Wenn Journalismus zum Posing wird

Smartphones, Apps und Social Media: Damit ließe sich ein komplett neues journalistisches Storytelling definieren. Bisher aber kommt nicht sehr viel mehr raus als langweiliges Posing und ein paar Kommunikationsattrappen. Kein Wunder, dass die Polarisierung ganzer Gesellschaften immer schneller vorwärts geht. “Read

Soziale Netzwerke: Der Weg in die digitale Depression?

Geht es um soziale Netzwerke, sind die Meinungen tief gespalten: Die einen sehen in ihnen die Kommunikations- und Vernetzungsform des 21. Jahrhunderts. Für die anderen sind sie bestenfalls Teufelszeug, das zur Verdummung der Menschen und der totalen Macht einer weniger Großkonzerne beiträgt. “Read

Facebook und die Schattenseiten der Supermacht

Die Hoffnungen waren ja mal andere: Eigentlich träumten wir Netz-Optimisten von mehr Freiheit, von leichterer Kommunikation und von einer Vernetzung rund um den Globus (oder wenigstens: quer durch Deutschland). Bekommen haben wir einen Konzern, dessen Größe alles überragt, was wir bisher im Bereich von Medien und Kommunikation gekannt haben. Facebook: fast zwei Milliarden Nutzer. Instagram: eine halbe Milliarde. WhatsApp: rund eine Milliarde. “Read

Eine Falle namens Social Media

Populäres wird immer populärer, das Simple noch einfacher und der Laute schlägt den Nachdenklichen: Vielleicht ist dieser ganze Kram mit Social Media  für den Journalismus gar nicht so gut, wie wir immer meinen…“Read

Das üble Spiel der Populisten

Einfach mal irgendwas raushauen und dann schauen was passiert: Populisten machen es dem Journalismus gerade reichlich schwer. Auch deshalb, weil digitale Strukturen das Lügen so einfach wie noch nie machen…

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Journalismus im Radikalwandel

Warum sich Journalismus 2017 so drastisch wie nie wandeln wird, welche Trends 2017 kommen und welche eher nicht – ein Blick in die Glaskugel…

Nachrichten für alle? Das war einmal.

Nüchtern betrachtet konnte das ja nicht immer gut gehen: Immer noch mehr Informationen, mehr Texte, Videos, Bilder. Tausende Postings und Kommentare in sozialen Netzwerken. Und nicht mal mehr das Handy ist eine medienfreie Zone, im Gegenteil. Wer heute zu dem greift, was wir früher lustigerweise Telefon genannt hatten, muss sich erst mal durch eine Unzahl von Pushmeldungen, Apps und anderem Kram wühlen, ehe er zum Telefonieren kommt. Aber wieso überhaupt noch telefonieren, wenn man mit Messengern mal kurz das loswerden kann, wofür man früher erst umständlich ein Gespräch hätte beginnen müssen? Dumm nur, dass in einem solchen Messenger mittlerweile auch schon massenweise Medien-Content liegt.

Kurz gesagt: Dass Nutzer personalisieren müssen, ist eine logische Konsequenz aus dem ganzen medialen Überfluss, von dem wir umgeben sind. Selbst der Interessierteste ist nicht mehr in der Lage, überall dort zu lesen und zu schauen, wo er eigentlich müsste, um als halbwegs informiert zu gelten. Davon abgesehen: Die Suche nach dem, was wirklich interessant und relevant ist, kann ganz schön viel Zeit in Kauf nehmen. Und Nerven noch dazu.

2017 wird also das Jahr werden, in dem Medien sich endgültig verabschieden werden (müssen) von der Idee, man könne es mit einem Angebot allen recht machen. Und von der Idee, der User suche sich dann schon das Passende aus dem Haufen Informationen heraus, dem man ihm hinwirft. Stattdessen: Entbündelung, Personalisierung, das ganze Programm.

Projekte wie „XMinutes“ sind ein Vorläufer dessen, was uns erwartet: Die Idee nämlich, Medien und Informationen so zu präsentieren, dass wir nicht mehr endlos suchen und scrollen müssen.

