Das üble Spiel der Populisten

Einfach mal irgendwas raushauen und dann schauen was passiert: Populisten machen es dem Journalismus gerade reichlich schwer. Auch deshalb, weil digitale Strukturen das Lügen so einfach wie noch nie machen…

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Journalismus im Radikalwandel

Warum sich Journalismus 2017 so drastisch wie nie wandeln wird, welche Trends 2017 kommen und welche eher nicht – ein Blick in die Glaskugel…

Nachrichten für alle? Das war einmal.

Nüchtern betrachtet konnte das ja nicht immer gut gehen: Immer noch mehr Informationen, mehr Texte, Videos, Bilder. Tausende Postings und Kommentare in sozialen Netzwerken. Und nicht mal mehr das Handy ist eine medienfreie Zone, im Gegenteil. Wer heute zu dem greift, was wir früher lustigerweise Telefon genannt hatten, muss sich erst mal durch eine Unzahl von Pushmeldungen, Apps und anderem Kram wühlen, ehe er zum Telefonieren kommt. Aber wieso überhaupt noch telefonieren, wenn man mit Messengern mal kurz das loswerden kann, wofür man früher erst umständlich ein Gespräch hätte beginnen müssen? Dumm nur, dass in einem solchen Messenger mittlerweile auch schon massenweise Medien-Content liegt.

Kurz gesagt: Dass Nutzer personalisieren müssen, ist eine logische Konsequenz aus dem ganzen medialen Überfluss, von dem wir umgeben sind. Selbst der Interessierteste ist nicht mehr in der Lage, überall dort zu lesen und zu schauen, wo er eigentlich müsste, um als halbwegs informiert zu gelten. Davon abgesehen: Die Suche nach dem, was wirklich interessant und relevant ist, kann ganz schön viel Zeit in Kauf nehmen. Und Nerven noch dazu.

2017 wird also das Jahr werden, in dem Medien sich endgültig verabschieden werden (müssen) von der Idee, man könne es mit einem Angebot allen recht machen. Und von der Idee, der User suche sich dann schon das Passende aus dem Haufen Informationen heraus, dem man ihm hinwirft. Stattdessen: Entbündelung, Personalisierung, das ganze Programm.

Projekte wie „XMinutes“ sind ein Vorläufer dessen, was uns erwartet: Die Idee nämlich, Medien und Informationen so zu präsentieren, dass wir nicht mehr endlos suchen und scrollen müssen.

Wenn man so will, dann sind auch die inzwischen einigermaßen angesagten Chatbots ein Schritt zur Personalisierung.  Denn bei ihnen geht es nicht nur primär um die andere Ansprache, sondern eben auch darum, dem User nicht einfach Nachrichten hinzuwerfen, sondern ihm die Möglichkeit zu geben, andere Aspekte zu erfahren. Für jeden ist damit eine Nachricht anders – eben personalisiert.

Alles ist Video

Was waren das für selige Zeiten, in denen man als Journalist auch mal noch ein Video zu irgendwas produzieren konnte. Das war dann aber schon der Gipfel der Multimedialität: Wow, wir haben auch ein Video zu der Geschichte!

Heute: Video ist alles. Alles ist Video. Video ist nicht nur eine Erzählform, sondern der wichtigste Bestandteil eines virtuellen Echtzeit-Parallel-Universums. Egal, ob mit den inzwischen fest etablierten Livestream-Angeboten von sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter oder mit irgendwas anderem: Künftig werden wir es mit einer ganzen Reihe von Anwendungen zu tun haben, die jederzeit on air gehen können, um die Wirklichkeit live zu streamen oder in kurzen Fetzen aufzunehmen. Die Snapchat-Brille ist ein erster Schritt in diese Richtung. Einer, der im Gegensatz zur Google-Brille aus zwei Gründen nicht scheitern wird. Grund eins: Die Google-Brille ist als potentielles Monster wahrgenommen worden. Eines, dass eine Welt- und Bewusstseinsveränderung bewirkt und zudem jederzeit und ohne Vorwarnung aufnehmen und senden kann.

Die Snap-Brille positioniert sich clevererweise anders. Als ein ebenso cooles wie witzig-harmloses Gadget, das eigentlich nur spielen will. Eine GoPro in klein und als Brille. Da kommt niemand auf die Idee, es handle sich dabei um ein Privatsphäre-Datenmonster.  Schon gleich gar nicht in der Snapchat-Zielgruppe. Und auch nicht beim clever aufgebauten Image der Snapchatter, nachdem es sich dabei ja nur um ein lustiges Tool für alberne 16jährige handle. Bei Google hatte man immer im Hinterkopf, dass der Konzern ja mindestens die Weltherrschaft anstrebt und es außerdem mit Daten und Privatsphäre eh nicht sehr genau nimmt.

Wie dem auch sei: Video wird das Fenster in die Welt und geht weit über das hinaus, was das Fernsehen bewirken konnte. Digitales Video ist keine „gebaute“ Kunstwelt. Keine Beiträge, in denen Menschen in merkwürdigen Verrenkungen für „Schnittbilder“ posieren müssen und in denen erst mal Kulissen aufgebaut werden müssen.

Video: haben wir alle bei uns, nutzen wir inzwischen sogar bevorzugt zum Telefonieren und ist auch für Journalisten ein Instrument, auf das sie keinesfalls verzichten sollten.

360 Grad/VR

Bei ungefähr jedem Ding, das mal groß werden könnte, tauchen ein paar grundsätzliche Fragen auf. Ist das jetzt ein Hype oder doch von Dauer? Spielzeug – oder braucht mal das wirklich? Das ist beim Thema 360 Grad auch nicht sehr viel anders und erinnert an die Debatte um das inzwischen wieder ganz schön zurückgefahrene Thema 3D. Im Kino ist man nach ein paar Filmen als Besucher schnell wieder an der Erkenntnis angelangt, dass ein Film in 360 Grad nicht besser oder schlechter, sondern bestenfalls effektreicher wird.

 

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Da ist es natürlich legitim, diese Frage auch beim Thema 360 Grad zu stellen. Der Unterschied könnte allerdings der sein: Ein Film in 3D sieht halt einfach anders aus, ist aber immer noch derselbe Film. 360 Grad bietet dagegen eine ganze Reihe journalistischer Optionen. Die wichtigste dabei: Man kann endlich den User buchstäblich an den Ort des Geschehens mitnehmen. Er kann sich selbst ein Bild machen. Und das ist dann in der Tat ein Mehrwert. Wie man eine Geschichte in 360 Grad am besten erzählt, wie man Bild, Text und andere Elemente miteinander vermischt, das wird noch eine ganze Reihe von Experimenten nach sich ziehen. Trotzdem: Auch wenn man natürlich auch in Zukunft nicht jede Geschichte als 360Grad-Story erzählen wird – spätestens im kommenden Jahr wird die Technologie zu einem (digital-)journalistischen Standard werden.

Das Ende der Homepage

Vor kurzem habe ich mal einen Vortrag gehalten über dieses Internet und wie es sich entwickelt. Vor Menschen, die sich zwar dafür interessieren, aber nicht gerade zur digitalen Avantgarde gehören. Irgendwann sagte jemand dann mal was zum Thema „Homepage“. In dem Moment habe ich mich ertappt, wie ich innerlich ein leicht nostalgisches Grinsen aufgesetzt habe. Ach ja, die gute alte Homepage, Tage, an denen man irgendwo noch „www“ eingeben musste.

Tempi passati, es lebe der Intermediär. Also jener Zwitter, der zwar eine wie auch immer geartete Plattform zur Verfügung stellt, in dem sich Menschen und Anbieter treffen. Facebook, Snapchat, WhatsApp, der ganze Kram. Oder auch: der kleine Roboter. Nicht mehr lange – und in vielen Häusern stehen so lustige Dinger wie Amazons Alexa rum, die (wenn sie denn erstmal ein bisschen schlauer sind) die Homepage endgültig zu einem Relikt der Anfangstage des Netzes machen.dsc_6771-m4v-00_00_12_08-standbild001

Was letztendlich mit einem Phänomen zu tun hat, das immer stärker wird. Die Flut an Medien ist nicht mehr beherrschbar. Würde man den Gedanken des Systems Homepage im Jahr 2017 konsequent zu Ende denken, er würde bedeuten, dass man aus dem www-Tippen nicht mehr herauskäme. Klar, ich mache das ab und an selbst noch gar gerne, mich mal an einem bevorzugt Sonntag-Nachmittag ein bisschen durchs Netz treiben zu lassen, verschiedene Seiten anzusteuern und einfach mal zu lesen, was die so machen. Meistens ist das aber spätestens am Montag wieder vorbei. Weil mir die Zeit fehlt. Und weil es ausreichend viele Angebote gibt, die mir alles bringen, was ich brauche, ganz ohne langes Surfen.

