalisten gar nicht hoch genug einschätzen kann.

Inzwischen sind wir gute Freunde geworden, dieses Twitter und ich. Ich bin nicht süchtig danach und kann auch ganz prima ein paar Tage ohne dieses Ding leben. Spätestens dann aber würde ich dann doch anfangen, es zu vermissen. Selbst dann, wenn ich gar nicht arbeiten muss.

Alles übrigens, was ich ganz oben über Twitter mal gesagt habe, habe ich mir jetzt auch über „Vine“ gedacht. Bin gespannt, ob ich in vier Jahren an dieser Stelle mal schreiben werde, wie großartig doch dieses Sechs-Sekunden-Videotool ist.