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Der Zeitgeist und die Medien

Zu den Phänomen des Älterwerdens gehört , dass sich der Blick auf die Welt ebenfalls verändert: “Where you stand depends on where you sit”, wie es in Miles Law so schön heißt. Und man kann dabei wunderbar beobachten, wie Trends kommen und gehen und was ein Trend ist und was eben nicht. Zurzeit erleben wir, wie gerade ein paar Millenial-Trends über den Jordan gehen und das hat fast schon wieder etwas Amüsantes. 

Ich bin in einem Alter, in dem ich schon oft ziemlich alt ausgesehen habe. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass ich bei einer Tageszeitung gelernt habe, bei der es weder Computer noch Ganzseitenumbruch gab. Wir haben die Seiten noch richtig zusammengeklebt, mit der Schreibmaschine geschrieben und natürlich auf Film fotografiert.

HALT, HIER GEBLIEBEN!

Nein, keine Angst, hier kommt nicht der nächste völlig überflüssige Früher-war-alles-besser-Text. Erstens war es das sowieso nicht und zweitens, selbst wenn: Was würde es bringen, dieser Zeit nachzutrauern? Ich erzähle diese Episode nur, um deutlich zu machen, dass meine Grundlagen für diesen Beruf aus einer sehr, sehr fernen Zeit stammen. 

In den vergangenen Jahrhunderten habe ich mich zwar immer bemüht, einigermaßen auf dem Laufenden zu bleiben. Aber man kennt das ja: Man kann vor 30 Jahren das Internet für sich entdeckt haben, man kann ein paar Bücher und Millionen Artikel zum Thema Digitalisierung geschrieben haben. Irgendwann kommt trotzdem eine jüngere Generation und sagt: Ihr Lahmärsche, wir wollen das alles nicht mehr und außerdem wissen wir, wie man es besser macht. Kein Drama, das ist schon gut so. 

Wir (oder zumindest ich und ein paar andere) haben das früher auch nicht anders gemacht. Damals hatten Männer das Sagen, die waren noch älter und noch weißer als wir und wenn ich den Snowflakes von heute die eine oder andere Geschichte von damals (™) erzählen würde, hätten sie dicke Tränen in den Augen. Ich zitiere noch einmal sinngemäß den großen Jagger: Es war lustig, aber ich bräuchte das alles nicht noch einmal.

Als die Bärte kamen und Hipster Medien machten

Konkreter erzählt: Zum ersten Mal so richtig abgewatscht kam ich mir vor, als die Millenials die publizistische Showbühne betraten. Die Älteren werden sich noch erinnern, das waren die mit den langen Bärten und anderen Hipster-Accessoires. Sie standen sehr auf Listicles und anderen Kram, den man, zumindest als Menschen meines Alters, eine Zeit lang ganz lustig finden konnte, der aber irgendwann ebenso war wie ein Hipster-Bart: ziemlich wenig dahinter dafür, dass der erste Eindruck reichlich opulent war.

Aber egal, die Bärte und Bärtinnen ließen uns schnell spüren, was von uns zu halten war: Ewiggestrige, die immer noch an den Vorstellungen eines Journalismus festhielten, dessen Prinzipien hundert Jahre alt waren. Platz da, jetzt kommen wir und unsere Listicles. Und ein Journalismus, der mir wie ein Abklatsch des Tempo-Magazins aus den Neunzigern vorkam: laut, schnell, subjektiv und immer ein bisschen selbstverliebt. Aber was soll’s, denn: wir waren ja nicht anders… ach, siehe oben. 

Klassische Nachrichten, strikte Trennung von Meinung und Kommentar, die eigene Person nicht so wichtig nehmen und stattdessen die Geschichte in den Vordergrund stellen? So fucking langweilig, hier kommen Karohemd und Vollbart und viel Meinung, wer braucht schon Substanz?

Und was gab es nicht alles, von Buzzfeed bis zur Hipster-Bibel der Millenials: Vice!

Vice, das war immer der pure Nihilismus. Die Obsession, schockierende Themen zu finden, führte die Redaktion rund um den Globus, an die „Ränder der globalen Kultur“, wie es im Marketingsprech des Unternehmens hieß. Mit einer klassischen Nachrichten-Agenda wollte Vice nie etwas zu tun haben, stattdessen: Geschichten, Geschichten, Geschichten (ich vermute übrigens, dass sich der Spiegel zu Relotius-Zeiten ebenfalls von diesem Wahn anstecken ließ).

Der “Neinismus”, die Gonzo-Berichterstattung von Vice und der verwegene Mix von Buzzfeed – das hatte auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun. Und doch hatten beide mehr gemein, als man denken könnte. Beide hielten den klassischen Journalismus zumindest teilweise für erledigt. Beide wollten Dinge zusammenbringen, die auf den ersten Blick und vermutlich auch auf den zweiten und dritten nicht zusammenpassen: Spaß, Subjektivität, grellbuntes Geknalle und gleichzeitig gute Geschichten, die sich tendenziell  auch in den vermeintlich altbackenen Medien ganz gut gemacht hätten. Niemand, wirklich niemand brachte grässliches Clickbaiting und investigativen Journalismus so gut zusammen wie das ursprüngliche Buzzfeed. Und beide, das muss man eingestehen, brachten immer wieder gute Sachen zustande.