Ruft da jemand Filter Bubble?  Weiß ich schon. Bringe ich dann ab und zu zum Platzen. Bevorzugt Sonntagnachmittags. Nur weil ich halbwegs intelligente Formeln meinen Info-Bedarf ermitteln lasse, heißt das ja noch lange nicht, dass ich dieser Formel alles glaube. Sonst müsste ich mich ja immer noch über einen Präsidenten Trump wundern.

Geschlossene Systeme, Dienstleister, Assistenten

Das alles schreit also zunehmend nach Personalisierung, die demnächst nicht mal mehr im Ansatz das sein wird, was wir momentan fälschlicherweise noch so nennen. Bisher ist das ja meistens so: Man kann anhand von ein paar Rubriken und Tags festlegen, was man bevorzugt wissen möchte. Was grundsätzlich ja nicht verehrt ist. Nur leider meistens nur so lala funktioniert. Zumindest dann, wenn Menschen dahinter stecken. Algorithmen hingegen sind, auch wenn´s weh tut, in dieser Hinsicht meistens schon schlauer als wir Menschen.

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Mittlerweile sogar schon so schlau, dass Konzerne wie Google ihre Smartphone inzwischen umbauen zu echten persönlichen Assistenten. Allerdings auch zu geschlossenen Systemen, in dem sich Nutzer noch mehr als bisher aufhalten sollen.  Wer die Entscheidung für ein Smartphone trifft, entscheidet sich auch dafür, sein halbes Leben  in die Hände eines Großkonzerns zu geben.

Engagement

Und was machen wir jetzt mit all diesen Erkenntnissen? In einem Jahr, in dem sich der Wandel noch rasanter fortsetzen wird und in dem Donald Trump Präsident werden wird? In dem Google, Facebook, Snapchat und all die anderen uns zeigen werden, was Homeless Media wirklich bedeutet? Und in dem man uns weiter als Lügner und Manipulatoren und weiß Gott noch alles bezeichnen wird?

Reden!

Das Zauberwort Engagement ist eines, dass im Journalismus auch 2016 allen Sonntagsreden zum Trotz noch nicht erst genommen wurde. Zumindest, wenn man unter Engagement mehr versteht, als gelegentlich auch mal auf einen Nutzerkommentar zu antworten.

Engagement ist mehr: Rein in die Netzwerke! Auf in den journalistischen Häuserkampf! Nicht einfach warten, bis jemand sich mal zu uns bequemt. Nicht gleich kopfschüttelnd „Populismus“ schreiben und nicht gleich jeden als Dummkopf bezeichnen, der ernsthaft (mit Betonung: ernsthaft) besorgt ist. Den Satz „Du könntest recht haben“ hart man, zur Seite gedacht, im Netz ohnehin viel zu selten.

Engagement heißt: Raus aus der journalistischen Komfortzone. 2017: mehr als je zuvor.

Das OEZ und die Leere bei Twitter

Die Vorgänge am Münchner OEZ, Würzburg, Ansbach und Nizza haben eines gezeigt: Es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen Journalismus und sozialen Netzwerken. Was bedeutet, dass wir als Journalisten auch etwas ganz anderes leisten müssen. Wir sind nicht Twitter – und das ist auch gut so.

Die Kollegen des Schweizer „Medienspiegel“ staunten nicht schlecht. „Ausgerechnet“ Sascha Lobo habe in seiner letzten SPON-Kolumne verkündet, künftig bei Nachrichtenlagen wie denen, von denen wir unlängst öfters welche hatten, dieses Twitter ausschalten zu wollen (angeblich auf Anraten seiner Frau). Das ist allerdings gar nicht so erstaunlich, wie es auf den ersten Blick aussehen mag, sondern spricht ziemlich für Lobo und noch mehr für seine Frau.  Weil Twitter (und andere soziale Netze) in den Tagen der Anschläge und Amokläufe unfreiwillig die Crux solcher Plattformen offenbart haben: Sie sind Fluch und Segen zugleich. Das zwingt Journalisten und Redaktionen dazu, ihre häufig uneingeschränkt positive Haltung zu solchen Instrumenten wenigstens zu überdenken.

Twitter war am Abend des Münchner Amoklaufes am OEZ eindeutig mehr Hölle als Himmel. Natürlich sind dort an diesem Abend großartige Dinge passiert. Aber in der Summe dessen, was an diesem Abend auf uns einstürzte, war es unbrauchbar und manchmal abstoßend. Man muss für letzteres nicht mal die wie immer kalkuliert provozierenden AfD-Tweets („Mit uns würde das alles nicht passieren“) heranziehen. Das ist mittlerweile so erwartbar wie öde. Es ist vielmehr der Schutz der Anonymität. In ihm entstehen Tweets wie der, in dem jemand um kurz nach 18 Uhr behauptete, am OEZ habe es einen Bombenanschlag mit 250 Toten gegeben. Das war erkennbar Unsinn. Vermutlich ist es deshalb bei diesem einen eklatanten Blödsinn geblieben.

Es war vielmehr die Flut, die Twitter zu einem Kanal machte, der kontraproduktiv wirkte. Eine Echokammer, in die unzählige Menschen hinein brüllten, so dass am Ende nichts mehr zu verstehen war. Ein Newsfeed, der vorgaukelte, es handle sich um Nachrichten im klassischen Sinn. Dabei gab es an vielen Stellen nicht nur Spekulatives sondern schlichtweg Falsches zu lesen. Selbst wenn man dagegen hält, dass es ohne soziale Netzwerke Aktionen wie die „Offenen Türen“ nicht hätte geben können: Unter dem Strich konnte man zwar Richtiges aus der Echokammer heraushören, man brauchte aber viel Glück dafür.

Lehren aus OEZ, Ansbach, Würzburg, Nizza

Das müsste man als Lehre aus den letzten Wochen als Journalist oder als Digitalstratege bedenken: Natürlich können soziale Netzwerke ein echter Segen sein. Aber sich in einen Wettlauf mit ihnen zu begeben, zu versuchen, in einem Rattenrennen um die am schnellsten herausgehauene Nachricht zu sein, führt zu nichts. Schnelles Heraushauen ist ohnehin eine eher fragliche Angelegenheit. Wenn man dann in solche Situationen wie am Münchner OEZ gerät, dann stößt diese ganze Atemlosigkeit des sogenannten Echtzeitjournalimus an ihre Grenzen. Und spätestens dann stellt sich die Frage, ob wir diese Sache mit dem Live- und Echtzeitjournalismus in sozialen Netzwerken nicht nochal überdenken sollten. Aus mehreren Gründen:

  • Echtzeit bedeutet zwangsweise immer, dass man eben auch nur Eindrücke wiedergibt. Und da ist es einfach ein Unterschied, ob man solche Eindrücke von einem Fußballspiel oder einem Amoklauf wiedergibt.
  • Soziale Netzwerke sind ein süchtig und nie zufrieden machender Mahlstrom. Sie haben keinen Anfang und logischerweise auch bei Ende. Es gibt niemanden, der sich hinstellt und sagt: Das war´s für den Augenblick, mehr wissen wir nicht – und wenn ihr noch so oft auf Aktualisieren geht. Genau das müsste man aber machen, wenn man es mit den Aufgaben des Journalismus in solchen Situationen erst meint.
  • Weil dieser Mahlstrom niemals endet und weil er nach immer neuen Tweets, Posts, Fotos und Videos schreit, ist die Verlockung naheliegend.  Man redet weiter, selbst wenn gar nichts Neues und Essentielles mehr zu sagen hat. Bei Twitter findet man trotz allem nochmal irgendwas. Im TV stehen Reporter hilflos da und müssen irgendwie verklausulieren, dass es für den Moment nichts Neues gibt.