Wenn man so will, dann sind auch die inzwischen einigermaßen angesagten Chatbots ein Schritt zur Personalisierung.  Denn bei ihnen geht es nicht nur primär um die andere Ansprache, sondern eben auch darum, dem User nicht einfach Nachrichten hinzuwerfen, sondern ihm die Möglichkeit zu geben, andere Aspekte zu erfahren. Für jeden ist damit eine Nachricht anders – eben personalisiert.

Alles ist Video

Was waren das für selige Zeiten, in denen man als Journalist auch mal noch ein Video zu irgendwas produzieren konnte. Das war dann aber schon der Gipfel der Multimedialität: Wow, wir haben auch ein Video zu der Geschichte!

Heute: Video ist alles. Alles ist Video. Video ist nicht nur eine Erzählform, sondern der wichtigste Bestandteil eines virtuellen Echtzeit-Parallel-Universums. Egal, ob mit den inzwischen fest etablierten Livestream-Angeboten von sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter oder mit irgendwas anderem: Künftig werden wir es mit einer ganzen Reihe von Anwendungen zu tun haben, die jederzeit on air gehen können, um die Wirklichkeit live zu streamen oder in kurzen Fetzen aufzunehmen. Die Snapchat-Brille ist ein erster Schritt in diese Richtung. Einer, der im Gegensatz zur Google-Brille aus zwei Gründen nicht scheitern wird. Grund eins: Die Google-Brille ist als potentielles Monster wahrgenommen worden. Eines, dass eine Welt- und Bewusstseinsveränderung bewirkt und zudem jederzeit und ohne Vorwarnung aufnehmen und senden kann.

Die Snap-Brille positioniert sich clevererweise anders. Als ein ebenso cooles wie witzig-harmloses Gadget, das eigentlich nur spielen will. Eine GoPro in klein und als Brille. Da kommt niemand auf die Idee, es handle sich dabei um ein Privatsphäre-Datenmonster.  Schon gleich gar nicht in der Snapchat-Zielgruppe. Und auch nicht beim clever aufgebauten Image der Snapchatter, nachdem es sich dabei ja nur um ein lustiges Tool für alberne 16jährige handle. Bei Google hatte man immer im Hinterkopf, dass der Konzern ja mindestens die Weltherrschaft anstrebt und es außerdem mit Daten und Privatsphäre eh nicht sehr genau nimmt.

Wie dem auch sei: Video wird das Fenster in die Welt und geht weit über das hinaus, was das Fernsehen bewirken konnte. Digitales Video ist keine „gebaute“ Kunstwelt. Keine Beiträge, in denen Menschen in merkwürdigen Verrenkungen für „Schnittbilder“ posieren müssen und in denen erst mal Kulissen aufgebaut werden müssen.

Video: haben wir alle bei uns, nutzen wir inzwischen sogar bevorzugt zum Telefonieren und ist auch für Journalisten ein Instrument, auf das sie keinesfalls verzichten sollten.

360 Grad/VR

Bei ungefähr jedem Ding, das mal groß werden könnte, tauchen ein paar grundsätzliche Fragen auf. Ist das jetzt ein Hype oder doch von Dauer? Spielzeug – oder braucht mal das wirklich? Das ist beim Thema 360 Grad auch nicht sehr viel anders und erinnert an die Debatte um das inzwischen wieder ganz schön zurückgefahrene Thema 3D. Im Kino ist man nach ein paar Filmen als Besucher schnell wieder an der Erkenntnis angelangt, dass ein Film in 360 Grad nicht besser oder schlechter, sondern bestenfalls effektreicher wird.