Zum ersten Mal sehen gerade die Millenials selbst ziemlich alt aus

Und heute? Die Bärte sind ab, Hipster was fürs Museum, die Millenials sehen zum ersten Mal selber ein bisschen alt aus. Weil zum einen schon wieder die nächste Generation drängelt, XYZ, was weiß ich denn schon? Und zum anderen, weil sie gerade so dahingehen: Vice steht angeblich kurz vor der Insolvenz, während Buzzfeed in den USA gerade die Nachrichtensparte dichtmacht. In Deutschland gibt es Buzzfeed zwar noch, die Seite sieht aber so aus wie ein Mittdreißiger, der immer noch mit Hipsterbart und Karohemd durch die Stadt läuft und nicht merkt, dass das mittlerweile nicht mehr cool, sondern so arschlangweilig ist wie wir, die vor noch wenigen Jahren das Lachobjekt für den gemeinen Hipster waren.

Inzwischen hat sich eine irgendwie merkwürdige Medienmelange breitgemacht (zumindest in den Augen des uralten kalkweißen Mannes wie ich wirkt das so). Alles muss etwas mit Social Media und am besten mit TikTok zu tun haben, es müssen Videos rein und alles, wirklich alles braucht: Purpose! Eine neue Empfindlichkeit hat sich breitgemacht, die mit dem Gonzo-Getue von Vice und dem Listicle-Zeug von Buzzfeed überhaupt nicht mehr kompatibel ist.  Stattdessen fliegen nur so die Herzchen und der neue Anchorman heißt Influencer, YouTuber oder TikToker.

Ich müsste lügen, wenn ich nicht zugeben würde, dass mich das amüsiert. So geht es irgendwann jedem: Gerade eben meint man noch, Trendsetter zu sein. Und auf einmal kommen die Nächsten, die dir erzählen, dass du ein BOF bist. So nannte man früher die alten, weißen Männer und falls hier 20jährige mitlesen: googlet es oder fragt ChatGPT, für was BOF stand. Der Hipster also als Germanys next Top BOF, das hat etwas unbestreitbar Lustiges an sich.

Aber nein, bitte nicht falsch verstehen: Das ist kein schadenfroher Text eines BOFs, der sich darüber freut, dass die Millenials jetzt auch langsam alt werden (das waren sie im Kopf ohnehin schon immer). Und jetzt von einer Generation attackiert werden, die im Kopf noch viel älter und piefiger ist, als es die lahmen Millenials nie werden können.

Was ist nur ein Trend, was ist von Dauer?

Die Job ist ein anderer. Nämlich herauszufinden, was nur ein generationenbedingter Trend war/ist und was von Dauer sein könnte.  Auch der “Spiegel” und die FAZ werden nicht mehr in schwarz-weiß gedruckt und wenn ich mir alte Ausgaben des “heute-journal” aus “meiner” Zeit anschaue, dann muss ich lachen, weil ich sehe, dass das alles auch schon wieder ein Vierteljahrhundert her ist.

Würde man darauf beharren, alles so zu lassen wie es ist, würden FAZ und “heute-journal” nicht mehr existieren. Hätte man jedem Trend nachgegeben, hätte die FAZ irgendwann das Listicle des Tages auf der Titelseite gehabt. Dass beides so nicht gekommen ist, dafür gibt es gute Gründe. Alter und Trends alleine jedenfalls sind kein Maßstab.

Zum Schluss nochmal eine persönliche Geschichte. Sie hat auf den ersten Blick nicht viel mit Medien zu tun, aber man kann trotzdem viel aus ihr mitnehmen. Ich bin Jahrgang 1965 und als ich langsam in das Alter kam, als ich mich für Musik zu interessieren begann, regierte der Pomp in der Jugend- und Popkultur. Progressive Rock, Art Rock, Hard Rock, alles sehr aufgeblasen, seeeehr ernsthaft und verkopft. Wer bei einem Pink Floyd-Album jemals gelacht hat oder auch nur den Anflug guter Laune verspürte…nun gut, wenn Sie wollen, hören Sie selbst rein.

Irgendwann, so wie immer, kam die Gegenbewegung. Eine Generation, die das ganze verfettete Zeug nicht mehr ertragen hat und deswegen den Gegenentwurf kreierte: Punk, New Wave. Sex Pistols, The Clash, Anarchy in the UK und London Calling. Der Purpose-Generation von heute steht ihr Punk erst noch bevor. Spätestens dann, wenn die Generation Y als alt gilt und die Jugend dann genau das Gegenteil macht.

Kleiner Trost, wenn dann Purpose und she/her nicht mehr so angesagt sind: Die wirklich wichtigen Dinge der Medien-Welt bleiben. Buzzfeed geht an sein Ende, der klassische Journalismus lebt immer noch.

Und schließlich noch ein kleines schlaumeierndes Zitat vom großen Mick Jagger: 

Die Vergangenheit ist großartig und ich möchte sie nicht auslöschen oder bereuen, aber ich möchte auch nicht ihr Gefangener sein.

Klingt so leicht, muss man aber erstmal hinkriegen.

Podcast D25

Zum Thema passt auch die Frage: Wie halten wir es mit Innovation, auch, aber nicht nur in den Medien? Darüber sprechen wir in der neuen Ausgabe von D25 mit Maria Gross (Managing Director GERMANTECH).

Anhören:

Und natürlich überall da, wo es gute Podcasts gibt. 

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