Irgendwann gelangt man dann zu einer Simulation des Journalismus. Was unsinnig ist, ebenso übrigens wie die hysterische Debatte darum, dass ARD und ZDF während des Türkei-Putsches nicht sofort alle Programme unterbrochen haben. Da mag nichts alles optimal gelaufen sein, aber trotzdem: Wenn es halt nichts Neues gibt, dann wird das auch durch eine sofortige Programmunterbrechung nicht besser.

Ich bin in den letzten Wochen öfter mal gefragt worden, ob der Journalismus in den letzten Wochen nicht versagt hat. Die Frage zielte zumeist darauf ab, ob „der Journalismus“ nicht einfach zu langsam gewesen sei im Vergleich mit Twitter und Konsorten. Das glaube ich absolut nicht. Versagt hat Journalismus bestenfalls dann, wenn er versucht hat, das Tempo der Netzwerke mitzugehen. Es gibt nämlich einen entscheidenden Unterschied zwischen Journalismus und sozialen Netzwerken: Von Twitter erwartet niemand, dass alles, was dort steht, auch richtig ist. Von Journalisten kann und muss man das erwarten.

Content, Kontext, Device

Müssen wir nicht alle bei Snapchat sein? Momentan gibt es mal wieder die Debatten. So wie es solche Debatten mittlerweile alle paar Monate gibt. Der Effekt dieser Debatten ist übrigens hübsch zu beobachten: Erst stürzen sich alle einigermaßen viele wie die Lemminge auf diese neuen Dinger, man wird mit Push-Meldungen zugebombt, wer jetzt gerade snapt oder streamt – und irgendwann ist das Ding, das gerade noch die Zukunft war, tot (siehe: Meerkat). Es empfiehlt sich also bei der Beurteilung von Hypes, auch mal ein bisschen längerfristig zu denken.

Längerfristig und beurteilen, das sagt sich so leicht. Vor allem gemessen daran, dass uns mehr oder weniger kurzlebige Trends im digitalen Journalismus inzwischen seit vielen Jahren begleiten und es vermutlich eine lange Liste von Dingen gibt, deren Lebenszyklus zwischen den Polen „next big thing“  und der stillen Beerdigung nicht sehr lange war. Es gibt jedenfalls inzwischen eine ganze Menge Medienmacher, die sich mit einer ordentlichen Portion Fatalismus irgendwelche Dinge runterladen, sie ausprobieren und sie dann ggf. auch schnell wieder vergessen. Nicht alles, so viel haben wir nach rund 20 Jahren jetzt gelernt, ist es wert, dauerhaft auf dem Radar belassen zu werden.

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Aber wie beurteilt man nun, ob sich etwas lohnt oder nicht? Was macht digitales Erzählen aus, was ist Hype und was ist von Dauer? Und vor allem: Wie bekommt man Zufälligkeit und Beliebigkeit aus dem digitalen Storytelling? Was unbestritten die größte Gefahr ist, wenn man plötzlich enorm viele verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung hat: Man gerät in die Versuchung, all diese Möglichkeiten auch zu nutzen – weil man es ja kann. Und deswegen finden sich plötzlich Videos, Audios, Animationen, datenjournalistische Anwendungen und  360-Grad-Videos in einem einzigen Stück, obwohl die Hälfte davon vielleicht gar keinen Sinn macht.

Was aber macht denn dann Sinn? Das ist, will man in einem digitalen Narrativ erzählen, die wichtigste Frage. Die sich leider nur mit einem „kommt drauf an“ beantworten lässt. Das klingt auf den ersten Blick nach einer schlechten Nachricht, dabei ist das der gar nicht mal so schlecht. Weil man die Kriterien, auf die es ankommt, einschränken kann. Alles dreht sich schlechtweg um die Frage, auf welchem Endgerät welcher Inhalt in welchem Kontext stattfinden soll.

Content – Kontext – Endgerät: Diese drei Faktoren entscheiden darüber, wo welcher Inhalt angebracht ist. Und das ist auch der Grund dafür, warum ich mich gemeinsam mit der UVK-Lektorin Sonja Rothländer dafür entschieden habe, diese kleine, griffige Formel auch zum Untertitel von „Universalcode 2020“ zu machen. In der leisen Hoffnung, dass sie etwas ist, an was man sich erinnern kann, wenn man mal wieder dasitzt, vor Kameras, Aufnahmegeräten, Smartphones, Mikros und 360-Grad-Linsen, wenn man mal wieder überlegen muss, was man jetzt twittert, facebookt, snapt, instagramt, youtubet. Oder gleich einen „Instant Article“ produzieren soll, der einem kleinen multimedialen Feuerwerk gleich kommt.

Heiß-hassgeliebte Bubble

Erika Steinbach, eine erzkonservative Politikerin und langjährige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, hat etwas wenig Überraschendes gemacht: Sie hat einen Tweet abgesetzt, über den man sich aufregen kann, weil er potentiell fremdenfeindlich ist. (Man kann es auch lassen, weil es nur Erika Steinbach ist, aber dazu später):

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Wenn man auch nur ein bisschen weiß, wer Erika Steinbach ist, dann kann man an diesem Tweet nichts wirklich Überraschendes finden. Frau Steinbach äußert sich regelmäßig in diese Richtung. Was übrigens ihr gutes Recht ist, ebenso wie es das gute Recht anderer ist, diesen Tweet wahlweise doof, ärgerlich, rassistisch oder einfach nur billig zu finden.

Wenig überraschend war dann auch das, was kurz darauf in meiner Filterblase einsetzte: Empörung. In meinen diversen Timelines tauchten in einem erwartbarem Tempo erwartbare Äußerungen auf. Ob diese Frau noch ganz bei Trost sei, dass dies eine Unverschämtheit ganz der Nähe geistiger Brandstiftung sei, dass diese Frau Steinbach…(setzen Sie hier bitte Beschimpfungen aller Art ein).

Ich habe mich, zugegeben, amüsiert. Über zweierlei. Darüber, dass es Menschen, die mit gezielten Provokationen Menschen provozieren wollen, immer noch vergleichsweise einfach haben, selbst bei Menschen, von denen ich eigentlich denke, dass sie für psychologische Taschenspielertricks wenig empfänglich sind. Und zum anderen darüber, wie sehr erwartbar leider auch meine eigene Filterbubble ist. So wie die Steinbach-Filterbubble erwartungsgemäß „Gutmenschen“ quäkt, brüllt meine eigene sofort „Brandstifterin“ oder Ähnliches. Das ist natürlich völlig in Ordnung so, zeigt aber, warum es so schwierig, ja beinahe unmöglich geworden ist, sich im digitalen Zeitalter in sozialen Netzwerken ernsthaft auseinanderzusetzen.

Und es zeigt auch, warum es soziale Netzwerke so furchtbar schwer machen, sich auch mal mit der – selbstredend unwahrscheinlichen – Möglichkeit auseinanderzusetzen, dass der andere Recht haben könnte. (Bevor ihr jetzt laut losbrüllt, nein, ich denke nicht, dass Frau Steinbach Recht hat). Immerhin wurde der Steinbach-Tweet fast tausend Mal gelikt, was zumindest den Rückschluss zulässt, dass es noch mindestens eine andere Filter Bubble gibt, die von sich ebenso wie wir glaubt, sie leben in der einzig richtigen Filter Bubble.

Was mich stört und weswegen ich mich nicht über diesen Tweet öffentlich ausgekotzt habe: Speziell in sozialen Netzwerken sind Likes und andere Sachen so furchtbar billig zu bekommen, wenn man nur genügend Poser-Naturell in sich hat und weiß, worauf die Horde abfährt. Die Steinbach als durchgedrehte, alte Irre darzustellen? So einfach wie billig. Dafür gibt´s ganz viel virtuelles Schulterklopfen aus der eigenen Blase, was man sich ganz leicht zunutze machen kann, wenn man denn nur weiß wie.