 

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Da ist es natürlich legitim, diese Frage auch beim Thema 360 Grad zu stellen. Der Unterschied könnte allerdings der sein: Ein Film in 3D sieht halt einfach anders aus, ist aber immer noch derselbe Film. 360 Grad bietet dagegen eine ganze Reihe journalistischer Optionen. Die wichtigste dabei: Man kann endlich den User buchstäblich an den Ort des Geschehens mitnehmen. Er kann sich selbst ein Bild machen. Und das ist dann in der Tat ein Mehrwert. Wie man eine Geschichte in 360 Grad am besten erzählt, wie man Bild, Text und andere Elemente miteinander vermischt, das wird noch eine ganze Reihe von Experimenten nach sich ziehen. Trotzdem: Auch wenn man natürlich auch in Zukunft nicht jede Geschichte als 360Grad-Story erzählen wird – spätestens im kommenden Jahr wird die Technologie zu einem (digital-)journalistischen Standard werden.

Das Ende der Homepage

Vor kurzem habe ich mal einen Vortrag gehalten über dieses Internet und wie es sich entwickelt. Vor Menschen, die sich zwar dafür interessieren, aber nicht gerade zur digitalen Avantgarde gehören. Irgendwann sagte jemand dann mal was zum Thema „Homepage“. In dem Moment habe ich mich ertappt, wie ich innerlich ein leicht nostalgisches Grinsen aufgesetzt habe. Ach ja, die gute alte Homepage, Tage, an denen man irgendwo noch „www“ eingeben musste.

Tempi passati, es lebe der Intermediär. Also jener Zwitter, der zwar eine wie auch immer geartete Plattform zur Verfügung stellt, in dem sich Menschen und Anbieter treffen. Facebook, Snapchat, WhatsApp, der ganze Kram. Oder auch: der kleine Roboter. Nicht mehr lange – und in vielen Häusern stehen so lustige Dinger wie Amazons Alexa rum, die (wenn sie denn erstmal ein bisschen schlauer sind) die Homepage endgültig zu einem Relikt der Anfangstage des Netzes machen.dsc_6771-m4v-00_00_12_08-standbild001

Was letztendlich mit einem Phänomen zu tun hat, das immer stärker wird. Die Flut an Medien ist nicht mehr beherrschbar. Würde man den Gedanken des Systems Homepage im Jahr 2017 konsequent zu Ende denken, er würde bedeuten, dass man aus dem www-Tippen nicht mehr herauskäme. Klar, ich mache das ab und an selbst noch gar gerne, mich mal an einem bevorzugt Sonntag-Nachmittag ein bisschen durchs Netz treiben zu lassen, verschiedene Seiten anzusteuern und einfach mal zu lesen, was die so machen. Meistens ist das aber spätestens am Montag wieder vorbei. Weil mir die Zeit fehlt. Und weil es ausreichend viele Angebote gibt, die mir alles bringen, was ich brauche, ganz ohne langes Surfen.

Ruft da jemand Filter Bubble?  Weiß ich schon. Bringe ich dann ab und zu zum Platzen. Bevorzugt Sonntagnachmittags. Nur weil ich halbwegs intelligente Formeln meinen Info-Bedarf ermitteln lasse, heißt das ja noch lange nicht, dass ich dieser Formel alles glaube. Sonst müsste ich mich ja immer noch über einen Präsidenten Trump wundern.

Geschlossene Systeme, Dienstleister, Assistenten

Das alles schreit also zunehmend nach Personalisierung, die demnächst nicht mal mehr im Ansatz das sein wird, was wir momentan fälschlicherweise noch so nennen. Bisher ist das ja meistens so: Man kann anhand von ein paar Rubriken und Tags festlegen, was man bevorzugt wissen möchte. Was grundsätzlich ja nicht verehrt ist. Nur leider meistens nur so lala funktioniert. Zumindest dann, wenn Menschen dahinter stecken. Algorithmen hingegen sind, auch wenn´s weh tut, in dieser Hinsicht meistens schon schlauer als wir Menschen.

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Mittlerweile sogar schon so schlau, dass Konzerne wie Google ihre Smartphone inzwischen umbauen zu echten persönlichen Assistenten. Allerdings auch zu geschlossenen Systemen, in dem sich Nutzer noch mehr als bisher aufhalten sollen.  Wer die Entscheidung für ein Smartphone trifft, entscheidet sich auch dafür, sein halbes Leben  in die Hände eines Großkonzerns zu geben.