***

Ich geb´s gerne zu, dass es solche Tage wie der Steinbach-Tweet-Tag sind, die mein latentes Unbehagen mit meiner eigenen Was-mit-Medien-Blase weiter steigen lassen. Weil sie letztendlich den selben Herdentrieben folgt wie alle anderen Blasen auch. Weil es ein paar ungeschriebene Gesetze gibt, an die man sich genauso wie in anderen Milieus  gefälligst zu halten hat. Weil es genau solche Poser und Wortführer wie andernorts gibt, ebenso wie die treudoofen Dackel, die alles geil finden, so lange es von den richtigen Leuten kommt. Und ich mag es nicht, wenn man sich andauernd gegenseitig auf die Schulter klopft. Du findest die Steinbach auch krank? Dann gehörst du zu uns, Freibier für alle!

Und leider, liebe Bubble, ist die Welt nur selten schwarz oder weiß, sondern allermeistens einfach nur grau. Mit die besten Titelseiten und Geschichten zum Thema Flüchtlinge habe ich in den letzten Wochen ausgerechnet in der „B.Z.“ gesehen, während die größten medialen Enttäuschungen der letzten Monate ausgerechnet von Leuten verantwortet wurden, von denen ich das als allerletztes erwartet hatte.

Die Kaste der Verweigerer

Drüben beim „Universalcode“ habe ich ein paar Zahlen aufbereitet, von denen ich mir erst nicht sicher war, ob sie so richtig sind. Sie würden nämlich bedeuten, dass rund die Hälfte der deutschen Journalisten mit sozialen Netzwerken nichts oder kaum etwas anfangen kann.

Auf der anderen Seite habe ich dann mal eben meine Filterblase verlassen und dann über meine Kollegen außerhalb dieser Blase nachgedacht. Dann fiel mir noch ein entferntest bekannter Kollege ein, der den schönen Satz geprägt hat: „So weit ist es schon, dass dieses Geschwafel mehr zählt als die gedruckte Zeile der Tageszeitung.“ Und ich habe drüben beim Kollegen Thomas Knüwer nachgeschaut, der  visualisiert hat, wie aktiv die Führungsriegen der deutschen Verlagshäuser in sozialen Netzwerken sind. Es wird Sie nicht überraschen, wenn ich verrate, dass das Ergebnis nur so mittelgut war. Die Kaste der Verweigerer ist immer noch ein nicht zu unterschätzender Faktor im Medien-Deutschland 2015.

Es ist also nicht sehr übertrieben, wenn man feststellt, dass Deutschlands Journalisten ein tiefer digitaler Graben trennt.  Ein Graben, bei dem auf der einen Seite diejenigen stehen, die selbstverständlich mit all den hübschen digitalen Gerätschaften hantieren, die es inzwischen so gibt. Und auf der anderen Seite diejenigen, die das alles aus den unterschiedlichsten Gründen für Teufelszeug halten. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Bei den einen mag tatsächliche Überzeugung eine Rolle spielen, bei den nächsten sind es latente Ängste, mit diesen rasanten Veränderungen nicht mehr klarzukommen. Und bei anderen wiederum ist es tatsächlich Faulheit. Das alles ist viel weniger erstaunlich als man auf den ersten Blick denken könnte. Tatsächlich sind Journalisten damit nur ein Abbild der Gesellschaft. Was sollten Journalisten auch anderes sein?

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(Grafik: Initiative D21/TNS Infratest, CC Lizenz 4.0 International)

 

So viel muss man also festhalten, wenn man über die Zukunft unserer Branche in zunehmend digitalen Zeiten nachdenkt: Man kann auf der einen oder der anderen Seite dieses Grabens stehen. Das hat nur bedingt mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Branche oder dem Alter zu tun, auch wenn es wahrscheinlich ist, dass ein 50jähriger Redakteur einer Lokalzeitung eher auf der einen und der 20jährige Student auf der anderen Seite steht.

Darüber kann man sich aufregen. Man kann die Zukunftsunfähigkeit von Journalisten und anderen Medienmenschen ernsthaft anprangern und man kann sie natürlich fragen, wie sie sich das eigentlich so vorstellen mit der Zukunft.  Natürlich kann man sich darüber wundern, wie jemand, der vermutlich gerne in Kommentaren mal fordert, die Gesellschaft als solches müsse flexibel und lernbereit bleiben, den Gebrauch eines Smartphones und von Twitter verweigert. Ich gebe auch gerne zu, dass ich das über viele Jahren mit Ausdauer getan habe. Bis ich dann gemerkt habe, dass mich solches Verhalten mehr nervt als die eigentlich Betroffenen. Das ist ziemlich bekloppt, um ehrlich zu sein.

Inzwischen – man wird ja mit der Zeit alt und weise – habe ich zu dem Thema eine restlos pragmatische Einstellung: Wer zurück bleibt, bleibt zurück. Das war schon immer so und weiß Gott nicht nur in unserer Branche. In der Musikindustrie gab es lange genug Menschen, die digitale Musik verteufelt haben, in der Autoindustrie gibt es heute noch reihenweise Manager, die lieber eine 100 Jahre alte Technologie wie den Diesel verfeinern wollen, als sich den Antriebsarten der Zukunft zu widmen. Und die lieber auf die Probleme als auf die Chancen der neuen Technologie verweisen wollen. Was soll´s? In gar nicht so ferner Zukunft fahren wir weitgehend elektrisch oder sonstwie, die fleißigen Verbrennungs- und Selbstzünder-Ingenieuere spielen dann mit sich selbst.

Was ich sagen will:  Lassen wir die, die digitale Medien blöde finden, doch einfach die digitalen Medien blöde finden. Die Energie ist weitaus besser investiert, wenn wir vernünftige Dinge vorwärts treiben, als uns über die Blockierer und Verweigerer aufzuregen.

Die sind nämlich unausrottbar.

Erregungs-Maschine Internet

Gelegentlich gibt es Debatten, über die man nur den Kopf schütteln möchte. Vor allem dann, wenn sie im (sozialen) Netz mal wieder mit einer Vehemenz geführt werden, dass man meinen könnte, die Welt sei akut vom Untergang bedroht. Und wenn sie über Dinge geführt werden, die man bestenfalls als irrelevant bezeichnen könnte.

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Was ist passiert? Die Kanzlerin ist in Rostock mit einigen Kindern und Jugendlichen konfrontiert worden. Dabei u.a. auch mit einem Mädchen, das seit ein paar Jahren mit ihren Eltern in Deutschland lebt und dessen Familie mittlerweile von der Abschiebung bedroht ist. Das Mädchen beginnt zu erzählen von ihren Träumen von einem Leben in Deutschland und vor allem von Teilhabe. Es erzählt davon, wie unerträglich es ist, immer nur den anderen zuzuschauen, wie sie ein gutes Leben führt, während man selbst davon ausgeschlossen ist.

Und Angela Merkel macht…ja, was macht sie eigentlich? Darüber streitet das Netz mit einer Vehemenz, die man wahlweise entweder verblüffend nennen kann, wenn man das Netz nicht so gut kennt. Oder typisch, wenn man die Neigung zu Aufgeregtheit insbesondere in sozialen Netzwerken schon ein bisschen durchdrungen hat. Man kann in die Reaktion der Kanzlerin nahezu alles interpretieren. Man kann sie als unbeholfen betrachten, was offen gestanden auch mein Eindruck ist. Man kann sie als kalt und hart wahrnehmen, weil sie in der Gegenwart der Kinder eben nicht die liebe Mutti gegeben hat.

Man kann noch etliche andere Dinge vermuten, die man so vermuten kann, wenn man ein bisschen Küchenpsychologie betreiben will. Nachdem aber wahrscheinlich 99 Prozent derer, die da debattierten, die Kanzlerin gar nicht oder so wenig kennen, dass sie sich kaum ein Urteil erlauben können, bleibt alles eben nur: Spekulation. Küchenpsychologie. Eine Sache, die irgendein Gefühl trifft, aber keineswegs die Ratio. Oder womöglich sogar Wissen.

Die Macht der Bilder und der sozialen Netzwerke

Deswegen würde ich an dieser Stelle diese Debatte auch gar nicht fortführen wollen. Ich weiß nicht, ob es Absicht oder unfreiwillig war, aber Sascha Lobo hat die Debatte an ihren Punkt gebracht: Wenn man das Problem habe, Angela Merkel sympathisch zu finden, müsse man sich nur mal dieses Video anschauen, twitterte er. Genau das ist (leider) der Punkt: In dieser ganzen aufgeregten Debatte geht es ja nicht mal so sehr um handfeste Politik. Sondern um die Frage, ob man Frau Merkels Auftreten nun sympathisch findet oder nicht. Was nebenbei bemerkt ziemlich perfide ist: Den emotionalen Kampf gegen ein herzzerreißend weinendes junges Mädchen gewinnt niemand, nicht mal Sascha Lobo.

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Die Geschichte mit der Kanzlerin zeigt aber auch exemplarisch anderes: die Veränderung von öffentlicher Wahrnehmung und Meinungsbildung. Es ist eine hübsche Ironie, dass innerhalb einer Woche zweimal die Kanzlerin daran beteiligt war, uns diese Veränderungen vor Augen zu führen. Erst ließ sie sich von einem YouTuber interviewen (noch so ein Riesenaufreger!), danach löste sie einen veritablen Shitstorm aus. Merkels Karriere in 20 Jahren: Mädchen, Mutti, Monster. Die hässliche Deutsche schlechthin, sogar für uns Deutsche. Man debattierte also über Bilder, über Emotionen, über sehr viele Dinge, von denen man wenig bis gar nichts weiß – weswegen am Ende das eigentliche Thema ein bisschen kurz kam, weil man über die Problematik der Flüchtlingspolitik nicht so viel reden konnte, wenn man doch erst einmal verhandeln muss, wie die Kanzlerin ticken könnte, also so rein emotional.

Aber so entstehen mittlerweile PR-Desaster. Man muss nicht lange darüber debattieren, ob man das sinnvoll finden soll. Natürlich ist es das nicht. Es ist einfach so. Ein paar ungünstige  Bilder, ein paar Posts der Klassensprecher in der Filter Bubble, schon ist man mittendrin in der schönsten Empörungswelle. Und wie das eben so ist mit Empörung: Sie ist erst mal laut und alles andere niederwalzend und lässt nur ganz wenig Zeit und Raum, um eine Debatte um das eigentliche Thema zu führen.

Es kann jeden treffen, je nach dem, wie die Befindlichkeiten gerade stehen

Ist das also jetzt gerade eine Verteidigungsrede für die Kanzlerin? Natürlich nicht, ebenso wenig wie eine Kritik an ihr. Weil es bei diesen ganzen Geschichten nicht um die Kanzlerin geht. In der publizistischen Erregungsmaschine kann es jederzeit jeden treffen. In dieser ganzen Überreiztheit ist zunehmend weniger Platz für Zwischentöne. Ist die Merkel jetzt gut oder böse, kann man Gauck wählen oder nicht, geht die Welt unter oder bleibt sie doch noch stehen?

Und ja, leider sind es nicht ganz selten die populistischen Lautsprecher, die am ehesten gehört werden, wenn alle durcheinander brüllen. Über die Flüchtlinge wurde während #merkelstreichelt eher weniger geredet und das arme Mädel, das ungewollt Auslöser für den ganzen Irrsinn war, das führt man jetzt gerne ein bisschen spazieren, man würde es selbstverständlich begrüßen, wenn sie und ihre Familie nicht abgeschoben würden – ja, und dann? Krault man sich das Bauchilein und findet sich selbst toll, weil man wieder was Gutes getan hat?

Schön wäre es also in der besten aller Welten, wenn wir wieder über Dinge debattieren könnten und weniger über verunglückte Auftritte, umstrittene Zitate oder alles andere, was in Zeiten der Macht der Bilder und der sozialen Netze gerne etwas wohlfeil ist.

Dass das vermutlich ein sehr frommer Wunsch bleiben wird, das ist sogar mir klar.

 

Crossmedia ist tot

2015 kommt – und damit das Jahr, in dem die neue digitale Medienwelt endgültig Gestalt annimmt. 5 Thesen, wie man sich dort am besten positioniert.

1.Vergesst Crossmedia!

Irgendwie ist es ja schon lustig, wie das in der Branche läuft mit diesem Internet: Irgendwann ploppen ein paar Schlagworte auf, die dann liebevoll adaptiert und fortan in ungefähr jeder  Diskussion verwendet werden. „Crossmedia“ ist so eines. Es existiert zwar schon einige Jahre, trotzdem scheut sich selbst ein WDR-Intendant nicht, der „Zeit“ im Jahr 2014 ernsthaft zu erzählen, die Zukunft der gesamten Branche sei irgendwie „crossmedial“. Dem kann man natürlich nicht so richtig widersprechen. Besonders treffend ist es dennoch nicht. Weil „Crossmedia“ ja erst einmal nur eines ist: Inhalte auf zwei Kanälen auszuspielen, so dass sie sinnvoll und ergänzend miteinander verknüpft sind. Das heißt aber auch: Das eine setzt das andere voraus. Genau das ist es aber nicht, was sich aus den Entwicklungen insbesondere der letzten beiden Jahre ablesen lässt. Im Gegenteil: Angesichts der Zersplitterung in viele verschiedene Kanäle, die Nutzer inzwischen nun mal einfach frequentieren, ist es weitaus vernünftiger, erst einmal jeden Kanal einzeln zu betrachten. Das mag verwirrend klingen, weil es das pure Gegenteil von dem ist, was über Jahre hinweg postuliert wurde (Offenlegung: teilweise auch von mir). Tatsächlich aber hat das bisherige „crossmediale“ Denken zur Folge, dass zwar unterschiedliche Kanäle bestückt werden, dies aber meistens dann doch nur in der mehr oder weniger deutlich ausgesprochenen Aufforderung landet, man möge doch am Ende bitte wieder zum eigentlichen „Hauptkanal“ zurück kehren. Natürlich kann es sinnvoll sein, beispielsweise eine Geschichte im Blatt mit einem Video auf der Webseite zu verbinden. Wenn sich die Idee aber alleine darin erschöpft, dann wäre es am Ende eben doch nur Zeitung (oder TV/Radio) mit ein bisschen Internet hintendran. Eine zukunftsfähige Strategie ist das aber noch lange nicht.

Und wenn wir schon dabei sind: Spätestens, seit es Wolfgang Blau bei der „Besser Online“-Tagung gesagt hat, ist das gottlob kein Sakrileg mehr: Online und Print/TV/Radio gehören nicht zwingend zusammen. Gemeinsam strategisch denken, das ist das eine. Alle zusammenwerfen, um dann Dinge zu machen, die man nur so mittelgut kann, ist das andere. Es gilt ja schon seit Jahren als common sense, dass Journalisten ungefähr alles können müssen. Das ist Unsinn, weil das niemand kann. Man muss das jeweils andere Medium begreifen, sicher. Man muss aufhören, nur an sich selbst und den eigenen Kanal zu denken, auch das ist klar.  Und wenn sich jemand findet, der für den jeweils anderen auch noch mitproduzieren kann, wunderbar. Ansonsten: Verabschiedet euch endlich von der Wunschvorstellung, dass jeder alles kann und es für jeden Beitrag noch irgendwas anderes gibt, was man anderswo ergänzend publizieren kann. Anders gesagt: Vergesst endlich die Crossmedia-Doktrin der letzten Jahre. Hübsches Schlagwort, das irgendwann aber zu Totschlagwort geworden ist.

2. Fahrt auf Sicht!

In Bamberg und in Heilbronn versuchen sie es jetzt mal mit „WhatsApp“. Wenn gefühlt die ganze Welt über dieses Ding kommuniziert, dann müsste es doch möglich sein, auch als Zeitungshaus dort ein paar Inhalte unterzubringen. Mit der Idee sind sie dort nicht ganz alleine, im Sommer hatten bereits BBC und SF mit solchen Experimenten begonnen – und auch ein renommiertes Blatt wie der „Standard“ in Wien hat inzwischen seinen eigenen Channel für den weltweit beliebtesten Messenger.

Das klingt erst einmal plausibel. Auch bei einem Netzwerk wie „Facebook“, originär sicher kein journalistisches Medium, würde heute kein vernünftiger Mensch mehr abstreiten, dass es für Medien sinnvoll ist, dort irgendwie präsent zu sein. Kein Mensch weiß, ob das funktionieren wird. Wie auch, so ganz ohne Erfahrungswerte. Es gibt gute Gründe, die dafür sprechen, dass man Menschen auf Messengern gut mit journalistischen Inhalten erreichen kann. Dummerweise gibt es aber auch genauso gute Gründe, die dagegen sprechen. Ohne den Versuch also werden wir es nie wissen. Kann sein, dass wir in ein paar Jahren über diese Schnapsidee lachen.