Engagement

Und was machen wir jetzt mit all diesen Erkenntnissen? In einem Jahr, in dem sich der Wandel noch rasanter fortsetzen wird und in dem Donald Trump Präsident werden wird? In dem Google, Facebook, Snapchat und all die anderen uns zeigen werden, was Homeless Media wirklich bedeutet? Und in dem man uns weiter als Lügner und Manipulatoren und weiß Gott noch alles bezeichnen wird?

Reden!

Das Zauberwort Engagement ist eines, dass im Journalismus auch 2016 allen Sonntagsreden zum Trotz noch nicht erst genommen wurde. Zumindest, wenn man unter Engagement mehr versteht, als gelegentlich auch mal auf einen Nutzerkommentar zu antworten.

Engagement ist mehr: Rein in die Netzwerke! Auf in den journalistischen Häuserkampf! Nicht einfach warten, bis jemand sich mal zu uns bequemt. Nicht gleich kopfschüttelnd „Populismus“ schreiben und nicht gleich jeden als Dummkopf bezeichnen, der ernsthaft (mit Betonung: ernsthaft) besorgt ist. Den Satz „Du könntest recht haben“ hart man, zur Seite gedacht, im Netz ohnehin viel zu selten.

Engagement heißt: Raus aus der journalistischen Komfortzone. 2017: mehr als je zuvor.

Das OEZ und die Leere bei Twitter

Die Vorgänge am Münchner OEZ, Würzburg, Ansbach und Nizza haben eines gezeigt: Es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen Journalismus und sozialen Netzwerken. Was bedeutet, dass wir als Journalisten auch etwas ganz anderes leisten müssen. Wir sind nicht Twitter – und das ist auch gut so.

Die Kollegen des Schweizer „Medienspiegel“ staunten nicht schlecht. „Ausgerechnet“ Sascha Lobo habe in seiner letzten SPON-Kolumne verkündet, künftig bei Nachrichtenlagen wie denen, von denen wir unlängst öfters welche hatten, dieses Twitter ausschalten zu wollen (angeblich auf Anraten seiner Frau). Das ist allerdings gar nicht so erstaunlich, wie es auf den ersten Blick aussehen mag, sondern spricht ziemlich für Lobo und noch mehr für seine Frau.  Weil Twitter (und andere soziale Netze) in den Tagen der Anschläge und Amokläufe unfreiwillig die Crux solcher Plattformen offenbart haben: Sie sind Fluch und Segen zugleich. Das zwingt Journalisten und Redaktionen dazu, ihre häufig uneingeschränkt positive Haltung zu solchen Instrumenten wenigstens zu überdenken.

Twitter war am Abend des Münchner Amoklaufes am OEZ eindeutig mehr Hölle als Himmel. Natürlich sind dort an diesem Abend großartige Dinge passiert. Aber in der Summe dessen, was an diesem Abend auf uns einstürzte, war es unbrauchbar und manchmal abstoßend. Man muss für letzteres nicht mal die wie immer kalkuliert provozierenden AfD-Tweets („Mit uns würde das alles nicht passieren“) heranziehen. Das ist mittlerweile so erwartbar wie öde. Es ist vielmehr der Schutz der Anonymität. In ihm entstehen Tweets wie der, in dem jemand um kurz nach 18 Uhr behauptete, am OEZ habe es einen Bombenanschlag mit 250 Toten gegeben. Das war erkennbar Unsinn. Vermutlich ist es deshalb bei diesem einen eklatanten Blödsinn geblieben.

Es war vielmehr die Flut, die Twitter zu einem Kanal machte, der kontraproduktiv wirkte. Eine Echokammer, in die unzählige Menschen hinein brüllten, so dass am Ende nichts mehr zu verstehen war. Ein Newsfeed, der vorgaukelte, es handle sich um Nachrichten im klassischen Sinn. Dabei gab es an vielen Stellen nicht nur Spekulatives sondern schlichtweg Falsches zu lesen. Selbst wenn man dagegen hält, dass es ohne soziale Netzwerke Aktionen wie die „Offenen Türen“ nicht hätte geben können: Unter dem Strich konnte man zwar Richtiges aus der Echokammer heraushören, man brauchte aber viel Glück dafür.