Aber so ist das nun mal in unserer digitalen Medienwelt. Und es ist schon immer so gewesen: Prognosen haben das Problem,  nur Prognosen zu sein. Die Weltgeschichte ist voll von legendären Falschprognosen. Man denke an die fehlenden Perspektiven für das Auto: „Die Zukunft ist das Pferd“, hat der damalige Kaiser gesagt. Oder an den schönen Satz, mehr als 640 KB Speicherplatz werde ein Mensch niemals in seinem Leben benötigen. Das Schöne wiederum ist, dass Bill Gates trotz dieser kapitalen Fehleinschätzung ein sehr reicher Mann geworden ist (also, zumindest für Gates ist das schön).

Speziell in den sich zunehmend mehr selbst beschleunigenden Entwicklungen der digitalen Welt könnte man vermutlich ein ganzes Kompendium von Fehleinschätzungen zusammenstellen und meine eigenen will ich da gar nicht ausnehmen, bevor mich jemand darauf hinweist: Ich hielt Twitter beispielsweise für komplett überflüssig und das iPhone für ein nettes Luxus-Spielzeug. Lernen kann man daraus zumindest,  nichts kategorisch auszuschließen und dabei dennoch ins Kalkül zu ziehen, mit neuen Ideen und Projekten jederzeit grandios scheitern zu können. Und dass es momentan nicht sonderlich sinnvoll ist, auf langfristige Strategien zu setzen.  Aufbauen und ggf. schnell wieder verwerfen – das ist zwar der Albtraum für Manager und Unternehmensberater, trotzdem aber kaum anders machbar.

Was die diversen „WhatsApp“-Projekte angeht, bin ich übrigens unentschieden. Weswegen ich es für eine ziemlich gute Idee halte, was die Kollegen da machen, u.a. in Bamberg und in Heilbronn: ausprobieren. Wer hinterher tönt, er habe es ja gleich gewusst (egal was), muss sich sagen lassen, bestenfalls ein risikoscheuer Wichtsack zu sein.

3.Lernt Euer Publikum kennen!

Den Seufzer kennt jeder, der schon etwas länger im Geschäft ist: Wenn wir doch bloß wüssten, was der Leser/Hörer/Zuschauer will! In den analogen Tagen, in denen man bestenfalls Quoten und Auflagen ein wenig analysieren konnte, war dieser Seufzer gerechtfertigt. Er war aber, nebenbei bemerkt, auch eine sehr kommode Ausrede: Wenn man mal wieder am Leser vorbeischrieb, konnte man darauf verweisen, dass man es eben nicht so genau weiß, was dieses Fabelwesen eigentlich will.

Ein solcher Seufzer zieht heute nicht mehr. Weil uns das Publikum jeden Tag auf sehr vielfältige Weise sagt, was er will. Gut, nicht immer so direkt. Aber es gibt mittlerweile ausreichend viele Möglichkeiten, zu den richtigen Rückschlüssen zu kommen. Man muss den Nutzer ja nicht gleich komplett gläsern machen, aber im Netzzeitalter lassen sich alleine aus dem Nutzerverhalten ganz andere Erkenntnisse als früher gewinnen.

Und man kann noch was ganz anderes machen: seine Nutzer fragen. Mit ihnen interagieren, kommunizieren. Weil soziale Netze und Kommentarfunktionen mehr sein könnten als reine Linkschleudern. Das mag banal klingen, muss man aber trotzdem so deutlich hinschreiben. Ich bin jetzt seit einem knappen Jahrzehnt immer wieder mal als Berater unterwegs – und es ist immer noch eine für mich verblüffende Feststellung: Über das Produkt wird in vielen Häusern präzise nachgedacht. Über die Leute, die es kaufen sollen, eher weniger. Fatal in einem Zeitalter, in dem sich ja nicht nur die Medien radikal wandeln. Sondern auch deren Nutzung.

Bevor das beliebte Totschlagargument kommt, man könne doch unmöglich ein Produkt nach Publikumswünschen machen, weil dabei nur Quatsch rauskommt: „Netflix“ hat das mal gemacht. Zahlen und Daten ausgewertet. Geschaut, was die User wohl gerne sehen könnten. Als man das dann wusste, hat man eine Serie in Auftrag gegeben. Weil die Leute Kevin Spacey mochten und gerne Drama-Serien zum Thema Politik und Gesellschaft sehen, hat man sich für eine Serie mit Kevin Spacey zum Thema „Politik“ entschieden. Herausgekommen ist „House of Cards“.

Nicht das schlechteste Argument dafür, sich mehr mit seinen Usern zu beschäftigen.

4. Macht aus Eurem Publikum eine Community!

Bei den „Krautreportern“ kann man alle Beiträge lesen, ohne dafür zu bezahlen. Trotzdem bezahlen Menschen für dieses Angebot. Weil sie Mitglied einer Community sein wollen. Das ist die vermutlich spannendste Erkenntnis aus dem Crowdfunding-Projekt, das irgendwann mal in der Gründung dieser Seite endete. Abonnenten der „Wired“ sind inzwischen auch nicht mehr einfach Abonnenten, sondern Member. Ein ähnlicher Gedanke wie er sich auch beim „Guardian“ durchgesetzt hat. Was ja auch naheliegend ist: Journalismus und Medien sind schon lange nicht mehr die Grundversorger von Information. Information gibt es in einem nie gekannten Überfluss. Was Journalismus also inzwischen schon heute und künftig noch viel mehr ist: der Welterklärer auf der einen und der Positionsbezieher auf der anderen Seite. Weil jede Community eine ist, in der Menschen ein paar Werte und Haltungen miteinander teilen und sie sich in ihren Haltungen tendenziell lieber bestätigt denn erschüttert sehen.

Wer also die „Wired“ liest, wird vermutlich eher zu der Kategorie der technikbegeisterten  Kulturoptimisten gehören und damit vermutlich das glatte Gegenteil eines FAZ-Lesers sein. Beide haben ihre Berechtigung und beide brauchen ihre journalistische Heimat. Dieses Lebensgefühl der journalistischen Heimat wird sich in den kommenden Jahren noch weiter verstärken – und auch an strategischer Bedeutung gewinnen. Gebt den Menschen eine Heimat und eine Community, statt sie mit Informationen zu überladen – so ließe sich ein publizistischer Auftrag für die Zukunft formulieren.

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Sagt da jemand gerade was von Filter Bubble? Natürlich. Aber es wäre naiv zu glauben, dass wir vorher nicht schon auch in einer solchen Blase gelebt hätten. Die Welt, die der „Spiegel“ seinen Lesern schildert, ist schon seit ungefähr 50 Jahren eine fundamental andere als die, die der FAZ-Leser vermittelt bekommt. Durch das Netz wird womöglich sogar die Notwendigkeit einer bubble größer. Nicht mal mehr der schlaueste Kopf ist noch in der Lage wirklich zu überblicken, was gerade alles in der Welt passiert. Dann lieber eine ordentliche Blase. Aus der kann man ja trotzdem mal nach draußen schauen.

Daraus resultiert aber auch anderes: Medien, deren Prinzip es ist, für alles und jeden ein bisschen was zu bieten, werden es zunehmend schwerer haben. Tageszeitungen beispielsweise, die gute alte „Illustrierte“ oder auch die vermeintlich großen Fernsehsender. Ihre Idee hatte ihre Berechtigung, die aber zunehmend mehr aus der Zeit fällt. Der Gedanke, einen ganzen Abend lang vor dem Fernseher zu sitzen, ist zunehmend absurd, wenn man das, was man wirklich sehen will, ganz woanders und viel einfacher bekommt. Im übertragenen Sinn gilt das ebenso für all die anderen „Wundertüten“, wie Henri Nennen mal seinen „Stern“ nannte“. Wundertüten haben – im metaphorischen Sinne – in der Zeit des Mangels funktioniert. Wer heute einem 10jährigen aus dem Supermarkt eine „Wundertüte“ mitbringen würde (wenn es denn noch welche gäbe), würde wahrscheinlich erstaunte Blicke ernten – und die Frage: Was soll das? Diese Frage muss man sich auch bei einem publizistischen Prinzip stellen, das jede Menge Zeug anbietet in der Hoffnung, dass man das eine oder andere davon interessant finden könnte. Wenn nebenan doch gleich die nächste Community ist, von der man verlässlich weiß, was man dort bekommt. Und wo man zudem auch noch gleich Menschen findet, die ähnliche Interessen und Werte haben.

Nebenbei bemerkt: Das wäre eigentlich alles keine ganz neue Erkenntnis. Lokaljournalismus ist immer schon auch ein Stück Community-Journalismus gewesen. Das gleiche Interesse ist die die gemeinsame Heimat – die außerhalb dieser Heimat in sehr vielen Fällen keinen anderen Menschen interessiert. Und nein, liebe Marketing-Manager: Zielgruppe und Community sind nicht dasselbe.

5. Entbündelte Inhalte, gebündelte Vermarktung

Meine beiden pubertierenden Töchter treiben sich bevorzugt auf Instagram rum. Da bin ich ab und an auch. Unser Verständnis von Instagram ist allerdings ein anderes. Ich sehe es immer noch als hübsche Foto-Plattform, für meine beiden Damen ist es eher ein Kommunikations-Tool.

Dafür können sie Twitter nichts abgewinnen. Ich schon.

Soll heißen: Es ist ein Irrglaube, wenn man meint, man könne im digitalen Zeitalter noch alle (oder wenigstens sehr viele) um das gleiche Lagerfeuer versammeln. Das letzte große TV-Lagerfeuer wird am Samstag gelöscht und nicht mal mehr die Kids lesen heute noch alle brav ihre „Bravo“. Man wird also, um in der Metapher zu bleiben, nicht daran vorbeikommen, viele kleinere Lagerfeuer zu entzünden, an denen sich versammelt, wer sich dort eben versammeln mag. Und das, ohne das Ziel zu haben, dass sie am Ende doch wieder zu dem einen großen Lagerfeuer kommen.

Konkret: Man erlebt noch viel zu häufig, dass beispielsweise Social-Media-Kanäle ausschließlich zu dem Ziel bespielt werden, irgendwann alle wieder zum „Muttermedium“ zu holen. Das kann, muss aber nicht der Effekt sein. Es geht vielmehr darum, eine Marke auf möglichst vielen Kanälen zu etablieren.

Aber man verdient doch mit Twitter oder Facebook kein Geld? Oder mit irgendwelchen kleinen Apps? Das mag in der einzelnen Betrachtung schon richtig sein. Geld verdient wird mit der Marke. Was letztlich zu einem scheinbaren Paradox führt: Man entbündelt seine Inhalte, um die Marke dann wieder gebündelt zu vermarkten.

Eine gute Marke und eine lebende Community – so müsste Journalismus funktionieren, wenn er auch ökonomisch überleben will.

 

Die Facebook-Falle

Über die Hälfte der Journalisten sind von Social Media gefrustet. Die Meldung macht seit ein paar Tagen die Runde – und sie scheint auf den ersten Blick alte Vorurteile insbesondere auf der digitalen Seite des Grabens zu bestätigen: Immer dasselbe mit diesem analogen Volk. Aber ganz so einfach kann man es sich nicht machen. Der augenscheinliche Frust zeigt vielmehr, wie sehr klassische Medien inzwischen in der Facebook-Falle gelandet sind…

Erstmal die nackten Zahlen: Es ist ja gar nicht so, wie in den meisten Meldungen geschrieben wird – nämlich, dass die Journalisten überwiegend Frust schieben. Zunächst einmal sagen 56 Prozent der befragten Journalisten, dass sich ihre Arbeit durch den Einsatz sozialer Netzwerke verbessert habe. Der Frust entsteht eher aus Enttäuschung: darüber, dass unter dem Strich nicht der Ertrag steht, den man sich erwartet hatte (was natürlich auch eine Frage falscher Erwartungen sein kann). 51 Prozent beklagen sich darüber, dass der Ertrag gemessen am Aufwand zu niedrig  ist. Oder der Aufwand zu hoch, ganz wie man will. (Detaillierte Zahlen gibt´s drüben beim „Universalcode“).

Das mag sicher zum Teil daran liegen, dass es nur wenig Strategien gibt und in vielen Fällen noch weniger Personal. Social Media ist immer noch häufig ein Nebenher-Produkt, das man halt macht, weil man es machen muss. Eine wirklich Idee davon, was man mit der Präsenz in sozialen Netzwerken erreichen will? In vielen Fälle immer noch nicht vorhanden…

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Ja, diese Sache mit den Strategien. Es wäre nicht mal sonderlich ketzerisch, würde man fragen: Habt ihr überhaupt eine? Also, eine die darüber hinausgeht, Links auf die aktuellsten eigenen Geschichten bei Facebook zu veröffentlichen. Oder gelegentlich Fragen zu stellen, die wohl so etwas wie Interaktion bedeuten sollen: Ist es bei euch heute auch so neblig? Habt ihr auch alle einen schönen ersten Advent? Klingt banal, erlebt man aber tatsächlich immer wieder. Das macht zwar auch Arbeit und Aufwand, aber es ist dann nicht  erstaunlich, dass sich der Ertrag in überschaubaren Grenzen hält. Wenn man als Nutzer am Tag von ungefähr 37 Redaktionen eher unpersönlich irgendwas gefragt wird, dann ist man nicht so sehr gewillt, darauf zu antworten. Oder womöglich irgendwas mit Interaktion zu machen.

Und überhaupt: Facebook, Goole, Twitter, all der andere Kram – es ist natürlich schon eine Idee, sich dort zu präsentieren. Aber gleichzeitig haben all diese Frenemys auch einen veritablen Nachteil: Mit jeder Aktion, und sei sie noch so klein, füttert man das Monster noch ein bisschen mehr. Natürlich gibt es die Beispiele für überaus gelungene Social-Media-Aktionen. Vor Auge halten sollte man sich aber auch das: Der allergrößte Teil dessen, was Menschen und Medien im sozialen Netz veranstalten, bleibt weitgehend folgenlos. Nur ein winziger Bruchteil wird wirklich wahrgenommen – man kennt dieses Long-Tail-Phänomen auch aus andere Teilen des Netzes. Was ja auch gar nicht anders geht, schon alleine angesichts der schiere Masse des täglich geposteten Sinn und Unsinns.

Wie gut ist also dann die Idee, das Monster jeden Tag weiter zu füttern, in der kleinen Hoffnung, dass man irgendwann mal einen Glücks-Treffer landet und seine 15 Minuten Social-Media-Ruhm abholt? Ist das in etwa so sinnvoll, wie in einem großen Raum voller heftig und laut debattierender Menschen so lange und laut zu brüllen, bis man alle anderen übertönt hat und sich damit wenigstens ein bisschen Gehör verschafft hat?

Die Frage ist, Sie ahnen es, rhetorisch. Wenn aus den bisherigen Aktivitäten im sozialen Web nicht so wahnsinnig viel Erfolgreiches und Zufriedenstellendes erwachsen ist – ist dann das soziale Netz schuld? Oder vielleicht die (falschen) Aktivitäten? Mit dem, was wir da laufend tun, vergrößern wir die Abhängigkeit von Frenemy Facebook&Co immer ein kleines Stückchen mehr. So wie ein Junkie an der Nadel (Hinweis: Ich mache das auch nicht anders, weil ich diese Beitrag natürlich später noch auf Facebook posten werde).

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Warum das alles hier steht? Weil die Journalisten-sind-gefrustet-Debatte in die falsche Richtung führt. Weil sie die ollen Kamellen zu bestätigen scheint, dass Journalisten und Medien einfach nur zu doof und faul sind, dieses Neuland zu begreifen. Die spannendere Frage wäre wer tatsächlich die: Ist es nicht langsam an der Zeit, sich aus der Rolle der Facebook-Junkies zu befreien? Eine Strategie ausschließlich darauf aufzubauen, dass man auf fremden Kanälen irgendwie wahrgenommen wird, klingt jedenfalls auf Dauer nicht wirklich zukunftsträchtig.

Medien 2014: Die Mutlosen

Wie sollen Print und Online künftig „zusammenwachsen“? Solche Debatten prägen ernsthaft immer noch das Jahr 2014. Bei soviel Mutlosigkeit ist es kein Wunder, dass es aus der Branche momentan mal wieder eher schlechte Nachrichten gibt.