Lehren aus OEZ, Ansbach, Würzburg, Nizza

Das müsste man als Lehre aus den letzten Wochen als Journalist oder als Digitalstratege bedenken: Natürlich können soziale Netzwerke ein echter Segen sein. Aber sich in einen Wettlauf mit ihnen zu begeben, zu versuchen, in einem Rattenrennen um die am schnellsten herausgehauene Nachricht zu sein, führt zu nichts. Schnelles Heraushauen ist ohnehin eine eher fragliche Angelegenheit. Wenn man dann in solche Situationen wie am Münchner OEZ gerät, dann stößt diese ganze Atemlosigkeit des sogenannten Echtzeitjournalimus an ihre Grenzen. Und spätestens dann stellt sich die Frage, ob wir diese Sache mit dem Live- und Echtzeitjournalismus in sozialen Netzwerken nicht nochal überdenken sollten. Aus mehreren Gründen:

  • Echtzeit bedeutet zwangsweise immer, dass man eben auch nur Eindrücke wiedergibt. Und da ist es einfach ein Unterschied, ob man solche Eindrücke von einem Fußballspiel oder einem Amoklauf wiedergibt.
  • Soziale Netzwerke sind ein süchtig und nie zufrieden machender Mahlstrom. Sie haben keinen Anfang und logischerweise auch bei Ende. Es gibt niemanden, der sich hinstellt und sagt: Das war´s für den Augenblick, mehr wissen wir nicht – und wenn ihr noch so oft auf Aktualisieren geht. Genau das müsste man aber machen, wenn man es mit den Aufgaben des Journalismus in solchen Situationen erst meint.
  • Weil dieser Mahlstrom niemals endet und weil er nach immer neuen Tweets, Posts, Fotos und Videos schreit, ist die Verlockung naheliegend.  Man redet weiter, selbst wenn gar nichts Neues und Essentielles mehr zu sagen hat. Bei Twitter findet man trotz allem nochmal irgendwas. Im TV stehen Reporter hilflos da und müssen irgendwie verklausulieren, dass es für den Moment nichts Neues gibt.

Irgendwann gelangt man dann zu einer Simulation des Journalismus. Was unsinnig ist, ebenso übrigens wie die hysterische Debatte darum, dass ARD und ZDF während des Türkei-Putsches nicht sofort alle Programme unterbrochen haben. Da mag nichts alles optimal gelaufen sein, aber trotzdem: Wenn es halt nichts Neues gibt, dann wird das auch durch eine sofortige Programmunterbrechung nicht besser.

Ich bin in den letzten Wochen öfter mal gefragt worden, ob der Journalismus in den letzten Wochen nicht versagt hat. Die Frage zielte zumeist darauf ab, ob „der Journalismus“ nicht einfach zu langsam gewesen sei im Vergleich mit Twitter und Konsorten. Das glaube ich absolut nicht. Versagt hat Journalismus bestenfalls dann, wenn er versucht hat, das Tempo der Netzwerke mitzugehen. Es gibt nämlich einen entscheidenden Unterschied zwischen Journalismus und sozialen Netzwerken: Von Twitter erwartet niemand, dass alles, was dort steht, auch richtig ist. Von Journalisten kann und muss man das erwarten.

Content, Kontext, Device

Müssen wir nicht alle bei Snapchat sein? Momentan gibt es mal wieder die Debatten. So wie es solche Debatten mittlerweile alle paar Monate gibt. Der Effekt dieser Debatten ist übrigens hübsch zu beobachten: Erst stürzen sich alle einigermaßen viele wie die Lemminge auf diese neuen Dinger, man wird mit Push-Meldungen zugebombt, wer jetzt gerade snapt oder streamt – und irgendwann ist das Ding, das gerade noch die Zukunft war, tot (siehe: Meerkat). Es empfiehlt sich also bei der Beurteilung von Hypes, auch mal ein bisschen längerfristig zu denken.

Längerfristig und beurteilen, das sagt sich so leicht. Vor allem gemessen daran, dass uns mehr oder weniger kurzlebige Trends im digitalen Journalismus inzwischen seit vielen Jahren begleiten und es vermutlich eine lange Liste von Dingen gibt, deren Lebenszyklus zwischen den Polen „next big thing“  und der stillen Beerdigung nicht sehr lange war. Es gibt jedenfalls inzwischen eine ganze Menge Medienmacher, die sich mit einer ordentlichen Portion Fatalismus irgendwelche Dinge runterladen, sie ausprobieren und sie dann ggf. auch schnell wieder vergessen. Nicht alles, so viel haben wir nach rund 20 Jahren jetzt gelernt, ist es wert, dauerhaft auf dem Radar belassen zu werden.

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Aber wie beurteilt man nun, ob sich etwas lohnt oder nicht? Was macht digitales Erzählen aus, was ist Hype und was ist von Dauer? Und vor allem: Wie bekommt man Zufälligkeit und Beliebigkeit aus dem digitalen Storytelling? Was unbestritten die größte Gefahr ist, wenn man plötzlich enorm viele verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung hat: Man gerät in die Versuchung, all diese Möglichkeiten auch zu nutzen – weil man es ja kann. Und deswegen finden sich plötzlich Videos, Audios, Animationen, datenjournalistische Anwendungen und  360-Grad-Videos in einem einzigen Stück, obwohl die Hälfte davon vielleicht gar keinen Sinn macht.

Was aber macht denn dann Sinn? Das ist, will man in einem digitalen Narrativ erzählen, die wichtigste Frage. Die sich leider nur mit einem „kommt drauf an“ beantworten lässt. Das klingt auf den ersten Blick nach einer schlechten Nachricht, dabei ist das der gar nicht mal so schlecht. Weil man die Kriterien, auf die es ankommt, einschränken kann. Alles dreht sich schlechtweg um die Frage, auf welchem Endgerät welcher Inhalt in welchem Kontext stattfinden soll.

Content – Kontext – Endgerät: Diese drei Faktoren entscheiden darüber, wo welcher Inhalt angebracht ist. Und das ist auch der Grund dafür, warum ich mich gemeinsam mit der UVK-Lektorin Sonja Rothländer dafür entschieden habe, diese kleine, griffige Formel auch zum Untertitel von „Universalcode 2020“ zu machen. In der leisen Hoffnung, dass sie etwas ist, an was man sich erinnern kann, wenn man mal wieder dasitzt, vor Kameras, Aufnahmegeräten, Smartphones, Mikros und 360-Grad-Linsen, wenn man mal wieder überlegen muss, was man jetzt twittert, facebookt, snapt, instagramt, youtubet. Oder gleich einen „Instant Article“ produzieren soll, der einem kleinen multimedialen Feuerwerk gleich kommt.

Heiß-hassgeliebte Bubble

Erika Steinbach, eine erzkonservative Politikerin und langjährige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, hat etwas wenig Überraschendes gemacht: Sie hat einen Tweet abgesetzt, über den man sich aufregen kann, weil er potentiell fremdenfeindlich ist. (Man kann es auch lassen, weil es nur Erika Steinbach ist, aber dazu später):

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Wenn man auch nur ein bisschen weiß, wer Erika Steinbach ist, dann kann man an diesem Tweet nichts wirklich Überraschendes finden. Frau Steinbach äußert sich regelmäßig in diese Richtung. Was übrigens ihr gutes Recht ist, ebenso wie es das gute Recht anderer ist, diesen Tweet wahlweise doof, ärgerlich, rassistisch oder einfach nur billig zu finden.

Wenig überraschend war dann auch das, was kurz darauf in meiner Filterblase einsetzte: Empörung. In meinen diversen Timelines tauchten in einem erwartbarem Tempo erwartbare Äußerungen auf. Ob diese Frau noch ganz bei Trost sei, dass dies eine Unverschämtheit ganz der Nähe geistiger Brandstiftung sei, dass diese Frau Steinbach…(setzen Sie hier bitte Beschimpfungen aller Art ein).