Manchmal lohnt es sich ja doch, buchstäblich über Grenzen zu schauen. In diesem Fall: in die kleine und zumindest in Sachen Medien gar nicht so beschauliche Schweiz. Dort sitzt in Zürich die „Neue Zürcher Zeitung“. Ein Blatt, bei dem Medienjournalisten ungern auf ein Attribut wie „altehrwürdig“ verzichten. Und tatsächlich ist die NZZ ein Blatt, wie es vermutlich nur in der Schweiz möglich ist. Gegen die staubtrockene NZZ ist die FAZ knallbunter Boulevard.

Ausgerechnet bei diesem Blatt, bei dem schon ein Farbfoto ins Auge sticht, Ironie grundsätzlich verboten ist und bei dem man unmittelbar an grauhaarige Herren in Tweed-Sakkos denken muss, ausgerechnet dort also tut sich seit geraumer Zeit einiges. Die NZZ arbeitet gerade an einem Relaunch des Blattes, der es nicht bei ein paar optischen Retuschen belassen wird. Genau genommen dürfte bei der NZZ der Zukunft kein Stein auf dem anderen bleiben. Das Blatt wird dünner werden, was aber – im Gegensatz zu vielen deutschen Strategien – nicht als reine Sparmaßnahme zu verstehen ist. Stattdessen gibt es mehr Inhalte auf digitalen Kanälen. Die NZZ streicht nicht einfach Seiten, sondern richtet ihre komplette inhaltliche Strategie neu aus.

Neuausrichtung heißt in diesem Fall auch Neuausrichtung. Es geht nicht nur um eine Verlagerung ins Web. Sondern um die Frage, wie man welche Geschichte wo erzählt. Mit NZZ Stream hat sich ein hauseigenes Lab auch Gedanken darüber gemacht, ob die Art und Weise, wie Newsangebote im Netz aussehen, überhaupt noch die Richtige ist. Oder ob man nicht langsam weg müsste von der Idee, dass ein Online-Angebot eine Art Zeitung im Netz ist.

Und gleichzeitig – ja, Sie lesen richtig – investiert die NZZ. In Inhalte, in Redaktion, in eine Expansion. Demnächst geht in Wien nzz.at an den Start. Selbst eine mittelfristige Expansion nach Deutschland schließen sie in Zürich nicht aus. Das liest sich zunächst einmal bizarr, angesichts dessen, dass in Deutschland alleine in den letzten beiden Wochen in Frankfurt und in Darmstadt der Wegfall von rund 500 Jobs bekannt gegeben wurde.

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Und damit nach Deutschland. Man muss diese Geschichte aus Zürich wohl erst einmal voranschicken, wenn man sich bewusst machen will, was im Medien-Lande D.  gerade so passiert. Man muss es deswegen erzählen, weil man bei den ganzen aktuellen Debatten immer wieder den Eindruck vorgegaukelt bekommt, es sei quasi alternativlos, Stellen zu streichen, Redaktionen zu schließen und strikte Sparmaßnahmen zu verkünden. Und man muss das Beispiel NZZ erwähnen, um zu zeigen, wie sehr manche Debatten und Strategien in Deutschland aus der Zeit gefallen sind.

Beim „Spiegel“ beispielsweise debattieren sie immer noch nicht nur über ihren Chefredakteur, sondern über die Frage, ob und wie Online und Print verzahnt werden dürfen. Beim „Focus“ hat der neue Chefredakteur verkündet, es sei ihm mehr oder weniger egal, was „Focus Online“ so treibt. Beim „Stern“ ist ihnen die Frau, von der man vermutete, dass sie durchaus wissen könnte, wie man eine Digitalstrategie aufbaut, mal eben abhanden gekommen. Die FAZ streicht 200 Stellen, das „Darmstädter Echo“ löst sich beinahe komplett selbst auf. Fünf Beispiele aus Deutschland, vom großen Nachrichtenmagazin bis hin zur durchschnittlichen Regionalzeitung – und kein einziger hat eine echte Antwort auf die Frage parat, wie es denn künftig eigentlich weitergehen soll. Der „Focus“ will konservativ sein, der „Stern“ will eine anspruchsvolle „Gala“ sein und der „Spiegel“ am liebsten so bleiben, wie er ist. Zukunftsfähig ist das alles mittelfristig nicht.

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Die Kollegen der „Stuttgarter Zeitung“ haben jetzt ein interessantes Projekt gemacht: Mit „S-Vibe“ haben sie eine App rausgebracht, die so ganz anders ist als das was man bisher von Zeitungsredaktionen an Apps geliefert bekommen hat. Tobias Köhler hat drüben beim „Universalcode“ die Entstehung geschildert – auf auf einen besonders interessanten Aspekt hingewiesen: Maßgeblich inspiriert wurde die App von einem App-Entwickler. Das klingt erst einmal so furchtbar banal. Ist es aber nicht. Weil in den meisten deutschen Medienhäusern immer noch Zeitungs-, Radio- oder Fernsehmenschen plötzlich auch dieses „Online“ mitmachen sollen. Dabei ist alleine schon der Sammelbegriff „Online“ nicht mehr treffend. Nicht mehr in Zeiten, in denen Online so viel Unterschiedliches sein kann. Online, das ist heute das klassische Webangebot ebenso wie soziale Netzwerke. Wie Videoplattformen, Fotonetzwerke, mobile Applikationen. Ja, das ist alles irgendwie noch digital und irgendwie Internet. Aber in seiner Pauschalisierung genauso falsch wie die Behauptung des neuen Digitalkommissars Oettinger, Promis hätten ihre Nacktbilder ins Internet gestellt. Klar ist so eine Cloud auch irgendwie Internet. Aber eben nur irgendwie. Und so ist es eigentlich auch verkehrt, von Online-Journalismus zu reden. Man müsste eher von digitalem Journalismus reden, der auf den diversen Plattformen auch unterschiedliche Ausprägungen hat. Und deswegen von Menschen gemacht werden sollte, die diese Ausprägungen kennen. Wer sieht, wie viele Redaktionen soziale Netzwerke immer noch in erster Linie als Linkschleudern verstehen, der weiß, was gemeint ist. (Einen ausgezeichneten Text hat dazu unlängst Wolfgang Blau geschrieben. Übrigens nicht im Guardian, sondern bei Facebook). Oder diese ganzen unsäglichen Webvideos, die ungeschulte Redakteure nebenbei noch machen sollen.

Und wir debattieren ernsthaft noch über das „Zusammenwachsen“ von Print und Online?

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Es ist diese Mutlosigkeit, die mich aufregt. Die sich quer durch viele Reihen zieht. Auch da hilft ein Blick über die Grenze in die Schweiz. Dort haben die Kollegen des Schweizer Fernsehens am vergangenen Wochenende erstmals versucht, „WhatsApp“ als eine neue Art News-Kanal zu nutzen (eine Beschreibung des Projekts durch Konrad Weber findet sich hier). Ich habe keine Ahnung, ob „WhatsApp“ jemals ein Newskanal wird oder nicht doch ein eher privates Medium bleiben wird. Aber es ist zumindest einen Versuch wert, genau das herauszufinden (so wie vieles andere auch). Wenn ich dann umgekehrt sehe, dass es in der einen oder anderen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt schon als Fortschritt gesehen wird, wenn irgendjemand on air ein paar Tweets vorliest, dann bekomme ich Zweifel an der Zukunftsfähigkeit solcher Sender. Mich stört die Tatsache enorm, dass schon alleine die Möglichkeit, ein Versuch könne scheitern, dazu führt, dass man den Versuch erst gar nicht unternimmt.

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Und ganz zum Schluss noch eine Episode, die mir ernsthaft vor ein paar Jahren passiert ist. Auf irgendeiner dieser berüchtigten Medien-Panels sollte ich über die Bedeutung sozialer Netzwerke für den Journalismus sprechen. Nach meinem Vortrag unterhielt ich mich mit jemandem, der mir mit einiger Herablassung in der Stimme sagte, man habe jetzt erst etliche Millionen für ein neues Druckzentrum ausgegeben. Da habe man weder das Geld (sic!) für Twitter, noch brauche man das.

Der Herr kam aus der Chefredaktion des „Darmstädter Echos“.