Ich habe mich, zugegeben, amüsiert. Über zweierlei. Darüber, dass es Menschen, die mit gezielten Provokationen Menschen provozieren wollen, immer noch vergleichsweise einfach haben, selbst bei Menschen, von denen ich eigentlich denke, dass sie für psychologische Taschenspielertricks wenig empfänglich sind. Und zum anderen darüber, wie sehr erwartbar leider auch meine eigene Filterbubble ist. So wie die Steinbach-Filterbubble erwartungsgemäß „Gutmenschen“ quäkt, brüllt meine eigene sofort „Brandstifterin“ oder Ähnliches. Das ist natürlich völlig in Ordnung so, zeigt aber, warum es so schwierig, ja beinahe unmöglich geworden ist, sich im digitalen Zeitalter in sozialen Netzwerken ernsthaft auseinanderzusetzen.

Und es zeigt auch, warum es soziale Netzwerke so furchtbar schwer machen, sich auch mal mit der – selbstredend unwahrscheinlichen – Möglichkeit auseinanderzusetzen, dass der andere Recht haben könnte. (Bevor ihr jetzt laut losbrüllt, nein, ich denke nicht, dass Frau Steinbach Recht hat). Immerhin wurde der Steinbach-Tweet fast tausend Mal gelikt, was zumindest den Rückschluss zulässt, dass es noch mindestens eine andere Filter Bubble gibt, die von sich ebenso wie wir glaubt, sie leben in der einzig richtigen Filter Bubble.

Was mich stört und weswegen ich mich nicht über diesen Tweet öffentlich ausgekotzt habe: Speziell in sozialen Netzwerken sind Likes und andere Sachen so furchtbar billig zu bekommen, wenn man nur genügend Poser-Naturell in sich hat und weiß, worauf die Horde abfährt. Die Steinbach als durchgedrehte, alte Irre darzustellen? So einfach wie billig. Dafür gibt´s ganz viel virtuelles Schulterklopfen aus der eigenen Blase, was man sich ganz leicht zunutze machen kann, wenn man denn nur weiß wie.

***

Ich geb´s gerne zu, dass es solche Tage wie der Steinbach-Tweet-Tag sind, die mein latentes Unbehagen mit meiner eigenen Was-mit-Medien-Blase weiter steigen lassen. Weil sie letztendlich den selben Herdentrieben folgt wie alle anderen Blasen auch. Weil es ein paar ungeschriebene Gesetze gibt, an die man sich genauso wie in anderen Milieus  gefälligst zu halten hat. Weil es genau solche Poser und Wortführer wie andernorts gibt, ebenso wie die treudoofen Dackel, die alles geil finden, so lange es von den richtigen Leuten kommt. Und ich mag es nicht, wenn man sich andauernd gegenseitig auf die Schulter klopft. Du findest die Steinbach auch krank? Dann gehörst du zu uns, Freibier für alle!

Und leider, liebe Bubble, ist die Welt nur selten schwarz oder weiß, sondern allermeistens einfach nur grau. Mit die besten Titelseiten und Geschichten zum Thema Flüchtlinge habe ich in den letzten Wochen ausgerechnet in der „B.Z.“ gesehen, während die größten medialen Enttäuschungen der letzten Monate ausgerechnet von Leuten verantwortet wurden, von denen ich das als allerletztes erwartet hatte.

Die Kaste der Verweigerer

Drüben beim „Universalcode“ habe ich ein paar Zahlen aufbereitet, von denen ich mir erst nicht sicher war, ob sie so richtig sind. Sie würden nämlich bedeuten, dass rund die Hälfte der deutschen Journalisten mit sozialen Netzwerken nichts oder kaum etwas anfangen kann.

Auf der anderen Seite habe ich dann mal eben meine Filterblase verlassen und dann über meine Kollegen außerhalb dieser Blase nachgedacht. Dann fiel mir noch ein entferntest bekannter Kollege ein, der den schönen Satz geprägt hat: „So weit ist es schon, dass dieses Geschwafel mehr zählt als die gedruckte Zeile der Tageszeitung.“ Und ich habe drüben beim Kollegen Thomas Knüwer nachgeschaut, der  visualisiert hat, wie aktiv die Führungsriegen der deutschen Verlagshäuser in sozialen Netzwerken sind. Es wird Sie nicht überraschen, wenn ich verrate, dass das Ergebnis nur so mittelgut war. Die Kaste der Verweigerer ist immer noch ein nicht zu unterschätzender Faktor im Medien-Deutschland 2015.

Es ist also nicht sehr übertrieben, wenn man feststellt, dass Deutschlands Journalisten ein tiefer digitaler Graben trennt.  Ein Graben, bei dem auf der einen Seite diejenigen stehen, die selbstverständlich mit all den hübschen digitalen Gerätschaften hantieren, die es inzwischen so gibt. Und auf der anderen Seite diejenigen, die das alles aus den unterschiedlichsten Gründen für Teufelszeug halten. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Bei den einen mag tatsächliche Überzeugung eine Rolle spielen, bei den nächsten sind es latente Ängste, mit diesen rasanten Veränderungen nicht mehr klarzukommen. Und bei anderen wiederum ist es tatsächlich Faulheit. Das alles ist viel weniger erstaunlich als man auf den ersten Blick denken könnte. Tatsächlich sind Journalisten damit nur ein Abbild der Gesellschaft. Was sollten Journalisten auch anderes sein?

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(Grafik: Initiative D21/TNS Infratest, CC Lizenz 4.0 International)

 

So viel muss man also festhalten, wenn man über die Zukunft unserer Branche in zunehmend digitalen Zeiten nachdenkt: Man kann auf der einen oder der anderen Seite dieses Grabens stehen. Das hat nur bedingt mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Branche oder dem Alter zu tun, auch wenn es wahrscheinlich ist, dass ein 50jähriger Redakteur einer Lokalzeitung eher auf der einen und der 20jährige Student auf der anderen Seite steht.

Darüber kann man sich aufregen. Man kann die Zukunftsunfähigkeit von Journalisten und anderen Medienmenschen ernsthaft anprangern und man kann sie natürlich fragen, wie sie sich das eigentlich so vorstellen mit der Zukunft.  Natürlich kann man sich darüber wundern, wie jemand, der vermutlich gerne in Kommentaren mal fordert, die Gesellschaft als solches müsse flexibel und lernbereit bleiben, den Gebrauch eines Smartphones und von Twitter verweigert. Ich gebe auch gerne zu, dass ich das über viele Jahren mit Ausdauer getan habe. Bis ich dann gemerkt habe, dass mich solches Verhalten mehr nervt als die eigentlich Betroffenen. Das ist ziemlich bekloppt, um ehrlich zu sein.

Inzwischen – man wird ja mit der Zeit alt und weise – habe ich zu dem Thema eine restlos pragmatische Einstellung: Wer zurück bleibt, bleibt zurück. Das war schon immer so und weiß Gott nicht nur in unserer Branche. In der Musikindustrie gab es lange genug Menschen, die digitale Musik verteufelt haben, in der Autoindustrie gibt es heute noch reihenweise Manager, die lieber eine 100 Jahre alte Technologie wie den Diesel verfeinern wollen, als sich den Antriebsarten der Zukunft zu widmen. Und die lieber auf die Probleme als auf die Chancen der neuen Technologie verweisen wollen. Was soll´s? In gar nicht so ferner Zukunft fahren wir weitgehend elektrisch oder sonstwie, die fleißigen Verbrennungs- und Selbstzünder-Ingenieuere spielen dann mit sich selbst.

Was ich sagen will:  Lassen wir die, die digitale Medien blöde finden, doch einfach die digitalen Medien blöde finden. Die Energie ist weitaus besser investiert, wenn wir vernünftige Dinge vorwärts treiben, als uns über die Blockierer und Verweigerer aufzuregen.

Die sind nämlich unausrottbar.